Nur ein Paar passende Schuhe

Tina hatte von den Windpocken gehört und war daraufhin sofort mit ihren beiden Kindern zu Besuch gekommen. Sie war Taras große Schwester und zeitlebens ein bisschen dick. Um Gewichtsreduktion kümmerte sie sich aber nicht, stattdessen trug sie ihre weiblichen Rundungen mit Stolz und Selbstvertrauen. Das üppige Dekolleté wurde gezielt in Form gebracht, die Haare regelmäßig geschnitten und der Lack der Nägel bröckelte niemals. Ihre Wangen waren voll und wirkten wie natürliches Botox, um Falten brauchte sie sich also bestimmt keine Sorgen zu machen.

Bei dem Gedanken daran lächelte Tara in sich hinein. Solchen Problemen musste sie sich ebenfalls nicht mehr stellen.

„Du siehst nicht gut aus“, hielt Tina wenig charmant fest und beäugte Tara über den Küchentisch hinweg kritisch.

„Ich habe nicht gut geschlafen“, rechtfertigte sich diese automatisch.

Sie wusste, selbst nach einer ruhigen Nacht bliebe sie immer die kleine Schwester, die auch durch Make-up und schicke Kleidung nie der charismatischen Größe der Älteren nahe kam. Der Eifer des Strebens nach der Wirkkraft der großen Schwester war mit dem Erwachsenwerden zurückgegangen, jedoch nie völlig verschwunden. Henni konnte das nicht nachvollziehen, bekräftigte stets, dass er die Direktheit und forsche Art seiner Schwägerin nicht sonderlich anziehend fand. Tara kommentierte das für sich damit, dass er eben ein Mann war, der diese Schwesterbeziehung nicht verstehen konnte.

„Oh, ich bitte euch!“, wirbelte Tina herum. Die Kinder diskutierten lautstark, welches Brettspiel das passende sei. „Geht das nicht stiller?“

„Magst du ein Glas Sekt?“, wollte Tara die Schwester ablenken. Das neue Jahr hatten sie getrennt begonnen, somit wäre ein Schluck Alkohol am Nachmittag vertretbar.

„Ja“, antwortete Tina abgelenkt und brüllte im nächsten Moment den Namen ihres Sohnes, was allerdings keine Wirkung zeigte.

Beinahe wären Tara daraufhin beschwichtigende Worte über die Lippen gekommen. Im letzten Moment hielt sie sich zurück. Erfahrungsgemäß wurde dadurch die Situation nur noch schlimmer und auf Streit hatte sie keine Lust.

Jonas kam angerannt und bat um etwas zu trinken.

„Und Kekse? Wie wäre es damit?“, fragte Tara verführerisch.

Womöglich konnten damit alle Kinder für eine gewisse Zeit beruhigt und somit zwei Fliegen mit einer Klappe erwischt werden.

Tatsächlich versammelten sich alle am Tisch.

„Habt ihr schon Urlaubspläne?“, begann Tina ein anderes Thema.

Urlaub. Urlaub. Das war meist im Sommer. Oder noch später. Zu spät.

„Nein“, sagte Tara völlig ruhig. „Wir hatten noch keine Zeit, die Pläne in Angriff zu nehmen. Wie sieht es bei euch aus?“ Ablenkung war die beste Verteidigung.

Wie erhofft gab es in der Familie der Schwester bereits konkrete Vorstellungen und Tara schaffte es, sich diese anzuhören, ohne von Trauer oder Wut überrollt zu werden. Ihre Emotionen waren in manchen Momenten ähnlich aus dem Ruder wie ihre Gesundheit. Heute und jetzt schien sie relativ stabil, was mit Erinnerung an die vergangene Nacht eine wohltuende Erholung darstellte.

Ein Kinderglas fiel um und der Saft verteilte sich auf dem halben Tisch.

„Nehmt den grünen Lappen“, dirigierte Tara von ihrem Platz aus.

„Du machst es dir ja leicht“, murmelte Tina kritisch.

„Ich?“ Erstaunt deutete Tara mit dem Zeigefinger auf sich selbst. „Warum?“

Anstelle einer Erklärung presste die Schwester die Lippen aufeinander und schüttelte missbilligend den Kopf.

Die Unzufriedenheit von Tina war praktisch mit Händen zu greifen und somit auffallender als sonst. Irgendetwas schien ihr über die Leber gelaufen zu sein.

Ungeschickt, aber mit langsam wachsendem Erfolg, kümmerten sich die Kinder um die Kleckerei, was Tara aber nur aus den Augenwinkeln verfolgte.

„Ist bei dir alles in Ordnung?“, wollte sie an die Schwester gerichtet wissen.

„Wann ist schon alles in Ordnung, Tara? Dieses Jahr geht weiter, wie das alte aufgehört hat. Wenn man Arbeit und Familie unter einen Hut bringen muss, dann gibt es nie Pause. Ich habe nicht den Luxus, nur zu Hause zu sein wie du und mir Nerven aus Stahldrähten wachsen zu lassen. Ich meine, das hier, das sollte eigentlich angenehm sein, stattdessen drehe ich bei dem Kindergeplärre fast durch.“

Tara zog die Stirn kraus. Die überdeutliche Anspielung auf ihr Hausfrauendasein machte ihr nichts aus, hingegen war völlig neu, dass ihre Schwester sich darüber beschwerte, dass ihr etwas über den Kopf wuchs. Eigentlich verkörperte sie die Macherin per se.

Details waren aber keine zu erfahren, deshalb tat Tara das einzige, was übrig blieb – sie schickte die Kinder in das Bubenzimmer, damit zumindest ein wenig Ruhe einkehrte.

Oberflächlich und unter dem Anschein eines schwesterlichen Austausches schlich die Zeit vorüber. Tara begann zu bedauern, dass sie kein besseres Verhältnis zu Tina hatte und überlegte, was sie daran auf die Schnelle ändern konnte.

„In zwei Wochen fahre ich mit meinen Freundinnen in ein Wellnesshotel. Hast du Lust mitzukommen?“ Die Bedenken, wie sehr die gewohnte Routine dadurch gestört werden könnte, schob sie großzügig beiseite.

Nein, so dringend war der Wunsch nach Erholung dann doch nicht, Tina sprach sich sofort dagegen aus.

„Hallo-o! Ich bin zu Hause!“, rief Henni.

Tina sah auf ihre Armbanduhr und hob vieldeutig die Augenbrauen. Tara, die Hausfrau mit nur Freizeit und Sonnenstunden, dazu ein Mann, der um vier Uhr aus dem Büro nach Hause kam. Die als Überraschung kaschierte Missbilligung der Schwester brachte Tara dazu, tief durchzuatmen. Immer dieses Vergleichen und Bewerten, das so schwer loszuwerden war. Während Tina kein Geheimnis aus ihrer Meinung machte, verzweifelte Tara hin und wieder an sich selbst. Sie schaffte es einfach nicht, nicht automatisch zu reagieren. Selbst jetzt, den Tod vor Augen, eine Situation, in der sie sich herrliche Erhabenheit vorgestellt hätte, blieb sie eine Sklavin ihrer Emotionen. Alles gute Wollen half nichts. Dabei war sie selbst überrascht, dass Henni so früh nach Hause kam.

„Oh, hoher Besuch“, begrüßte der die Schwägerin überaus freundlich.

Dann beugte er sich zu Tara und gab ihr einen Kuss.

„Hey“, meinte er fürsorglich. „Wie war dein Tag?“

„Gut“, antwortete Tara mit einem kleinen Lächeln.

„Papa!“, rief Benjamin aus vollem Hals und stürmte in das Zimmer.

Mit weit ausgebreiteten Armen empfing Henni seinen Sohn.

„Papi, du bist mein bester Freund!“, verkündete der Dreijährige.

Als wäre das der Idylle zu viel, erhob sich Tina ein wenig zu schnell.

„Es ist Zeit, wir müssen los.“

Gedankenverloren beobachtete Tara, wie die Schwester mit den Kindern die Abreise vorbereitete.

Wie verkehrt man mit einem äußeren Blick auf einen Menschen doch liegen konnte. Bei Tina lag einiges im Argen, obwohl ihr Auftreten und ihr Aussehen keinen näheren Rückschluss ermöglichten. Und bei Tara und Henni hielt ganz sicher nicht die Harmonie das Zepter in der Hand, vielmehr war es der Versuch, die verbleibende Zeit so sinnvoll wie möglich zu nützen.

Und dennoch. Tara konnte nicht sagen, dass sie die Schuhe der Schwester vorgezogen hätte.

Diese Erkenntnis erschreckte sie. Warum wollte sie ihr Leben mit todbringender Krankheit nicht mit dem vergleichsweise bestimmt harmlosen Stress der Schwester tauschen?

Nach dem Abschied vor der Haustüre kehrte sie als letzte in die Küche zurück. Dort standen ihre vier Männer und diskutierten darüber, welcher Film heute angesehen werden sollte.

Deswegen, entschied sie augenblicklich. Weil das hier ihr Leben war, darum würde sie niemals tauschen. Wegen Henni, Jonas, Mathias und Benjamin.

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

4 Antworten zu “Nur ein Paar passende Schuhe

  1. Deine Geschichte ist so wahr wie schön.

  2. Ein kluger Ansatz den Wert des eigenen Lebens nicht durch Vergleichen und Beurteilen zu definieren !

    • Das Schönste am Vergleichen finde ich, dass sich dadurch vieles relativiert. Den Rest deponiere ich am liebsten und nach Möglichkeit auf dem Kompost.

Dazu möchte ich gerne sagen:

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