Benk und das Rote Ei

Benk reicht mir an Körpergröße kaum über das Knie, seine Hand liegt vertrauensvoll in meiner. Wir wandern auf einem Waldweg. Natürlich gemeinsam, denn er ist zu einem ständigen und unvoreingenommenen Begleiter geworden. Er hinterfrägt mich nicht. Nicht so, wie ich mich selbst. Meine Unsicherheit, meine Zweifel scheint er nicht zu bemerken.

Ich nenne ihn Benni, weil das besser zu seinem kindlichen Wesen passt. Für ein Trollkind ist er ziemlich quirlig. Das bedeutet, dass er manchmal redet, ohne gefragt zu werden und dass er mehr als zwei Sätze aneinanderreihen kann, obwohl es nicht unbedingt nötig wäre. Außerdem ist er gerne auf Wanderschaft mit mir und dem Roten Ei. Ihn hält es nicht so sehr an einem bestimmten Ort. Vermutlich, weil er den einen, seinen Platz verloren hat. Wir sind auf der Suche danach, wobei ich nicht weiß, wonach ich Ausschau halten soll. Aber Benni vertraut mir. Ihm scheint es genug, nicht alleine zu sein. Die Welt ist für ihn in Ordnung, so wie sie ist, weil wir zusammen sind.

Seine Kinderhand ist so groß wie meine, jedoch ungleich klobiger und die Finger für sich gesehen sind viel kürzer. Alles an dem Trolljungen ist gedrungen, rund und kompakt. Ich vermute, seine plumpen, schwerfälligen Bewegungen lassen ihn nur dadurch mit mir mithalten, weil er sich irgendwie an meine Energie geheftet hat. Er ist viel langsamer und doch gleich schnell.

Seit wir uns gefunden haben, weint er nicht mehr. Das ist mein größter Verdienst. Darauf bin ich auch ein wenig stolz. Er merkt nicht, dass ich mich noch verlorener als er fühle. Kennt er den Weg nach Hause nicht, so bin ich auf Wanderschaft, ohne überhaupt einen Ort der Rückkehr zu haben. Für mich gibt es diesen einen Auftrag und dann?

Ich betrachte eine kleine Lichtung im Wald. Die Blätter rauschen, winken uns zu. Das Sonnenlicht dringt nur gebrochen auf den kleinen Platz zwischen drei jungen Buchen. Ein schöner Ort, denke ich mir noch, dann entscheiden wir uns für einen kleinen Besuch.

Wenn Oasen einladen, tut man gut daran, dem zu folgen. Unser Weg ist unklar, wohin also hetzen?

Während ich mich auf den lichtgesprenkelten Boden voller Moos und Klee sinken lasse, tappt Benni herum. Sein Blick ist konzentriert, als suche er etwas.

Seine Stampferbeinchen beginnen ihrem Namen alle Ehre zu machen. Er hebt sie und wie zum Test fallen sie auf die Erde nieder, lösen kleine Erdbeben aus, die keine sind.

Bevor ich fragen kann, was er da macht, kommentiert er sein Tun, ohne damit aufzuhören.

„Da unten liegen Edelsteine“, meint er und arbeitet weiter.

Trolle und Steine haben eine besondere Beziehung. Das weiß ich nicht, das leite ich aus allem ab, was ich bislang beobachtet habe. Ihre Statur scheint selbst derart Mineraliges zu beinhalten.

Warum Benni stampft, weiß ich nicht. Kann er sie auf diese Weise an die Oberfläche befehlen? Nimmt er Kontakt dazu auf?

Plötzlich beendet er sein Spiel und sieht mir direkt in die Augen. Wir sind auf derselben Höhe und ich meine, dass seine Seelenfenster für eine kurze Sekunde strahlend blau blitzen. Dann sind sie wieder schwarz.

„Schöne Steine“, teilt er mir fröhlich mit.

„Das glaub ich dir“, sage ich. Was sonst, schließlich glaube ich ihm.

Er bleibt stehen, sieht mich unumwunden an. Ich vermute, er will nun weitergehen. Also erhebe ich mich samt Rotem Ei, das ich nur wenig länger als ihn mit mir trage und reiche ihm meine Hand. Immer die rechte.

Wir gehen weiter.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Natur-Phantasie

4 Antworten zu “Benk und das Rote Ei

  1. Hallo! Bitte wo geht’s denn weiter liebe Marga? Mehr bitte 🙂

  2. Pingback: Nymphen verstehe, wer will | marga auwald

Dazu möchte ich gerne sagen:

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