Ganz klar Trauer

Sehr viel Achtsamkeit hatte sie in die Ausschreibung fließen lassen:

Trauercafé

Trauer zerfetzt Alltag, wirft in reißende Gewässer und umhüllt mit dem Gefühl von Einsamkeit.

Wir bieten einen Platz für diesen Prozess, in dem alles erlaubt ist und jede und jeder das eigene Tempo bestimmt. Sämtliche Themen, seien es wilde Gedanken oder wirre Gefühle, dürfen in geschützter Atmosphäre artikuliert werden.

Unser Café öffnet speziell für Betroffene jeden ersten Samstag im Monat. Das gemeinsame Frühstück beginnt um 9.00 Uhr und bietet den Rahmen für unser Zusammenkommen.

Das Angebot ist für alle Menschen, die trauern.

Unabhängig von zeitlichen Grenzen, Zugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften oder Nationalität.

Die Vorstellungsrunde ergab:

Merve trauert seit der Geburt ihres vierten Kindes um ihre Figur

Gretel hat im Alter von acht Jahren die Brosche verloren, welche sie von der Großmutter geschenkt bekommen hatte

Florians Hund wurde vor einer Woche überfahren

Sam findet keinen neuen Job

Jene, die ihren Namen nicht nennen wollte, sehnt sich nach gutem Sex

Philipp betrauert, dass er rückfällig geworden ist

Lotti weint um den Apfelbaum im Garten, den ihre Kinder gefällt haben

Svenja hätte gerne ihren Exmann zurück

Patrice fühlt sich unbeachtet

Carlo Giulio ist nur auf der Warteliste für den Ausbildungsplatz

Pius muss das geliehene Geld seinem Vater tatsächlich zurückzahlen

Moni bekam am Geburtstag keinen Besuch

Leni und Lukas können sich die Miete nicht mehr leisten und müssen ausziehen

Fatmas Mutter ist vor zwanzig Jahren gestorben

Michelle hat sich im Mutterleib ihren Zwilling einverleibt

Bruno geht in Pension

Anjuna muss aus gesundheitlichen Gründen auf Zucker verzichten

Frederike verlor ihr Bein

 

Nun überlegt sie.

Muss die Ausschreibung überarbeitet werden?

 

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50 Kommentare

Eingeordnet unter ein bisschen Philosophie, just Life

50 Antworten zu “Ganz klar Trauer

  1. Trauen direkt verspüre ich nicht, manchmal ein bedauern über gesagte und ungesagte Worte, Gesten…
    Darf ich rein?

  2. In der Tat hatte man ein anderes Publikum erwartet…aber ist es nicht wichtig zu sehen, wie sehr wir alle unsere Sorgen und Trauer haben? Die wir im Alltag verstecken oder es zumindest versuchen…hier gibt es seit neuester Zeit einen Ort, an dem man sich einfach treffen kann. Es gibt kein wirkliches Motto. Reden, Debattieren, Sorgen austauschen, Musik spielen…jeder kann kommen. Und jeder bringt etwas mit: sich selbst.

  3. Definitiv nein. Ein jeder trauert mehr oder minder intensiver um Kreaturen oder Dinglichkeiten, die ihm verlustig. Erschreckender finde ich hier, daß sich augenscheinlich bei einigen so lange die Traurigkeit eingenistet. Gab es da keinen Herzmenschen, der diese Trauer überwinden helfen konnte? Dann hat sie ganz sicher die richtigen Ausschreibungsworte gewählt. Verlust, egal von was oder wem gehört zum Leben, darf aber nicht überhand nehmen. In der Runde sehe ich Potenzial, sich gegenseitig zu trösten:
    Vielleicht Merve und die Namenlose?
    Florian und Patrice?
    Philipp und Moni?
    Lotti und Bruno?
    Michelle und Frederike?
    Svenja und Anjuna?
    Liebste Marga, da hammSe ja was angerichtet, jetzt werde ich auch noch zur Kupplerin in Gedanken. Herzlichliebe Grüße, die Ihre.

    • Da haben Sie ja ein feines Gedänkelchen von mir aufgefangen. Schon beim Schreiben dachte ich daran, dass da vielleicht ein paar wären, die sich gegenseitig helfen könnten. Ich ließ mich dann aber ganz bewusst nicht davon ablenken. Feine Sache, dass Sie mein (und andere) Näschen jetzt doch noch in diese Richtung lenken.

      Und eine Antwort hat „sie“ nun auch.
      Wie genau Sie doch immer lesen! Ich muss wirklich noch aufpassen, was ich schreibe, wenn das so weitergeht!

      Ich ergänze noch die herzlichsten Grüße, wobei – das wissen Sie ja vermutlich auch längst.

      • Wehe, Sie fangen an aufzupassen, was Sie schreiben! Das wäre ja noch schöner. Lieber halte ich die Tippeditapphändchen still, wo ich zwischenzeilig die Scheißherzchenpuzzleteile entdecke und versuche, zusammenzufügen. obwohl, das wäre Ihnen ja sicherlich auch nicht recht. Wir belassen es, wie es ist: Sie bleiben die fabulöse Gedankeninschwungbringerin und ich schwinge sachte nach. Fetzt!

        Ich übernehme übrigens die Trauerverarbeitung bei Sam. Sams sind treue Begleiter beim Beschreiten neuer Wege.

      • Ganz genau! Wäre mir auch nicht recht. Also alles beim Alten.

        Dass Sie mir aber schön an Sams Seite bleiben und nicht gar in die falschen Fußspuren hineinstolpern. Gell!

    • Mensch, Frau Knobloch, Sie sind wieder einmal super!

  4. melcoupar

    Was für ein schöner grosser Raum entstanden ist durch die achtsame Ausschreibung!

  5. Wie man auf die Themen kommt, frage ich mich bisweilen, jetzt aber nicht, ob hier der geschilderten Trauer eine erlebte zu Grunde liegt und fasse mich kurz in der Feststellung, du brauchst keinen Vermeer, keine Gehhilfe, keinen Bluff, um Zeilen mit Bedenkenswertem zu füllen.

    Über die jeweiligen Grade (Ausmaß) von Trauer mag ich mich nicht auslassen. Oft genug scheint ja in der kleinen Traurigkeit viel Größeres, Verdrängtes mit hineinzuspielen. Und wir sehen es nicht.

  6. Du hast eine herrliche Art, sowas zu präsentieren! Plötzlich sitzt man in einem Raum mit lauter trauernden Menschen und stellt sich die Frage: worüber trauere ich denn, was sag‘ ich denn, wenn ich dran bin? Köstlich. Aber ich finde auch, was andere hier schon gesagt haben, dass immer mehr dran hängt an so einer speziellen Trauer, und wenn’s auch „nur“ um das Zuckerverbot geht. Weiß jemand, worum er eigentlich trauert, wenn er trauert? Das macht so einen zusammengewürfelten Haufen Spezialtrauernder wirklich spannend, vielleicht trauern alle um dasselbe? Und kommen deshalb zusammen, um die Trauer aufzuheben, auch ohne als Bedingung wieder Zucker zu essen und ohne dass der Ex zurückkommt? Mal so ein Gedanke,

    • Danke, für deine Gedanken.
      Irgendwie auch die Idee, dass die eigene Trauer ganz eigen ist und gar nicht vergleichbar und immer einzigartig.
      Andererseits. Ist Trauer immer Trauer, ist Trauer, ist Trauer?.!?
      Und ja. Man kann/könnte noch weiter dahinter blicken.
      Und ja. Ein Verständnis füreinander ist dort an einem Punkt möglich. Glaube ich.
      Alles zu seiner Zeit.

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