Erinnern, um zu leben

Wohin Tara auch blickte, heute sah sie nur Dinge, die über ihre Lebenszeit hinausgingen.

Mathias hatte beim Frühstück erwähnt, dass er sich zum Geburtstag ein Zelt wünsche. Die Chancen standen schlecht, dass Tara bis zum Herbst durchhielt. Und wenn, so blieb immer noch die Frage, in welchem Zustand sie dann sein würde.

Bei einem Telefongespräch mit der Schwester wurde jetzt, im Jänner schon, darüber nachgedacht, ob sie im nächsten Jahr nicht alle gemeinsam auf einer Hütte Silvester feiern könnten. Für Henni und die Kinder sicher keine schlechte Idee. Dann waren sie nicht alleine.

Den Schuleintritt von Mathias und Benjamins erstes Kindergartenjahr würde sie nicht erleben, die Fertigstellung der großen Baustelle an der Kreuzung, die langen Abende im Hochsommer auf der Terrasse, das Fallen der Blätter, Herbststürme. Auch den letzten ersten Schnee hatte sie schon hinter sich. Viel zu unspezifisch, nur als Nebensache war er in den Tiefen der Erinnerungen noch zu ahnen.

Nun wanderte sie auf einem verschneiten Weg und kümmerte sich nicht um die kalten Hände, stattdessen genoss sie die belebende Wirkung der Winterluft. Sie betrauerte diese unerreichbaren Möglichkeiten nicht. Nein. Stattdessen breitete sich eine seltsame Ruhe in ihr aus. Man wusste ja nie, wann etwas zum letzten Mal geschah oder was man nicht mehr erleben würde. Der Unterschied war nur, dass sie es wagen konnte, eine persönliche Wahrscheinlichkeitsberechnung anzustellen, andere aber nicht.

Und mitten in diesen gedanklichen Ausflügen in die Vergangenheit und Zukunft landete sie im Jetzt.

Das Knirschen des Schnees unter ihren Sohlen, das leichte Rutschen bei jedem Schritt, das Kratzen der selbstgestrickten Wollsocken, das Wachsen und Zurückgehen des Bauches mit jedem Atemzug, die roten Wangen, die ihr entgegenkamen. Alles, alles war wunderschön und erfüllte sie mit Freude.

Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, das eine unbeschreibliche Quelle hatte, jedoch profund und ehrlich war. Das Leben war wunderbar. Ja, das fühlte sie ganz genau.

Übermütig zog sie die Mütze vom Kopf und schüttelte die Haare aus. Kein Bisschen dieser Frische wollte sie verpassen. Gedanken auslüften und die dunklen Wolken wegwehen lassen, die sie manchmal begleiteten.

In dieser Sekunde war sie glücklich, nicht obwohl sie bald sterben würde. Auch nicht, weil sie sterben würde.

Sie war glücklich, einfach, weil sie glücklich war.

Eine andere Mutter begegnete ihr und sie unterhielten sich. Meist hörte Tara ihr ungeduldig zu, weil Barbara die Angewohnheit hatte, bis ins kleinste Detail zu erzählen, ohne dass es für die Aussage absolut nötig war. Heute konnte Tara das mit einem gelassenen Lächeln hinnehmen. Wenn das für Barbara so wichtig war, dann sollte sie es tun. Tara ließ die Worte über ein Ohr in ihr Inneres purzeln, machte sich aber nicht die Mühe, sie irgendwo abzuspeichern. Es kam auch gar nicht darauf an. Wesentlich war, dass sie Barbara in die Augen sah und so lange stehen blieb, bis genug Buchstaben geflossen waren.

Interessant, dachte Tara im Anschluss für sich, welche Kleinigkeiten man für bedeutungsschwer hielt. Dabei war es doch vollkommen egal, ob ein Kind die zweite oder dritte Erkältung in diesem Winter hatte. Am besten, man legte sich einfach mit einer Decke dazu und sah sich Bilderbücher an.

Der Spaziergang dauerte lange. Tara bemerkte erst nach einer Weile, dass sie viel langsamer ging als früher. Nicht, weil sie keine Energie gehabt hätte oder mit Schmerzen kämpfen musste. Aber bislang war sie immer effizient und flink gewesen und heute tat sie nur eines: einen Fuß vor den anderen setzen.

Sie genoss die Ruhe der Gedanken und das erleichterte Aufatmen ihrer verspannten Emotionen.

Was sie sah, hörte, fühlte oder roch, nahm sie interessiert zur Kenntnis. Das war Leben und sie gehörte dazu. Nichts davon war verloren.

In gewisser Weise hatte es die Erinnerung an die eigene Endlichkeit mit sich gebracht, dass sie das alles heute erst empfangen konnte.

Ein Danke machte sich in ihr breit, woraufhin sie leise und zufrieden seufzte.

 

Folgen 1-7

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7 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

7 Antworten zu “Erinnern, um zu leben

  1. You–uuu aaaaaaaaaaa-r-e wonder-fu—uuuuu-l. 🙂

    • warte nur, warte nur! Tara und du – hihi, das wird dir erst gefallen!

      • Wiiiiiiiiiiiiiee? Ähm…Oooooooh…..
        Tara und ich?
        Wa–a-s-s …hast du vor???
        🙂 mon dieu…..

        Ich komme gerade mit dem Antworten und manchen Geschichtchen nicht so hinterher…schnief hust….aber ich werde schon antworten…und freue mich über jeden deiner Hinweise, Kommentare, Ergänzungen, Ankündigungen wie diesen…:)
        Sehe dich gerade durch die Morgenlandschaft mit geöffnetem A-Fenster fahren, Wiesen an Wiese, du hältst an einer Heuduftwiese und unterbrichst deine Fahrt für drei Minunten Tiefenatmung…und weiter geht`s, Der letzte Nachtstern hatte gerade sein Licht gelöscht. Millionen von Schafen mit sanft lächelnden Schlafaugen kugeln sich da irgendwo zu einem Wollknäuel zusammen.
        Dein Heublumenwelt, die du an anderer Stelle beschreiben mochtest, klingt so etas von schön, dass ich schon beim Lesen tiefer durchatmete.Kindererinnerungen. Danke.

      • ich verweile momentan auch nicht ganz so lang und ausgiebig, wie ich das gerne bei dir täte. alles hat seine zeit… 🙂
        habe heute zwei geprelle schienbeine. manchmal ist man so in fahrt, dass das drosseln ein bisschen dauert und man sich den einen oder anderen kratzer einhandelt.

      • Too much energy.
        Autsch.Doppelt ausgebremst.
        Was hat sich denn gegen deinen flotten Schritt gestellt?
        Gleich Heilenergie mit deinen Händen einleiten. Reiki.
        Ich schreibe gerade über Energie, heilende…:)

        Ja- alles eine Frage der Harmonie. Im wahrsten Sinne des Wortes.

        ..alles hat seine Zeit….durchaus.durchaus.:)

        Gute Pflege zweier Beine.

        Rosenblätter fallen hier, regnete die letzten zwei Tage tüchtig.

  2. tanrak

    „…Man wusste ja nie, wann etwas zum letzten Mal geschah oder was man nicht mehr erleben würde.“
    Welch ein Satz…. so ist es !!!
    Macht mich traurig aber auch ein wenig mutiger…. Danke !

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