Ahimsa

Ahimsa ist ein Wort aus dem Sanskrit und betont die Gewaltlosigkeit im Umgang mit allem anderen.

Im Austausch mit Yogis scheint es mir oft so, als würde damit hauptsächlich eine vegetarische Ernährungslehre einhergehen.

Ungeachtet dessen, dass sich ein militanter Vegetarier zumindest in solchen Kreisen also ad absurdum führen würde, gibt es viel Kurioseres zu entdecken.

———-

Sie fährt mit dem Auto auf der Hauptstraße. Heute ist sie ziemlich spät dran und zudem ärgert sie sich, dass die Tanknadel fast auf leer steht. Vermutlich muss sie auf dem Nachhauseweg noch an eine dieser Selbstbedienungsanlagen. Dabei war am Morgen, als sie die kurze Strecke zum Bäcker zurücklegte, um frische Brötchen zu bekommen, mit Sicherheit noch genug vorhanden. Das wird ihr ältester Sohn zu hören bekommen!

An der Kreuzung stiehlt sie einem grünen Peugeot den Vorrang, schließlich will sie möglichst pünktlich sein. Dass der andere deswegen hupt, versteht sie nicht.

„Dummkopf! Das nächste Mal musst du eben schneller sein“, beschimpft sie in laut über die Mantras hinweg, die aus dem CD-Player schallen.

Natürlich sind die Parkplätze in Eingangsnähe fast ausnahmslos besetzt. Der letzte, auf den sie ihre Aufmerksamkeit richtet, wird ihr vor der Nase weggeschnappt. Der gewaltige Fluch bleibt ein privates Gedankenspiel. Völlig intim. Niemand erfährt davon.

Mit Matte und Sitzkissen unter dem Arm hastet sie die Treppe hinauf. Dabei streift sie die Sekretärin, der ein ganzer Stapel an Papieren aus der Hand fällt.

„Tschuldige!“, ruft sie schnell, kann es sich aber nicht leisten, stehen zu bleiben und noch mehr Zeit zu verlieren.

Endlich. Fast noch rechtzeitig. Entspannungsübung zu Beginn.

Die dummen Gedanken kreisen um den Fuß, auf den sie vorhin ihrer Nachbarin getreten ist. Warum muss die auch so nahe an ihrem Stammplatz liegen, so dass sie nun ganz eingeengt entspannen muss? Hat sie sich getäuscht, oder gibt es neue Vorhänge im Raum? Sie blinzelt. Ja, es stimmt. Schön sind sie nicht. Entspann dich endlich, fordert sie sich selbst auf. Meditationen und so Zeug liegen ihr überhaupt nicht. Es schleichen sich die Worte in ihren Geist, die sie ihrem Sohn später noch sagen will. Die Rage verhindert das Loslassen komplett, doch egal, es geht los.

Der Hintern der Frau vor ihr ist ganz schön fett und diese ach so perfekte Rosa muss sich immer bis ganz nach unten beugen, so dass die Stirn das Knie berührt. Das – muss – auch – bei – ihr – gehen! Verdammt! Im Oberschenkel bemerkt sie ein brennendes Ziehen. Ganz sicher wäre sie mindestens so beweglich wie Rosa, nur die Verletzung will nicht abklingen.

Am Ende der Stunde hält sie befriedigt fest, dass ein Schweißtropfen von ihrem Bauch über die Taille nach unten rinnt. Das bedeutet, es wurden Kalorien verbrannt.

Morgen macht sie eine Pause vom Yoga, der Physiotherapeut soll sich zuerst um die Verspannung zwischen den Schulterblättern kümmern.

Als Gedanke für die kommende Woche liest die Yogalehrerin etwas zu Ahimsa vor. Zuhören muss sie nicht, denn vegetarisch kocht sie schon lange. Lieber widmet sie sich wieder dem Problem leerer Tank. Das will sie heute noch klären. Ein für alle Mal!

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter a G'schichtle, gefunden

Dazu möchte ich gerne sagen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s