Gewittertränen

Henni weinte, doch diese Tatsache verunsicherte Tara nicht. Zumindest nicht generell gesehen. Auch bei ihr gab es jene Momente, da stand die Tatsache des baldigen Abschieds so groß und unbarmherzig vor ihr, dass sich erst dann Erleichterung einstellte, wenn sie darum getrauert und eben geweint hatte. Wie nach einem Sommergewitter fühlte sie sich anschließend. Die elektrische Aufladung, das Aufbäumen und das einem Höhepunkt Zuwandern hatte dadurch ein Ende und sie konnte wieder durchatmen.

Jetzt, hier und heute war es bei Henni aber ein anderes Gewitter. Keine Erlösung war in Sicht, stattdessen wurde er immer wieder neu von Kopf bis Fuß erschüttert und seine verzweifelten Schreie dämpfte er, indem er sich ein Kissen aufs Gesicht drückte.

Er war gerade erst von einer Sitzung nach Hause gekommen und hatte sich mit den Kleidern aufs Bett geworfen, um sich diesem Zustand hinzugeben.

Tara streichelte seinen Rücken, küsste seine verkrampften Hände, die das Kissen festklammerten und umarmte ihn so fest sie konnte. Sie wollte ihm zeigen, dass sie hier war und dass sie ihn verstand.

Eine Viertelstunde später konnte sie noch immer keine Veränderung feststellen, was langsam den Verdacht erweckte, den wahren Hintergrund für diesen Ausbruch noch nicht vollständig erfasst zu haben.

Deshalb begann sie zu bitten und betteln, irgendwann zu fordern, dass er sein Verhalten erklärte. Sie bekam es tatsächlich mit der Angst zu tun.

„Henni, dein Verhalten macht mir Angst“, sagte sie deshalb.

Mit einem Raunen warf er das Kissen weg und blickte sie aus geschwollenen Augen an, aus denen immer noch Tränen liefen. Seine so vertrauten Züge waren fast zur Unkenntlichkeit verzogen.

Nun roch Tara, dass er getrunken hatte. Alkohol spielte sicher eine Rolle, die Hintergründe waren dennoch wichtig.

„Erzähl es mir!“, beschwor sie ihn leise.

Danach wünschte sie, es niemals erfahren zu haben.

Wie sollte sie darauf reagieren? Was war ehrlich?

„Ist schon gut“, stammelte sie. Und noch einmal: „Ist schon gut, Henni.“

Kurz streichelte sie seine Brust, dann stand sie auf und verließ das Schlafzimmer.

Sie brauchte Zeit, um sich rund um diese Wahrheit neu zu sammeln.

Er folgte ihr nicht. Mit den Worten waren seine Tränen versiegt und seine Kraft damit. Ganz bestimmt würde er liegen und warten. Warten, dass sie zurückkam. Dass sie ihm vergab.

Barfuß tappte Tara den Flur entlang. Vor und zurück. Einmal, zweimal, dann blieb sie beim Farn stehen und berührte sanft seine Blätter.

Was hätte sie an Hennis Stelle getan?

Um die Antwort darauf zu finden, schlich sie sich leise in das Kinderzimmer ihres ältesten Sohnes.

Jonas lag in tiefem Schlaf. Mit dem Zeigefinger strich sie ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Seit einem halben Jahr weigerte er sich, seine Haare schneiden zu lassen. Früher hatte sie noch versucht, ihn umzustimmen, heute war ihr das egal. Diese Entscheidung konnte man getrost einem Sechsjährigen überlassen.

Über dem linken Auge konnte sie im schwachen Lichtschein die Narbe erkennen, als er mit drei Jahren gestürzt war. Das war der größte Schreck ihres Lebens gewesen. Ihr Kind und gleichzeitig so viel Blut. Henni hatte sie am Abend aus dem Kinderzimmer zerren müssen, weil sie nicht von Jonas‘ Seite weichen konnte.

Die Füße wurden kalt und mit dieser Empfindung kam auch die Erkenntnis, die sie Henni sofort mitteilen wollte.

Er regte sich nicht, als sie eintrat. War er etwa eingeschlafen?

„Henni?“, flüsterte sie in den dunklen Raum.

„Ja“, antwortete er und zog die Nase hoch.

Um sich aufzuwärmen, schlüpfte Tara unter die Bettdecke und schmiegte sich eng an ihren Mann.

„Es war eine rhetorische Frage, die auf etwas ganz anderes abgezielte“, begann sie leise und sie wusste, er hörte aufmerksam zu.

Nach einigen Erklärungen hatte sie vorhin verstanden, welche Begebenheit Henni aus der Fassung gebracht hatte.

Vor zwei Jahren, als er sich für seinen Job beworben hatte, war er im Zuge des Vorstellungsgespräches gefragt worden, was er tun würde, wenn er sich schwimmend in einem tobenden Meer befinden würde und nur eine Person vor dem Ertrinken retten könne. Zur Auswahl standen seine Mutter, seine Frau oder sein Sohn. Für den Betriebspsychologen mochte das interessant sein, Tara wusste es nicht und interessierte sich auch nicht für dieses Detail. Jedenfalls hatte Henni damals schweren Herzens geantwortet, dass er sich für sein Kind entscheiden würde.

Nun hatte sein Unterbewusstsein eine haarsträubende Kombination geboren. Henni hatte sich in diesem hypothetischen Fall gegen Tara entschieden und nun starb sie ihm so einfach weg. Ein Teil seiner selbst befürchtete, er hätte es so gewollt oder – schlimmer noch – das Drama ausgelöst.

Tara selbst glaubte keine Sekunde daran, ein wenig Zeit, um sie zu sammeln, hatte sie dennoch benötigt.

„Weißt du was, Henni? Wenn mir jemand diese Frage gestellt hätte, ich hätte genau wie du unseren Sohn gewählt. Es wäre mir schwer gefallen, doch es wäre die einzig richtige Antwort für mich gewesen. Ich verstehe dich also. Und weißt du was?“

Er rührte sich nicht.

„Weißt du was?“, wollte sie erneut wissen und schüttelte ihn.

Wieder ein Hochziehen der Nase. „Nein“, kam es gebrochen.

„Wenn wir beide hinter unserem Kind herschwimmen, dann bedeutet das doch, dass wir dadurch wieder beisammen sind. Nicht wahr? Kannst du das sehen?“

Anstelle einer Antwort wischte sich Henni neue Tränen, dieses Mal leise und traurige anstelle von verzweifelten Sturzbächen, aus den Augen.

Tara streckte sich und gab ihm einen Kuss.

Mit einem Mal umarmte er sie fest und vergrub sein Gesicht in ihrem Hals.

„Ich liebe dich so sehr“, seufzte er.

„Ich weiß“, tröstete sie ihn. „Ich weiß.“

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

3 Antworten zu “Gewittertränen

  1. Noch nicht gelesen….uuuuaaaahhhhhhhhhhh, es geht weiter….yippiieh…fahre jetzt durch zwei leuchtend gelbe Felder hindurch , meterhoch, setze mich mitten in ein Meer von Riesenbäumen hinein, ein Stück unberührte Landschaft. Dort werde ich dich lesen. Freue mich schon darauf.

  2. Puh.Schwitz.Ich weiss nicht, ob meine Geduld ausreicht. Liebe Autorin, koennten Sie nicht bitte etwas mehr….preisgeben. Ein Zukunftsbuch, das ich spaetestens jetzt von hinten zu lesen beginnen wuerde, weil ich es nicht aushalte….
    spannend.

    • Liebe Martina, sei gewiss, ich weiß kaum mehr als du 🙂 Sicher ist, dass Tara aber deine früheren Worte noch finden wird. Darauf freue ich mich schon, bin gespannt, was sie dazu sagt.

Dazu möchte ich gerne sagen:

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