Hautgeometrie

Dann steht die Welt still.

Kein lästiger Gedanke nach vor oder zurück, kein Grund, kein Wenn und Aber.

Es zählt nur das Muster und der nächste Schnitt, der einfach getan werden muss.

Sie weiß nicht warum.

Druck abbauen, sagen manche.

Weit verbreitete Psychologie, der sie nicht zustimmen kann.

Eine bessere Erklärung hat sie auch nicht, also Schulterzucken und weiter.

Sie bewundert die makellose Haut von anderen, wünscht sie sich und sieht bei klarem Blick in den Spiegel, dass sie das nie mehr wird erreichen können.

Mit Veilchencreme pflegt sie die Wunden, trotzdem werden neue dazukommen.

Dieses Wissen!

Dieses Wissen, dass da noch eine Parallele oder Trennlinie fehlt. Ein unfertiges Kreuz, zu wenig Länge. Und dann kommt der Moment, an dem dieses Fehlen in ihr aufbrandet und nicht mehr vergehen kann. Dann bleibt nur noch das Versinken im Tun.

Gekauft werden ausschließlich Markenklingen, das ist sie sich wert.

An verschiedenen Orten, um keinen Verdacht zu erregen und immer ohne Kundenkarte.

Kein Mensch spricht sie darauf an.

Als wären die Narben unsichtbar.

Niemand fragt: Tut das weh?

Oder: Soll ich dir Salbe auftragen?

Oder: Warum?

Wobei, das weiß sie selber nicht.

Besser nicht fragen.

Ein großes Warum in ihrem Leben, das ihr bislang keine Antwort gibt.

Im Winter ist es besser.

Lange Ärmel verhindern die Sicht und bannen damit das Gefühl, dass an dem Muster etwas nicht stimmt.

Irgendwann wird sie damit aufhören.

Ganz sicher.

 

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19 Kommentare

Eingeordnet unter faszinierend, just Life

19 Antworten zu “Hautgeometrie

  1. Borderline ist eine schlimme Krankheit.
    Du hast sie beobachtet?

  2. „I don’t know where you read that, but it does not relieve the tension.“
    „Why did you cut your arm?“
    „Because it feels fucking great. Because it feels fucking amazing.“
    Sarah Kane.
    Wohl jeder opfert sich auf seine Weise für ein Bild höchster Vollendung. Als „krank“ gilt dabei, was den meisten von uns als zu sinnlos erscheint, um es mit einem Menschenopfer zu heiligen. Dann lieber sein Leben verscheuern im Schrebergarten, dort die Zeit still stehen zu lassen für ein Bild von einem Beet.

    • Danke für deine Ergänzungen. Normalitäten und Normatives ändert sich ja im Laufe der Zeiten und von Kultur zu Kultur. Alles eine Sache der Perspektive. Auch was als Opfer verstanden wird. Viele mögliche „Krankheitsbilder“ um uns.
      Ja.

  3. Der geht rein dein Text. Die Frage „Soll ich dir Salbe auftragen?“ klingt in meinen Ohren nach Wärme und Trost. Ich glaube, das sollten wir einander viel häufiger fragen.

  4. Narbenliebe, das wäre es bei mir. Wenn ich denn dieses Gefühl bedienen wollen würde. In sich trägt die Neigung zur Selbstverletzung wohl jeder. Ob man ihr nachgeht, daß ist die Frage. Wo werden Grenzen zur Krankheitsdefinition gezogen? Ich genieße den Schmerz beim Tätowieren und mich schaudert die Erinnerung an erlittene Schmerzen durch Unfälle oder Krankheiten. Ist jeder verhaltensgestört, der sich den Mundinnenraum wundbeißt oder bei Höchstspannung die Nägel bis zum Nagelbett runterkaut? Hilfeschreie können es auch sein, die Beurteilung liegt im Einzelfall. Achtsamkeit ist auch hier der erste notwendige Schritt.
    Narbenfühlige Grüße, Ihre Käthe, postbotenumhalsend. Der Schelm hält mich frech immer ein wenig länger umfangen, was natürlich fetzt!
    (Passend singen Johnossi eben „For A Little While“)

    • Wäre ich Ihr Postbote, ich würde es auch so machen!

      Oh ja, Das Thema Selbstverletzung kann ganz groß gesehen werden und schwups landet jede:r bei sich selbst. Manchmal bringt ein Gespräch über scheinbar Harmloses eine ganze Welt zutage. Manchmal steckt hinter einer riesigen Inszenierung nur ein Fliegenschiss.
      Achtsamkeit sagten Sie und ich lege die Füße hoch. Mit diesem einen Wort ist alles gesagt.
      Postbotenartige Grüße, Marga

  5. Kennst du die Geschichte von der Einsamkeit der Primzahlen?

Dazu möchte ich gerne sagen:

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