Glück ist ein Wort

„Sie spenden Blut?“, fragte die junge Frau.
Er fand das blöde, denn alle Menschen hier kamen nur, um an der Aktion teilzunehmen.
„Danach bitte viel trinken und vor Inbetriebnahme eines Fahrzeugs eine Stunde warten“, plauderte sie weiter, ohne aufzusehen.
„Ich bin mit dem Fahrrad hier“, gab er unmotiviert zurück.
Er bekam eine Nummer auf seinen Anmeldebogen gedruckt und wanderte in der Schlange weiter. Wie immer war die Männerquote deutlich höher, als der Frauenanteil. Sein Freund, der Arzt, sagte – und das war ein Zitat: „Frauen sind dafür nicht gemacht.“
Anja war ganz und gar nicht mit dieser Aussage einverstanden, doch heute war sie zu Hause bei der kleinen Tochter geblieben.
Während die Ärztin sichtlich unwohl ob seiner dicht behaarten Arme eine Stelle zum Einstechen suchte, konnte er ein Lächeln auf seinem Gesicht fühlen. Erst heute Morgen hatte die Kleine mit ihren feinen, warmen Fingern durch sein Rückenhaar gekämmt und erklärt, sie würde einen Garten jäten.
Diese beiden Frauen hatten sein Leben verändert. Einst hatte er wie im Wahn versucht, jedes behaarte Körperteil zu verstecken, weil er die angewiderten Reaktionen und das Lachen nicht aushalten konnte. Heute trug er selbstbewusst T-Shirts und seine Tochter oben ohne auf den Schultern über den Strand.
Die Liebe der beiden hatte ihn erlöst und während das Blut aus seinen Venen pumpte, übersah er die Blicke der anderen und hielt im Stillen für sich fest, dass er danach nicht vergessen durfte, das Katzenfutter zu kaufen.
Katzenfutter, ja, das war der Inbegriff für sein Glück geworden.

 

Zehnwortgeschichte mit einer unbewussten Abwandlung, die ich dann doch stehen ließ.

 

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13 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle, ein bisschen Philosophie

13 Antworten zu “Glück ist ein Wort

  1. Meisterlich geschrieben. Ich dachte erst, dass dir die Geschichte kam, als du beim Blutspenden warst und einen arg behaarten Mann gesehen hast. Aber nein, es war die Zehnwortgeschichte ^^

    • Danke, danke!
      Der behaarte Mann begleitet mich schon eine Weile. Nicht, weil ich einen gesehen hätte, sondern weil ich irgendwie stets einschlägige Assoziationen zu starker Behaarung höre und lese.
      Ohne die zehn Worte schon zu kennen, hatte ich sie ihm versprochen.

      • Aha. Haare sind eben eine haarige Angelegenheit. Am Körper wollen wir sie nicht, aber oben auf dem Kopf dürfen sie nicht ausgehen ^^ schön, wie du da über ihn geschrieben hast.

      • Och, über solche Idealbilder könnte ich diskutieren schweige ich mich aus.

  2. Sehr gelungen und gerade rechtzeitig; ich lege den Rasierer, Stärke 4 wieder beiseite. Soll die anderen doch der Teufel holen.

    • Ich assoziiere zu Deinen Gunsten: Du legst den Rasierer weg, weil Du Dich jetzt entschieden hast, statt unnötig Blut im Bade zu vergießen, es andernorts bereitwillig für andere zu spenden.
      Wo der Teufel dabei mitspielt, weiß ich grad nicht. Vermutlich steckt er im Detail.

  3. das war wirklich schön! irgendwie bin ich beim lesen ganz friedlich geworden. und das katzenfutter hat so viele assoziationen von glück ausgelöst unfassbar (dabei mag ich katzen nicht mal).
    wirklich richtig gut gelungen!

  4. zolaski_lz

    Ach wie schön. Ich mag diese Geschichte. Und die Haare auch.

  5. Seeeehr auch zum gehörigen schmunzeln geeignet *g*
    Auch ohne Blut und Haare in den Mittelpunkt zu rücken…

    • Ein Zwiebelleser 🙂
      Der Schicht um Schicht durchschaut.
      Danke.

      • Hahaha, klingt kuhl, aber so Augenbeisserig bin ich auch wieder nicht!
        Für mich immer sehr interessant zu sehen, was schreiblustigen Menschen so alles zu zehn x-beliebigen Wörtern einfällt, toll!

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