Weiter geht’s nicht. Nicht?

Nach stundenlanger, beschwerlicher Wanderung gelangte sie an einen Abgrund. Zuerst perplex, dann zunehmend nervöser suchte sie die Felskante nach dem weiterführenden Weg ab.

Es gab ihn nicht.

Niedergeschlagen musste sie einsehen, dass es hier kein Weiterkommen gab. Es war alles umsonst gewesen. Ihr Traum zerplatzt, sie würde dieselbe Strecke wieder zurückgehen müssen. Zuvor aber weinte sie. Ließ alle Tränen der Trauer und Hoffnungslosigkeit ins Gras tropfen. Schlussendlich legte sie sich auf die Erde, erfuhr dadurch zumindest ein wenig Trost und schlief ein.

Sie träumte von einem weißen Haus, das ganz im Kolonialstil mit Balkonen und Terrassen umbaut war. Aus dem Inneren drang beschwingte Musik.

Zögerlich stieg sie die Treppenstufen zur Haustüre empor. Dort angekommen bemerkte sie hinter sich die von ihr verursachten dreckigen Fußspuren. Alles hier war so strahlend hell und sauber, da zog sie zuerst die Schuhe und anschließend noch all ihre Kleider aus. Nichts davon schien nämlich von angemessener Reinheit zu sein.

Derart befreit, drehte sie am Türknopf. Schon im nächsten Moment wurde die Türe aufgerissen. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, empfing sie lachend. Sie wurde in den Tanzsalon geführt und trug dabei wie von Zauberhand ein prächtiges Ballkleid. Nach Stunden des Lachens, Tanzens und Feierns ging sie in die Küche, wo sie, wiederum passend gekleidet, beim Schälen von Kartoffeln half. Die Köchin hatte wunderbare Geschichten zu erzählen. Einem Jungen folgte sie alsdann in den Keller, um Eier zu holen. Stattdessen blieb sie beim Schmied und lernte mit Feuer und Hammer umzugehen.

Nach und nach durchwanderte sie das Haus, war überall willkommen und daheim.

Eines Tages fand sie sich auf einem Balkon wieder. Sehnsuchtsvoll blickte sie in die Weite, meinte ihr Herz müsse zerspringen, wenn sie nicht dorthin gelangen könne.

Sie war der Verzweiflung nahe, da trat die Frau vom ersten Tag zu ihr.

„Tröste dich“, sprach sie, „ich kenne den Weg.“

Gleichzeitig wurde sie von der Frau in die entgegengesetzte Richtung, hin zum Zimmer hinter ihr, gedreht.

„Du gehst hier lang. Durch manche Räume hindurch, öffnest Türen und schließt sie wieder, über Treppen und Absätze, an Menschen vorbei und am Ende findest du so das Tor, das nach draußen führt.“

 

Goodie:

mütze

Die Mütze war ein wenig mutiger als ich…

liegend

Man nennt den Ort Liegstein – warum, weiß ich nicht.

 

 

 

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15 Kommentare

Eingeordnet unter ein bisschen Philosophie, faszinierend

15 Antworten zu “Weiter geht’s nicht. Nicht?

  1. Weil man sich hinlegt, um zu sehen, wo es weiter geht vielleicht 😉

    Liebe Grüße und danke, für die wunderbare Traumgeschichte.
    Silvia

  2. Weil es immer einen geben sollte, der einen den Weg zeigt. Gefragt und manchmal auch ungefragt.

    Sollte das mit den Mützen ein Rudelzugehörigkeitszeichen sein, werde ich mir sofort eine besorgen.

    • Rudelregelfragen bitte direkt an Herrn Hund.
      Ich glaube ja, du gehörst ohne Mütze schon lange dazu.
      Es kam nur so zur Sprache, ich tippte drauf los und tat dann wie behauptet.

  3. Ein Rudel von Individualisten. Eine schöne Paradoxie, die ich mir gefallen lasse.

    Zum Text: spontan kam mir dabei der Gedanken, dass es bei Träumen gar nicht so sehr darauf ankomme, worauf hin sie gehen und ob sie dahin kommen, sondern dass sie da sind – und noch bewegen können.

  4. Gestern auf Moos, heute auf Fels. Mich deucht, es gibt viele Orte, wo man sich ausruhend niederlassen kann und doch am Leben teilt nimmt. Schöne Aussicht haben Sie da. Baumkronen von oben. Ich hatte gestern den Blick von unten in die Kronen. ich bin nicht fähig zu sagen, welcher Anblick der schönere ist. Nahferne Grüße, Ihre Käthe.

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