Zweckdienliche Hinweise erbeten

Christoph ist verschwunden.

Das sagten sie zu mir und ich stand auf einer derart langen Leitung, dass ich die blassen Gesichter und roten Augen nicht bemerkte. Wo, fragten sie mich. Wann? Ging es ihm gut? Wo wollte er hin?
Völlig unverblümt erzählte ich von unserer letzten Begegnung.
Auf die nachfolgende Lawine war ich nicht gefasst. Eine Lawine an Fragen. Unzählige Menschen meldeten sich bei mir. Persönlich, am Telefon, auf jede erdenkliche, technische Art und Weise.

Diesem Ansturm kann ich nicht länger standhalten. Tausend Mal habe ich berichtet, hier nun das letzte Mal:

Ich traf Christoph im Zug nach Wien. Er spazierte den Gang entlang, ich sprach ihn an, er lächelte, antwortete und setzte sich zu mir.
Nach etwas Geplauder verstummten wir beide.
Irgendwann fiel mir auf, wie er so ganz und gar gedankenverloren aus dem Fenster in die Nacht hinausblickte.
Ja, ich weiß, das soll man als Frau keinen Mann fragen, doch ich tat es trotzdem: Woran denkst du?
Müde doch freundlich wandte er sich mir zu: Manchmal wird alles um einen herum so dunkelschwarz, dass man dem einzigen Licht, das man sieht, und sei es noch so absurd und unerklärlich, einfach folgen muss.

Alle, die weitere Hinweise zu Christoph geben können, werden gebeten, das zu tun. Sei es ein Wort, das er auf eine Serviette gekritzelt hat oder eine Bananenschale, die er irgendwo in den Mülleimer geworfen hat.

Liebe Jutta, ich hoffe, es geht ihm gut und er taucht bald wieder auf.

 

 

23 Kommentare

Eingeordnet unter gefunden

23 Antworten zu “Zweckdienliche Hinweise erbeten

  1. Halt ihn still in deinen Armen und er kommt nicht auf die Idee zu verschwinden, erst recht nicht vor Weihnachten. Tstststs.

  2. Pingback: Christoph ist verschwunden! | Text, Mags, Rock'n'Roll.

  3. Liebe Marga, vielen Dank für deinen „Hinweis“, dessen Lektüre mir große Freude bereitet hat – und auch dafür, dass du die Bitte um Hinweise weiterreichst. Die Idee mit der Serviette gefällt mir ganz besonders – bestimmt hat er irgendwo eine Notiz hinterlassen!

  4. ..mir ist das wirklich passiert vor 2 Jahren 4 Tage vor Weihnachten war er weg. Aber mit nem Mietwagen um seine Sachen transportieren zu können. Lieben hat da nix genützt…

    • Kürzlich hörte ich auf einer Beerdigung: Das Herzen eines Menschen ist ein großer Ozean mit unendlichen Tiefen und unerreichbaren Weiten.
      Wir können in die anderen nicht vollends hineinsehen.
      Vielleicht braucht es manchmal auch gerade eine andere Liebe (in Art, Person, …)…

      • Ja man wird niemals jemand anderen wirklich kennen. Und das man was anderes braucht kann ich nachvollziehen, auch das man Entscheidungen für sich treffen muß aber nicht das einfach verschwinden ohne die geringste Andeutung. Und mir fällt grad auf das es schon 3 Jahre her ist. Seitdem habe ich Probleme mit meinem Zeitgefühl.

      • Das kann ich mir vorstellen, dass so ein Verschwinden – bei allem Verständnist – einiges nachklingen lässt und die Zeit aus den Angeln hebt.

  5. Pingback: Christoph ist verschwunden | die rote laterne

Dazu möchte ich gerne sagen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.