Der Versuch eines Beweises

Was Lebensphilosophie heißen will, kann auch vor einem Schlüsselbund nicht Halt machen. Das war meine Theorie.

So erzähle ich hier von meinen treuen Begleitern, die ihre vollkommene Bedeutung nicht auf Anhieb offenlegen.

 

Mein Schlüsselbund ermöglicht es mir, Türen zu öffnen. Ein Alltagsgegenstand, nicht gerade schön zu nennen, zwischendurch komplett vergessen, entfaltet seine ganze Macht, wenn das Niederdrücken einer Klinke nicht genügt. Wenn die Schulter schon fast gegen die Türe knallt, dann rettet einer dieser kleinen Freunde die Situation und ich darf eintreten. Die meisten meiner Schlüssel sind unverwechselbar, ich weiß, wann ich welchen wo einsetze.

Eine Ausnahme. Es gibt Zwillinge, die einen kurzen Kontrollblick verlangen.

Türen öffnen sich, wenn alles zusammenpasst.

 

Nicht alle Schlüssel gehören mir. Für zwei habe ich eine Kaution hinterlegt, einer ist direkt mit meiner Anstellung verknüpft. Sie vermitteln das Vertrauen, das in mich gesetzt wird, indem ich öffentliche Räume eigenständig betreten darf und mir Schubladen, Schränke sowie Briefkästen zugänglich sind.

 

Zum Vertrauen gehört auch die Verantwortung, die ich mit der Übernahme eingegangen bin. Ich habe mich darauf eingelassen, neben dem Schlüssel alles, was er mir eröffnet und ermöglicht, wertschätzend zu behandeln, achtsam damit umzugehen und meine Arbeit zum Gemeinwohl einzusetzen. Nichts davon ist meines, aber es liegt in meiner Obhut.

 

Zwei dieser Schlüssel sind mir Gradmesser. Wenn ich längere Zeit Erste und Letzte im Büro bin, am Ende auch noch am Wochenende kurz einfalle, dann kommt es so weit, dass ich eine Sekunde brauche, um zu verstehen, warum die Wohnungstüre nicht mitspielt. Meine Gedanken sind dann bei der Arbeit und die Finger um den dazu passenden Schlüssel gelegt. Ein Moment, der mir zu denken gibt.

Umgekehrt lache ich nach einem längeren Urlaub, wenn der private Schlüssel im Büro einfach nicht passen will.

 

Ohne zu fragen habe ich den Schlüssel meiner Jugend behalten, als ich ausgezogen bin. Zu einem gewissen Grad ermöglicht er mir den Weg zurück, auch wenn es das Zimmer in alter Form nicht mehr gibt. Gleich zwei Türöffner für heimelige Orte zu haben, ist Reichtum.

 

Apropos. Nur vorübergehend hängen vier Schatzkistenschlüsselchen an meinem Bund. Kleine Sonderaufgaben, die uns manchmal begleiten.

 

Der größte in diesem Verbunde ist der Autoschlüssel. Er ist ein wenig geselliger Freund. Ein Solokünstler. Dafür ist er für die Weite meines Kreiseziehens von wesentlicher Bedeutung. Neunzig Pferdchen befehlige ich damit und weiß genau, selbstverständlich ist ein klassisches von A nach B nicht.

 

Einziger Freund des Autoschlüssels – weil ohne geht es nicht – ein Ding, das man zum Auftanken zwischendurch braucht. Ein Stopp so mitten in der Fahrt und eine Nase möglichst frischer Luft.

Der Chip verkörpert zudem Braingym, denn der Code spielt mit denselben Ziffern wie eine andere vorgegebene Zahlenfolge, die ich mir zu merken habe.

 

Als Gegenstück zum großen Kreisezieher besticht der Schlüssel fürs Daheim durch die Maße. Heimkommen, ruhen, zu sich kommen, Gewohnheiten, Wärme, unnötige Schichten ablegen, nur einen weiteren davon kennen.

Dieser Schlüssel braucht keine Worte, er öffnet die Türe für alles, was dahinter liegt.

 

Und zuletzt der kleine Bruder dazu, der die Verbindung zur weiten Welt über postalische Sendungen ermöglicht. Und es ist erprobt: Wer aussendet, erhält auch feinste Grüße zurück.

 

Was Lebensphilosophie heißen will, kann auch vor einem Schlüsselbund nicht halt machen.

Ja, doch. Ich bleibe dabei.

Schlüssel

 

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37 Kommentare

Eingeordnet unter ein bisschen Philosophie, just Life

37 Antworten zu “Der Versuch eines Beweises

  1. Wunderbar, Marga! Ich werde meinen Schlüsselbund nie wieder mit den gleichen Augen sehen. 🙂

    Liebe Grüße Silvia

  2. Ich gebe dir meinen dazu, komm‘ und geh‘ wie du willst und kannst.

  3. Ach, liebe Marga, wie schön, was du aus dem Satz und dieser Übung gemacht hast! Ja, es steckt unendlich viel drin in einem Schlüsselbund. Ich bin froh, dass ich deinen Schlüsselbund und seine Geschichten kennen lernen durfte! Toll, wunderbar umgesetzt!

  4. Sehr interessant, dieser Zugang zu den Schlüsseln der Philosophie des Lebens!

  5. Großartig! Danke für diese schöne Übung in Alltagsphilosophie. 🙂

  6. Vielleicht sind die Schüssel ja wirklich der Schlüssel.. 😉

  7. Wie toll ist das denn, liebste Marga?! Man bekommt ja gleich Lust auf eigene Schlüsselansichtengeschichten! Wundervoll geschrieben, danke dafür. Herzfeine Grüße, die Ihre, fernnahverbunden.

    • Bitte, gerne.

      Und nur damit es gesagt ist: Eigene Schlüsselansichtengeschichten fetz(t)en!
      Wie so einiges andere auch, aber Drängeleyen lasse ich lieber, weil wer anderen einen Fuß stellt, steht sich eh nur selbst auf die Zehen. Oder so.
      Krawummende Grüße, aber nur solche mitten ins Herz hinein

      • Sie sind eine oberbonfortionöse Mittenrinkrawummsein, meine Liebe. Meine Schlüsselgeschichte muß einfach erzählt werden, da hängt ein abber Schlüssel als Erinnerung dran und ein Minidynamo zum Lichtaufgehenlassen. Ich werde Zeit finden. Ebendst nachgeschaut: Zwonundvierzig angefangene Knoblochgeschichten warten auf Verklickerdiklackung und gleich noch ein Fragment einer nächsten…Vielleicht söllte ich weniger kommentieren? Ha! Ich! Die Komakommentartöse schlechthin! Knoblochen, Du bist ja echt zum Schießen…

      • Wie toll ist die Aussicht auf so viel Knoblochsches! Ich möchte alles! Geschichten, Kommentare, Zwischenrufe, Scheißherzchen, Sitzstreiks, Überraschungspartys und Einhornjagden.
        Geht das? Bitttttttö!

      • Ich habe nicht vor auch nur ein einziges Wörtchen…………………….

        …. für mich zu behalten! Grüße aus dem Haus am Ende des Weges, im Archive nach Puscheligkeit rumsuchend, immer die Ihre.

      • Sie sind halt doch die Bonfortinöseste, die es gibt!
        Einen puscheligen Abend wünsche ich Ihnen

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