Räume im Haus

Sie stand auf der Terrasse und blinzelte in die Sonne.

 

Jeden Raum im Haus kannte sie. Und in jedem einzelnen hieß es Abschied nehmen. Manchmal waren es ausdauernde Verabschiedungen mit Umarmungen, Küssen und Wünschen. Lachend winkte man sich zu, bevor man leichten Herzens in unterschiedliche Richtungen ging.

Es gab Begegnungen, die begannen in Zeitlupe und endeten mit einem langgezogenen Fadeout, das zu einer Erleichterung führte, wenn es abgeschlossen war. Der Nachklang war süß und ein Geschenk.

In vollen Räumen sang und tanzte sie, wirbelte herum, sammelte wie eine Biene Nähe und wurde überrascht, weil plötzlich nur noch drei, dann zwei, dann einer anwesend war. Nach und nach verschwanden sie. Zuerst unbemerkt, mit der Zeit schmerzhaft wie einzelne kleine Stiche.

Es war schon vorgekommen, dass mitten in einem Gespräch der Strom ausfiel. Absolute Dunkelheit. Sie tastete, flüsterte Namen, suchte vorsichtig und immer verzweifelter. Ging das Licht wieder an, stand die Türe offen und sie war alleine.

Wanderte im Haus umher.

Neue Räume, neues Miteinander. Temporär. Der Versuch, dem aus dem Weg zu gehen, weil jeder Anfang auch das Ende mit sich brachte, währte nicht lange. Einsamkeit war schlimmer. Gemeinsames wurde ausgekostet und je länger es dauern durfte, umso eher vergaß sie, die Gegenwart des Abschiedes.

Es gab jene, denen zeigte sie die Türe, wollte, dass sie gingen. Doch abwimmeln ließen sie sich nicht. Irgendwie schienen sie eine eigene Strategie zu verfolgen, einem Stundenplan zu gehorchen, der ihr nie zugänglich gemacht wurde.

Eine gab es, die kam und ging mehrere Male. Nie war da ein Bleiben, immer nur ein Berühren. Auch daran gewöhnte sie sich.

Mehr aber noch an den einen, der ihr überallhin folgte. Selbst wenn sie die Räume wechselte, Abschiede feierte oder daran zerbrechen wollte, sie konnte ihn in ihrer Nähe entdecken. War er verschwunden und sie begann nach ihm zu rufen, tauchte er bald wieder auf. Namenlos blieb er wie alle anderen. Deswegen wusste sie, dass auch er keine Konstante war. Hätte sie den Namen erfahren, sie hätte ihn halten können.

Um ein Zurück für alle möglich zu machen, versperrte sie keine ihrer Türen. Im Gegenteil. Sie liebte es, sämtliche Durchgänge sperrangelweit offen zu halten.

So wanderte sie im Haus umher, ließ ihren Blick schweifen. Keiner hielt sich in ihrer Nähe auf. Auch das – wie immer – eine Frage der Zeit.

Zum ersten Mal fühlte sie sich nach draußen gezogen. Es gab eine Terrasse, das wusste sie. Die Schwelle dorthin hatte sie allerdings nie übertreten. Im Haus fanden die Begegnungen statt, deshalb war sie geblieben.

Aber heute.

Heute war die Sehnsucht nach dem Draußen größer. Eine Magie hatte sie in ihren Bann gezogen, der sie sich nicht widersetzen wollte.

Räume zu wechseln war sie gewohnt, der Schritt durch diese eine Tür war allerdings neu.

Vorsichtig ertastete sie den Holzboden. Die Luft roch anders, Wind streichelte ihr die Haare aus der Stirn.

 

Sie stand auf der Terrasse und blinzelte zum ersten Mal in ihrem Leben in die Sonne.

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22 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle, ein bisschen Philosophie, just Life

22 Antworten zu “Räume im Haus

  1. Wow… Das hört und fühlt sich gut an. Wie der erste Schritt in eine andere Welt 🙂

  2. Wie schön. Viel Glück mit dieser Tür 🙂

  3. Diese Angst vor diesem ersten Schritt, diese Zweifel, wo kommen die her? Angst vor dem neuen, dem unbekannten? Was sind wir doch für Kleingeister in unserem Zögern, auf die Sonnenseite zu treten. Sie machen Mut mit Ihrem Text, meine liebe Frau Auwald. Danke dafür, mit herzlichen Grüßen, Ihre Frau Knobloch, immernochangekuschelt.

  4. Das Leben findet unter freiem Himmel statt. Nein? Doch? Und um einen Horizonte die sich entziehen und doch einen bedrängen. Und sofort bauen wir Zimmer in Häusern auf unsicherem Fundament und denken jetzt sind wir geschützt. Aber der Himmel ist noch da und die Horizonte.
    Ein wenig Übung in wagemutiger Artistik unter freiem Himmel täte gut.

    Ein schöner Text. Ich wage, weiter darüber nachzudenken.

  5. Ein sehr nachdenklicher Text. Habe ihn jetzt 3x gelesen und habe nicht ansatzweise das Gefühl ihn richtig zu fassen zu bekommen.

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