15 Minuten

Wenn einem zehn Begriffe vor den Augen tanzen und sich Bilder dazu ergeben, dann darf man sich auch mal von sich selber überraschen lassen.

Westendstorie hat durch ihre Einladung erkitzelt:

Es war ein schlechter Tag. Ein richtig mieser Tag. Der Latte Macchiato war kein Getränk zur Feier eines guten Gefühls, sondern ein Frustkaffee. Alles ging komplett schief. Der Arzt ging ihr nicht aus dem Kopf.
Am Nebentisch saßen Menschen, die allem Anschein nach aus Asien stammten. Völlig irre und ihrem Alter unangemessen sangen sie das Edelweiß-Lied aus dem Film A Sound of Music. Sie hätte kotzen können. Nicht wegen dem Lied, aber wegen der guten Laune. Wegen dem ganzen Gelächter.
Mit aller Gewalt wollte sie sich auf ihr Buch konzentrieren. Ein Neuanfang. Ein Rettungsanker. Dieser Reiseführer für Indien sollte sie retten. Konnte es dieses Buch und dieses Land nicht, dann konnte es nichts und niemand. Die erzwungene Konzentration auf die politischen Verhältnisse bereiteten ihr Kopfschmerzen. Schlimmer, als hätte sie die ganze letzte Nacht gefeiert und säße hier völlig verkatert.
Grimmig griff sie nach ihren Zigaretten, konnte aber das Feuerzeug nicht finden. Schlichtweg unakzeptabel! Dieses Gesinge, das nichtssagende Buch, das fehlende Feuer. Sie war Teil einer grausamen Intrige geworden, die gemeinhin und absolut unpassend Leben genannt wurde. Plötzlich hatte es jeder und alles auf sie abgesehen.
Die Streichhölzer an der Theke waren ein mickriges Versöhnungsangebot, der Porsche auf der Verpackung schon wieder blanker Hohn. Ihr Exfreund fuhr ein solches Auto und der hatte sie in ihrem Unglück alleine gelassen.
Und damit war es nicht zu Ende.
In diesem Moment betrat eine schwangere Frau das Geschäft. Stolz trug sie ihren dicken Bauch vor sich her. Wer zum Teufel trug heute noch Latzhosen? Zumal in diesem Zustand? Aber diese Frau tat es und sie hasste sie dafür. Dieses Klichee schmerzte sie. Schwanger, gesund und glücklich, die vergrößerte Brust wie eine stolze Brüstung vor sich hertragend. Diesen Anblick konnte sie nicht ertragen. In ihrer blutroten Wut spürte sie eine Machete in der Hand, damit würde sie dieses Kind aus dem sicheren Bauch schneiden, genau so, wie es mit ihrem Baby geschehen war. Warmes Lebensblut rann durch ihre Finger und sie lachte hysterisch auf. ‚Ich bin die Kraft, die Chaos schafft, ich kenne kein Pardon, ich bin die Kraft, die Chaos schafft und niemand kommt davon. Ich verarsch die ganze Welt, die mich für einen Engel hält‘, sprach es in ihrem Inneren. Diese Zeilen aus der Mittsommernachtstraum hatte sie schon immer geliebt. Und jetzt waren sie ehrlicher als jemals zuvor. Sie war mehr als sich die anderen vorstellen konnten. Ein böses Mehr.

 


 

 

BTW: In 15 Minuten etwas zu schreiben bedeutet, dass man 15 Minuten später schon vieles wieder anders machen würde.

 

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12 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

12 Antworten zu “15 Minuten

  1. zolaski_lz

    Eine sagenhafte Geschichte. Wie ein Stier prescht sie ins lesende Auge. Verharrend. Kurz. Und zieht als Machetenengel in die Synapsen. Toll. Bin geradezu ergriffen.

  2. Ui, das ist ja zum Angst bekommen

  3. Was für ein geballter Horror! Man erahnt das Alltäglichnormalböse, das wohl in einem jeden wohnt. Beängstigend…

  4. Genau kaetheknobloch. Deshalb ist es so erschreckend. Weil es sogar in der so liebevollen Marga Auwald zu wohnen scheint…. Jeder hat eine dunkle Ecke. Wahrscheinlich sogar der Dalai Lama 😉

    • Anstelle des Startes einer sofortigen Langzeittherapie stütze ich mich auf das Binnenwort „normal“ bei Frau Knobloch und akzeptiere, dass ich auch nur eine von vielen bin.
      Außerdem bin ich „wahrscheinlich“ wie der Dalai Lama, das befriedigt mich dann vollständig.
      Für den Moment 🙂

  5. Huch, Marga, eine starke ,rasante Geschichte.
    Für mich drückt sie die dir innewohnende Kraft aus.

  6. Also jetzt quasi das Gegenteil zur Schwärmerei (wie würde sich das nennen?).
    Ich mag Ihre kurzen dichten Dinger. Es liest sich viel dabei.

Dazu möchte ich gerne sagen:

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