Hüte dich vor Harmonie

„Ich möchte bitte Heinrich Beck besuchen“, sagt die Frau mit dünner Stimme und noch dünneren Haaren zu der Dame hinter der Glasscheibe. Die ist unglaublich freundlich und lächelt im strahlendsten Weiß, selbst als sie den Weg zur Wachkomastation erklärt.

Bei diesem Wort, bei „Wachkomastation“ aus gutgelauntem Mund, treten der Frau vor der Scheibe sofort Tränen in die Augen. Als sei das ein natürlicher Reflex auf diese fünfzehn Buchstaben. Eigentlich nur elf – verschiedene.

Wie es da wohl zu und her geht, auf dieser Station, die ein Paradox in ihrer Bezeichnung zu tragen scheint? Während ich der Frau mit den dünneren Haaren nachsehe, schlürfe ich an meinem Latte. Krankenhauskaffee ist gar nicht so schlecht, wie man meinen würde. Service gibt es mittlerweile schon an Orten, wo man gar nicht damit rechnet. Schlechter Kaffee und schlechtes Essen würden hier doch besser passen. Niemand mag sagen: „Hey, kennst du schon das Mittwochmittagmenü? Da müssen wir uns in der Kantine einen Tisch reservieren, das willst du nicht verpassen!“ Nein. Man sollte sich doch eher freuen, diesen Fraß und die Brühe, die sie Kaffee nennen, endlich los zu werden.

Ich zucke mit den Schultern und stehe auf. Über die Servicegedanken hat sich meine Neugier nämlich nicht verflüchtigt. So eine Wachkomastation will ja niemand sehen oder besuchen. Gibt es auch dort Annehmlichkeiten, die ich kaum erahnen kann? Meistens achtzehn, manchmal fünfzehn Schritte gehe ich hinter der Frau her, die sich wieder gefangen hat und versucht, in den langen Fluren nicht verloren zu gehen. Notfalls könnte ich ihr helfen, weil ich die Wegbeschreibung ja mitgehört habe. Ist auch babyleicht. „Immer der hellblauen Linie folgen.“

Auf der Station selber verringere ich den Abstand unauffällig, so dass sie mich nicht wahrnimmt und die anderen meinen können, wir gehörten zusammen. Die Besucherin ist von ihrer schweren Aufgabe derart abgelenkt, dass ich mich mehr auf letzteres konzentrieren kann.

Die Türe bleibt offen und ich stehen.

Anfangs begutachte ich noch den Service hier. Radio spielt im Hintergrund und an den Fenstern hängen ein paar überdimensionale Schneeflocken. Zum Glück nicht kitschig, ist schließlich das Zimmer von vier erwachsenen Männern. Manche haben Plakate an den Wänden, der Jüngste bekam sogar eine barbusige Schönheit geliefert. Offenbar ist man um Normalität bemüht oder man mag die Besucher:innen, die Frau ist die einzige auf der ganzen Station, nicht verschrecken. Jedenfalls hat jeder der Herren ein T-Shirt aufgelegt bekommen. Nicht angezogen, das wäre wohl zu umständlich, aber so gibt es zumindest ein paar Farbtupfer im Zimmer, die zu den Personen gehören, die hier das tun, was man Leben nennt und dabei die Stirn runzelt.

Als die Frau spricht, verlieren sich meine Servicegedanken und ich vergesse, Kaugummi zu kauen. Keine Silbe mag ich verpassen.

„Kannst du nicht einfach aufstehen?“, fragt sie. Sehen kann ich sie von meinem Horchposten aus nicht, doch ich höre, dass das Brechen der Stimme nicht weit entfernt ist. Ich stelle mir vor, dass sie wieder Tränen in den Augen hat. „Komm einfach mit nach Hause, mein Bär. Sag, es sei ein Scherz gewesen. Ein schrecklicher Scherz, den ich dir trotzdem nicht übel nehmen werde. Ich mag dir nicht erzählen, wie es den Kindern geht und ich mag nicht diese ganzen Formulare ausfüllen. Kein Mensch weiß den Code vom Safe. Bitte, mach den Mund auf. Sprich mit mir. Beruhige mich. Sag, es dauert nur noch ein Weilchen, bis du wieder auf den Beinen bist.“

Es entsteht eine Pause, in der sie sich schnäuzt und einer der anderen Patienten hustet, was wie das Luftholen eines Ertrinkenden klingt.

„Kannst du nicht einfach nicken? Ein Zeichen? Ist das zu viel verlangt? Du hast doch immer gesagt, dass jeder einen Weg findet, wenn man nur nicht zu faul zum Suchen ist. Finde einen Weg hier raus. Bitte.“

Nach einem tiefen Durchatmen ändert sich ihre Stimmlage. Sie reißt sich zusammen, hat wohl bemerkt, wie erbärmlich es ist, einem Menschen auf der Wachkomastation mit Vorhaltungen zu begegnen.

„Ein schönes Zimmer hast du. Heller. Und hier ist es auch ruhiger, nicht wahr, mein Bär?“

Nach diesen zwei Sätzen ist ihre Kraft aufgebraucht und sie ergibt sich in ein Schluchzen.

Aus dem Aufenthaltsraum des Pflegepersonals dringt ein Lachen.

„Beweg einen Finger. Bitte! Nur ein Zucken. Heinrich… Es lief doch gerade alles so gut.“

Mein Kaffee ist kalt geworden, der Kaugummi hängt unnütz in meinem Mund. Beides werfe ich in den Mülleimer am Ausgang der Station. Unsere Nachbarin mit der geblümten Kittelschürze kommt mir in den Sinn. Seit langem wieder einmal höre ich die Warnung, die sie mir verschwörerisch steckte: „Solange alles drunter und drüber geht, ist alles in Ordnung. Das ist das satte Leben. Aufpassen musst du, wenn es harmonisch wird. Viele habe einen guten letzten Tag.“

 

Schild

 

 

 

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52 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

52 Antworten zu “Hüte dich vor Harmonie

  1. Als wollte das Leben nocheinmal sich ausbreiten.
    Und das tut es dann auch…
    Guten Morgen liebe Marga🌹

  2. Emma denkt.

    Ein sehr intensiver Text… ich mag deine Art zu schreiben sehr!

  3. ©lz

    Ja sehr intensiv. Und wenn die Harmonie zu harmonisch wird ist es meist gefährlich. Toll geschrieben.

  4. Vielleicht mag ich es deshalb nicht, wenn Ruhe ist in mir.
    Ich habe geweint, beim Lesen. In Gedanken bei meiner Freundin.
    Und ja, dieses Geräusch eines Ertrinkenden. Meine Freundin Jutta macht das auch. Wenn Sie den Schleim abhustet, in dieses Ding, das aus ihrem Hals schaut. Luftröhrenschnitt. Da schaut es heraus und daran ist ein Auffangbehälter (ich hab den richtigen Ausdruck vergessen) damit der Schleim nicht irgendwo hinläuft.
    Die Extremitäten, die aussehen, als seien sie aus Gummi, wie die Beine einer Barbie, aus denen man den Draht entfernt hat.
    Am schlimmsten wenn sie die Augen öffnen. Es funktioniert ja alles. Nur das Hirn, das leider nicht. Und das bleibt jetzt so. Bis sie den letzten, verfluchten, ertrinkenden Atemzug macht.
    Ich muss aufhören.

    Silvia

  5. „Sag, es sei ein Scherz gewesen.“ Oh, verdammt. Macht mir einen fetten Kloß im Hals.

  6. Verdammt hart und stark und die Hoffnung verläuft sich für einen Ewigmoment an hellblauen Linien…
    Worte, eingehüllt in geblümte Kittelschürzen, sie werden oftmals unterschätzt. Danke für’s Erzählen dieser bitteren Geschichte und besonders für die letzten Sätze, liebe Marga. Ich höre Ominkel sagen: Nicht hochziehen, schnaub es aus…

    • Klingt, als ob Ominkel auch eine geblümte Kittelschürze tragen könnte. Also, so gemessen an den Worten.
      Ob ich diese Geschichte gerne erzählt habe, weiß ich nicht mal. Aber es war in wenigen Minuten erledigt. Das bedeutet auch etwas.

      „Die Hoffnung verläuft sich für einen Ewigmoment an hellblauen Linien“ – das wäre auch ein stimmiger Titel.

      • Inwenigminutenerzähltgeschichten sind meist die, die sich beim Erleben innenhäutig eintätowiert haben. Da muß man nicht nach Worten suchen, da diktiert die Feinschmerztintenlinie die Silbenführung.

        Vielleicht der Anfang eines Poems:
        Hüte dich vor Harmonie,
        weil sich die Hoffnung für einen Ewigmoment
        an hellblauen Linien verlaufen kann.
        Und beklage bitte nie,
        das Drunter und Drüber der Lebenssattheit,
        das Leben hält dich in seinem Bann.

        Ominkel hatte die buntesten Schürzen, die ich je sah, wohl weil sie vorher so lange Schwarztrauer trug. Und in den Kitteltaschen war immer eine Überraschung versteckt… hach.

      • Ein wunderbares Poem! Vielen Dank!

        Kitteltaschen können irgendwie nicht nicht positiv besetzt sein – meine ich.

      • Einspruch, liebste Marga! Imaginieren Sie bitte eine abgearbeitete Ackerfrauenhand, die sich in eine ausgebeulte geblümte Kittelschürzentasche senkt und aus der scheinbar unergründlichen Wundertüte für jedes der betteläugigen Jungspunde rundherum eine Kleinstüberraschung zaubert: Ein hübschiges Vogelfederchen, ein herzförmiger Stein, eine besondere Samenkapsel, ein verwachsenes Zweiglein, eine schillernde Fischschuppe, einen Wildtierzahn, eine Kornähre, einen Graspuschel, ein Stückchen Flitterband, einen lustigen Knopf, einen schimmernden Bernstein, ein rauhes Rindenstück, eine Murmel, eine alterthümliche Spielkarte, ein Fadenstück, ein Schieferstück, eine leere Patronenhülse, eine rundgeschliffene Scherbe, ein ausgeblichenes Tierknöchelchen, ein Schnipsgummi, ein Stück Spitze, ein silbriges Zigarettenpapierchen, einen bunten Kronkorken, ein Stück Kreide, ein Drahtkrönchen, einen Bleistiftstummel, eine Schrumpelkastanie, einen Minigummiball oder für die naschigen stets ein Silberraschelpapierbonsche. Positiver bestzt kann keine Kleidungstasche der Welt sein, finde ich.
        Einen guten Morgen wünsche ich, mit Hoffnungsgrüßen jenseits der hellblauen Linie, Ihre Käthe.

      • Hmm… Einspruch?
        Doppelte Verneinung, dann ein „positiv“ – was habe ich da wirklich gesagt? Wohin mit dem Einspruch.
        Ich glaube, so wie ich es gesagt habe, stimmt es. Und so, wie Sie es gelesen haben, ist der Einspruch wichtig.
        Kann das sein?

        (Anders gesagt: Kitteltaschen scheinen mir eindeutig und nur positiv besetzt. Selbst noch mit Erwachsenenaugen.)

        Ich liebe Ihre Aufzählung der Taschenkittelwunder! Danke!

      • Haben Sie das Gescheppere eben auch vernommen, liebe Marga? Das war der Groschen, der aus Ominkels Kitteltasche auch des öfteren in unsere Kleinkinderhände wanderte und manchmal runterfiel…
        Nicht nicht Positiv. Da habe ich zu oberflächlich gelesen. Pardöngsche. Mich deucht, die Kittelschürzensammlung wollte unbedingt niedergeschrieben werden und justierte klammheimlich den Knoblochblick auf ein einzelnes nicht. Und Sie ahnen, was das schlußendlich tuth?

      • Ich ahne es und freue mich!
        Wäre ich die Kittelschürzentaschensammlung gewesen, ich hätte auch jeden Trick angewendet, um diese Fetzerey anzuzetteln!

      • Marga als Kittelschürzensammlung, Sie sehen mich angemessen begeistert meine Schürzentaschen befüllhornen! Soviele Tausendschönchenmargakostbarkeiten! Wenn das nicht tolltollerös ist!

  7. Der letzte schöne Tag

    • Das ist jetzt hoffentlich kein Statement zu Deiner aktuellen Situation.

      Der letzte schöne Tag.
      Kann auch etwas Wertvolles für die Erinnerung sein.

      • Nein, nur in Bezug auf Deinen Eintrag. Die Frau wird sich an den letzten schönen Tag erinnern und muss u U den Rest des Lebens davon zehren.

      • Glaubst Du, dass ein Tag, der einen solchen Titel verdient, dazu reicht den Rest des Lebens auszufüllen?

      • Ja, wenngleich der Tag immer mehr verschwimmt. Das Problem ist, dass man nicht weiß welcher Tag der letzte schöne Tag ist. Entsprechend hat man ihn wahrscheinlich nicht so festgehalten wie man es im Nachhinein gerne hätte. Andererseits wüsste man, dass es der letzte Tag wäre, dann würde man ihn wahrscheinlich mit Dingen wie der Kombination für den Safe überfrachten

      • Ich meine, der letzte gute Tag könnte in manchen Fällen auch wie die Dekorkirsche auf einem Eisbecher sein. Erst wenn die sitzt, hat man das Gefühl: Ja, jetzt stimmt das Bild. So dass also auch alles andere richtig zur Geltung kommt.
        Ein anderes Mal ist es die Möglichkeit noch einmal ganz da zu sein und sich mit dem anzufüllen, was man dann mitnimmt (oder nicht, das ist vermutlich Ansichtssache).
        Vielleicht hilft der letzte gute Tag auch dabei, ein Gefühl des Friedens gegenüber der verstorbenen Person zu verspüren. Denn da war dieser eine gute Tag noch.
        Viele Gedanken…
        Und ja, vermutlich ist es gut, in den meisten Fällen nicht (sicher) zu wissen, dass es der letzte gute Tag ist.

        Ich wünsche Dir heute EINEN guten Tag!

  8. melcoupar

    Ist es sehr un- oder missverständlich, wenn in meinem Kopf einfach nur das Wort „JA“ hallt?

  9. Der Text ist gut. Und Du weißt ja mittlerweile, was ich damit meine.

Dazu möchte ich gerne sagen:

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