Eine besondere Art der Trauer

Ich las von Trauer. Konkreter von der Trauer über die Zerstörung der Umwelt.

Ist das in unserem Alltag Thema? Spricht jemand darüber?

Abseits von der Einsicht, dass es feinfühlige und zartbesaitete Menschen gibt, die sensibler als andere auf Begebenheiten reagieren, fand ich das erste Mal derart deutliche Worte.

Weil das Buch vergriffen und nur noch auf Umwegen zu bekommen ist, gebe ich diese Passage hier weiter.

Ein Trauerviech namens Tränchen begleitete durch das Märchen, welches Hauptbestandteil von „Auf der Suche nach den Regenbogentränen. Heilsamer Umgang mit Abschied und Trennung“ ist. (C.Bertelsmann, 10. Auflage, 1994)

Tränchen unterhält sich im letzten Teil des Buches mit dem Autorenpaar Jorgos Canacakis und Annette Bassfeld-Schepers.

AUTOREN: Wir wissen, worauf du anspielst. Du möchtest uns auf eine tiefe Trauer hinweisen, die wir offenbar gar nicht bemerken. Es geht um die schreckliche Zerstörung unserer Umwelt, den langsamen, grausamen Tod unserer Mutter Erde. Das meinst du doch, oder?

TRÄNCHEN: Natürlich. Was fällt euch eigentlich ein, so etwas Grausames und Selbstmörderisches zu tun? Liebe Leser, stellt euch vor, ihr habt in eurer Familie eine schöne, herrliche, liebevolle und fürsorgliche Mutter, mit richtig dicken, prallen Brüsten und einem weichen, runden Bauch. Könnt ihr euch das vorstellen, ja? Diese Mutter nährt euch, sie trägt euch und schenkt euch alles, was ihr braucht, ohne eine einzige Forderung zu stellen. Macht euch das einmal klar: Sie stellt keine Bedingungen. So etwas kommt schließlich selten genug vor. Wie wäre es, wenn ihr eines Tages über diese Mutter herfallt, sie quält und mißhandelt, auf sie einstecht, sie mit Schlägen und Tritten foltert und gleichgültig zuseht, wie sie langsam aber sicher an ihren Qualen krepiert? Na, wie fändet ihr das? Eine Familie, die so etwas täte, würdet ihr doch für völlig wahnsinnig und gemeingefährlich halten, oder? Ihr würdet dafür plädieren, diesen Monstern das Handwerk zu legen, damit sie niemandem mehr schaden können. Kurzum: Eine solche Familie wäre komplett behandlungsbedürftig. Ich bin mir da eurer ungeteilten Zustimmung sicher. Aber wenn ich mir anschaue, was ihr mit eurer Mutter Erde macht, werde ich den scheußlichen Verdacht nicht los, daß genau dieses Bild auf euch Menschen zutrifft. Ihr zerstört, was euch nährt, und die Brutalität, die ihr dabei an den Tag legt, kann einen das Fürchten lehren.

AUTOREN: Du hast völlig recht, Tränchen. Unser Umweltmord ist ein schreckliches Kapitel der Zivilisationsgeschichte. Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, werden uns die Konsequenzen dieser Lebensunart in eine schleichende Depression führen, und wir werden zerstört in einer zerstörten Welt herumirren, ohne den Hauch einer Ahnung von Sinn und Schönheit des Lebens. Aber solange wir das, was bereits tot und verstümmelt ist, nicht betrauern, gibt es keine Möglichkeit, aus dieser Erstarrung herauszufinden. Ist überhaupt schon eine öffentliche Träne geflossen für all die kaputten Bäume, das vergiftete Wasser, die verpestete Atmosphäre? Nein, wir schauen zu und halten still. Erst wenn wir es schaffen, öffentlich zu klagen, zu protestieren sowie Verzweiflung und Schuldgefühle zu spüren, erst wenn wir gemeinsam den bereits zerstörten Teil beweinen, werden wir als fühlende Menschen merken, wie wichtig und unverzichtbar diese Mutter für uns ist.

Das wurde vor zwanzig Jahren veröffentlicht. Sehen wir uns um. Schleichende Depression? Boomende Absätze im Bereich Psychopharmaka? Ein Zusammenhang, der für mich durchaus stimmig erscheint.

Mir fallen aber auch Mahnmale ein, die mittlerweile sehr wohl Schritte in eine heilende Richtung unternehmen. Trauer des Kollektivs um Ungeheuerlichkeiten, die geschehen sind, bekommt langsam Platz in unserer Mitte.

Auf den Philippinen besuchte ich einen Ort, der von einer schweren Überschwemmung heimgesucht worden war. Ein Teil des Gebietes wurde nicht aufgeräumt, um als natürliche Erinnerung an das Unglück und die damit verbundene Trauer zu erinnern.

adp

Das ist der erste Teil. Daneben ist die Bereitschaft unerlässlich, sich von diesen Denkmälern berühren zu lassen. Dort zu verweilen, in sich hineinzuhorchen und zu spüren, was sie in uns auslösen, um dem schließlich auch Ausdruck verleihen zu können.

Trauer darf und soll – im Sinne unserer Gesundheit – Platz haben. Wie heißt es so schön in dem Märchen?

„Seid gewiß, wenn ihr eure Tränen liebt, wird auch die Freude einen großen Platz in eurem Herzen haben.“

Somit wünsche ich euch allen den gesamten Gefühlsreichtum, der in euch wohnt. Für euer Wohl und zum Wohle von uns allen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Eine besondere Art der Trauer

  1. …beeindruckt…berührt…von Tränchen…von dir und deinen Gedanken.
    Du warst auf den Philippinen? …noch mehr beeindruckt…Magst du darüber nicht auch mal einen Beitrag bringen?
    DankeDanke. Schießt einmal durch das Herz und wieder zurück.

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