Wirf deine Krücken weg

Eine Woche ist um. Fastenzeit. Für mich eine Woche ohne Kaffee. Von hundert (na ja, eher von vier) auf Null.

Kaffee hat bei mir multifunktionale Beliebtheit.

–          Anlass zum Aufstehen und in die Küche gehen

–          Treffen von anderen Pausikern und Gespräche mit ihnen

–          Zurückziehen ganz zu mir und Gedanken schweifen lassen

–          Als Zeitmesser, wie lange ich an einem Tisch sitzen und lesen oder schreiben kann (würde die Tasse nie leer, wäre es leicht, die Stunden zu vergessen)

–          Als Kompagnon vor dem Computer, wenn ich tippe

–          Finger- und Bauchwärmer

–          Belohnung, wenn etwas vollendet wurde

–          Goodie auf Reisen

–          Neutralisator von Süßem

–          Bekannter Freund, wenn die Trink-Alternativen unattraktiv wirken

–          Geruchsfreuden

–          Stiller Lauscher bei wichtigen Gesprächen, die sich um Gott und die Welt drehen

 

Warum sollte ich also darauf verzichten? So einfach wie unmöglich zu erklären: Weil ich die Idee hatte und es sich gut anfühlte.

Rückblick nach der ersten Woche: Es ist ganz leicht. Keine körperlichen Reaktionen und auch im psychischen Bereich ist es erfreulich ruhig.

Das Schönste aber ist die Erkenntnis, dass ich alles, was oben aufgezählt wurde, trotzdem noch erfahren darf. Den Grund oder den Begleiter Kaffee brauche ich dazu nicht. Das ist ein Geschenk.

 

Ich bin generell eine Freundin davon, Krücken loszulassen. Wie heißt es so schön in der Bibel? Steh auf, nimm deine Bahre und geh. (Joh 5,8) [Ja, der Vergleich hinkt an manchen Stellen, doch vordergründig hat dieser Mann vergessen, dass er seinen eigenen Beinen und seinem Weg trauen kann. Er war von der Bahre und helfenden Menschen abhängig geworden, hatte sich womöglich in diesem Leben bequem eingerichtet.]

 

Ein Beispiel abseits von Kaffee und Heilgeschichten:

Vor kurzem sprach ich mit Jugendlichen darüber, was im Leben wichtig und wertvoll ist und was sie als nebensächlich oder Luxus einstufen.

Bei Freundschaft, Beziehung und Liebe waren sie sich einig, dass dies zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen gehört.

Zu den Bereichen Auto, Schokolade oder Handy gab es allerdings Diskussionen. Mancher definierte das Handy sogar als lebenswichtige Basis. – Interessant, das wollte ich genauer wissen. Ich ließ meine jungen Freunde erzählen, was sie mit ihrem Telefon machten und wozu sie es nutzten. Zusammengefasst kann man sagen, dass sie ihr Handy als Mittel dazu verwenden, das Grundbedürfnis nach Beziehung zu anderen Menschen zu befriedigen. Es ist also gar nicht zu lachen, wenn jemand in dieser Situation sagt: „Ohne mein Handy sterbe ich.“ In gewisser Weise schätzt sie/er die Gefahr absolut richtig für sich ein.

 

Nicht nur Kindern und Jugendlichen geht es so – siehe Beweisstück Nummer eins: meine Aufzählung oben.

Man höre sich auch einmal um, wie viele kleine Helferchen es im Alltag gibt. Dabei darf unterschieden werden. Macht mich mein Helferchen von etwas oder jemandem abhängig? Hat die Apotheke geschlossen, ist die Kaffeemaschine kaputt, mein Glücksbringer liegt daheim oder ich trage die falschen Socken und schon geht gar nichts mehr? Das sind für mich Kriterien, um besonders achtsam zu werden.

Es gibt auch Unterstützung, die ich jederzeit und immer bekommen kann. Für Kinder gefällt mir die Möglichkeit, Energiepunkte zu halten, besonders gut. Erste Erkenntnis: Ich habe alles bei und in mir, was helfen kann. Der Kreis lässt sich noch weiter ziehen. Summen beruhigt unser System (Mamas machen das auch mit ihren Kindern), meditieren, atmen (sollte immer möglich sein), Körperübungen, ein Satz, Lied, Gebet oder Gedicht, das wir hervorkramen können und uns wieder zu uns selber bringt.

Alles ganz ohne externe Krücken und solange wir in der Anwendung flexibel bleiben, sind die Nebenwirkungen durchgehend wünschenswert.

 

Wirklich freudvoll und lebendig wird es für mich dort, wo wir Hilfsmittel als Gewohnheit entlarven und uns nicht länger darauf stützen, als würde uns mit ihnen genommen, was sie uns nie geben konnten.

 

Die Frage, die am Ende noch bleibt, lautet, warum Jesus dem Ex-Lahmen aufträgt, seine Bahre mitzunehmen. Ging es um Ordnung und Verantwortlichkeit? Oder wurde bereits damals der Grundstein für Coffee-to-go gelegt?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter ein bisschen Philosophie

Eine Antwort zu “Wirf deine Krücken weg

  1. Staunen! Kann man dich clonen, zweifach, dreifach, vierfach, fünffach, sechsfach…?

    Von Vier-auf Null-Geschichten: Das Universum einer Tasse Kaffee. Grandios.
    Wer sich von einer Reise verändern lässt, ist ein Pilger. )

    Energiepunkte für die Jugend. Sabbat in der Kaffeeküche. Bewusstwerdung von Abhängigkeiten. Lupenblick auf die kleinen-großen Abhängigkeiten. Mut fassen- sich trauen! Erfahren, es geht auch ohne Glücksgefühlverlust. Achtsam bleiben. Präsenz im Moment. Du setzt mitten in der tiefsten Welt einer Wohlstandsgesellschaft an. Ersatzhandlungen. Raus aus der Oberflächlichkeit – summend rein in die Tiefenerfahrung der Lebendigkeit und der eigenen Kraft.

    Jesus und die Bahre? Vielleicht damit der Mann sich immer daran erinnert, dass er einen Willen hat mit dem er „Berge versetzen“ kann?
    .viele Jahre trug die Bahre ihn, nun sollte er sie tragen. Nicht nur körperliche Heilung- geistige Heilung. Aus meiner Sicht ging es um die Erfahrung des eigenen Willens….

    Danke für diese großartige Gedankenreise.

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