Prioritätenliste

Es war schlimm. Henni hatte geweint, als Tara ihm von der fatalen Diagnose erzählt hatte. Wie in einem Karussell kamen dauernd Fragen nach Behandlungsmöglichkeiten, Aussichten, Wahrscheinlichkeiten und Zeitspannen. All das war in den letzten Wochen auch in ihr vorgegangen, doch ihren Partner so gebrochen zu erleben und dabei Antworten finden zu müssen, die sie nicht hatte, das raubte ihr jegliche Energie.

Am ersten Tag hatte sie sich fast alleine um die Kinder kümmern müssen, weil Henni derart unter Schock stand, dass er fürchtete, jeden Moment die Kontrolle zu verlieren und dann vor den Buben zusammenzubrechen. Diesen Anblick wollte er ihnen ersparen und Tara gab ungern zu, dass auch sie froh war, wenn sie seinen Gesichtsausdruck nicht ständig vor sich hatte. Das Bild war ohnehin schon auf ihre Netzhaut gebrannt.

Aber sie hatte nicht ewig verheimlichen dürfen, dass sie diese Familie in absehbarer Zeit verlassen musste. In wenigen Monaten würde Henni als alleinerziehender Vater mit drei Jungs im Alter zwischen drei und sechs Jahren übrig bleiben. Es würde das Beste sein, wenn sie die Zeit bis dahin mit ihren Kindern noch nützte und ihm diesen einen Tag schenkte.

Am Abend hatte es sich Tara mit den Buben vor dem Fernseher bequem gemacht. Nach der Gute-Nacht-Geschichte des Sandmännchens würde dann das Ritual, alle ins Bett zu bringen, starten. Eng aneinandergekuschelt und mit einer ausgebreiteten, kuscheligen Decke saßen sie da. Jede Berührung, die zunehmende Hitze und selbst das Gewicht auf ihr begrüßte sie, weil sie wusste, dass das alles gezählt war.

Leise betrat Henni das Wohnzimmer und brachte durch sein Dazustoßen das Arrangement kurzfristig in Unruhe. Blass und müde beugte er sch zu ihr herüber und drückte Tara einen Kuss auf die Schläfe. Danach strich er jedem Sohn kurz über den Kopf und erkundigte sich danach, worum es sich in der heutigen Geschichte drehte.

Meistens verpasste Henni die Fernsehabende, weil er stattdessen lieber Arbeiten im Büro erledigte. Tara vermutete, dass er in Zukunft genau wie sie dieses Zusammensitzen allem anderen vorziehen würde.

Ganz automatisch hatte sich die Prioritätenliste geändert. Ein einziges Wort, die Diagnose, und dazu eine in Prozenten angegebene Wahrscheinlichkeit hatten dazu geführt.

Nun schien es viel mehr Freiraum in ihrem Leben zu geben. Zeit, die sie mit den Kindern verbringen konnte und wollte. Zeit für Henni und auch für sich selbst.

Der Tod hatte eine neue Perspektive mit sich gebracht. Scheuklappen für vieles und gleichzeitig Brillengläser, um die wirklich wichtigen Dinge noch schärfer zu sehen. In diesem Moment, in dieser Sekunde empfand Tara das als Befreuungsschlag und war sogar dankbar dafür.

Die kleine Träne, die gleichzeitig über ihre rechte Wange rann, wischte sie rasch weg.

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