Schreibspiel

Westendstorie sammelt wieder Geschichten, rocknroulette gibt zehn Begriffe vor.

Ich gestehe, auf die Uhr habe ich dieses Mal nicht ganz so genau geachtet. Der Funfaktor hat dadurch ein wenig abgenommen. Nächstes Mal wieder anders.

Aber sei es drum.

Dieses Mal: Wortdesaster (sogar ein Titel hat sich beim Copy-Paste noch ergeben)

Seit fünf Minuten schob sie tief in Gedanken versunken den Einkaufwagen durch den Supermarkt. Als er die Hoffnung aufgab, dass sie von selbst wieder zurückkommen würde, fragte er nach.

„Ich suche dieses eine Wort“, murmelte sie, noch immer fern. „Das von letzthin. Das Parkettabschneideranddings.“ Hoffnungsvoll blickte sie auf, er war ihre Rettung.

Er grinste siegesgewiss. Um den Begriff der Tapetenabschlusskante ging es ihr. Warum sie es sich selbst so schwer machte, wollte er nicht diskutieren.

„Darum herze ich dich!“, lachte sie erleichtert. „Weil du mein Gehirn verstehst.“

„Ich liebe dich auch“, gab er ebenso fröhlich zurück.

Von hinten wurde er im nächsten Moment angerempelt. Ein Jugendlicher stieß ihn gegen das CD-Regal, welches bedenklich wankte.

„Aufpassen, Junge!“

Der Jugendliche mit Kapuze auf dem Kopf und tief in den Säcken vergrabenen Händen zog daraufhin unwillig die Earpods aus seinen Ohren.

„Sorry. Ich höre Greenday.“ Das sollte wohl alles erklären.

„Hier!“, ohne hinzusehen drückte er ihm eine CD aus dem Ständer an die Brust. „Hör was Gescheites.“

Sie wunderte sich, dass er ihm Ramona, die Schlagersängerin, empfahl und der Vorfall war längst vergessen, als er noch lachend darauf bestand, dass es sich um die Ramones gehandelt habe.

Auf der Einkaufsliste war schließlich das Wichtigste abgehakt.

„Was noch?“

„Burschenkekse.“

Eine Prinzenrolle wurde eingesammelt.

„Und Bauernkaramellen.“

Er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurde sie ungeduldig und schlug sich mit den Handballen gegen die Schläfen. Derweil dachte er nach. Ihre Reaktion sagte ihm, dass es ein neues Worträtsel war, eines, das einen etwas größeren Radius erforderte. Das war zu schaffen, dessen war er sich sicher und als sie dann noch den Urlaub erwähnte, hatte er des Rätsels Lösung.

Älpler Schokolade!“ Das war eine gar nicht süße Besonderheit, doch es war nahe am Eigentlichen, der Alpenmilch Schokolade.

Zuhause überließ er ihr die Einkäufe, derweil der die Kaffeetassen vom Morgen in die Spüle räumte.

Dann schnappte er sich den Wäschekorb und verschwand im Garten. Sobald er sicher gehen konnte, dass sie ihn nicht mehr sah, stellte er den Korb am Boden unter der Wäscheleine ab und tauchte unter dem Geschirrtuch durch, das aufgrund der schwarzweißen Streifen Zebrafell von ihr genannt wurde.

Hinter dem Schuppen wartete sie wie vereinbart. Energisch schloss er sie in seine Arme und küsste sie. Das Geheimnis machte alles viel intensiver.

Plötzlich entfuhr ihr ein unkontrolliert lauter Schrei und sie warf die Hände an ihren Kopf.

„Was war das?“

Er sah sich um.

„Ein Nussnager“, sagte er schlicht und ließ sie nicht aus den Augen. „Ein Eichhörnchen. Es ist beinahe zahm und hat wohl einen Abstecher gemacht, um zu sehen, ob es heute etwas zu futtern gibt.“

„Nussnager“, wiederholte sie langsam.

„Ja“, hielt er feierlich fest.

„Und“, sie sah sich um und deutete auf die sonnengebleichten Gummistiefel, die neben dem Schuppen standen, „wie nennst du die?“

„Regenschuhe.“

Vom Haus her wurde sein Name gerufen. Nicht sein wirklicher Name, er hieß Werner, aber mit Walter war definitiv er gemeint.

Er sah hinüber, dann zu seiner Freundin.

„Ich möchte dir jemanden vorstellen. Bist du bereit ab heute Frederike, Magdalena, Patricia oder Marianna zu heißen?“

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28 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

28 Antworten zu “Schreibspiel

  1. melcoupar

    Touché, ein wahrer Genuss.

  2. Oh ist die schön. Marga…vielen Dank. !!!

  3. Hach…schöne Geschichte…hach.

  4. zolaski_lz

    Eine feinsinnige Geschichte. Gefällt mir. Charmant.

  5. Oh, wie schön! Es war mir eine Freude, zu lesen. 🙂 Ramones Ramona… Luschtig 😀

  6. Wie toll ist das denn? Parkettabschneideranddings! Ich habe die ganze Zeit über diese ominöse Tapetenabschlusskante nachgedacht und dann beschlossen, es als Begriff einfach hinzunehmen. Jetzt hier-Zack! Dank dem Wortdesaster habe ich ein Bild vor Augen…
    Und überhaupt! Tolle Geschichte, ich bin ganz angetan, die Zwei, die mag ich, gernst sogar. Die passen gut zusammen, danke, liebe Marga, das habe ich gern gelesen.

    • Uh, Frau Knobloch (mit Po – tja, das schwingt einfach immer noch mit…) ich danke Ihnen für die Worte. Bin immer überrascht, wenn Gerngelesene gern lesen…

  7. Das bewegt und verschiebt sich ja prächtig in Ihrem Text, phantasievoll-gelungenes Babylonien. Gefällt mir sehr.
    Ihr Unterdrücker Zeckenteppich

  8. von wegen desaster… ganz toll war das! wirklich tolle worte… burschenkekse und nussnager allein liebe ich schon.

    • Dieses Hadern mit der Zeit – und dadurch auch mit der Länge – machen diese 10-Wort-Spiele zu etwas … Besonderem. Sagen wir so. Irgendwie bleiben die Texte dadurch roh. Das eigene Gefühl dazu auch gespalten, aber der Spaßfaktor gewinnt.
      Freut mich!

    • du machst mich grad nervös… uiuiui

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