Tempowechsel

Folge 16

Liliane wartete vor der Spielgruppe bis Tara Benjamin übergeben hatte.

„Was ist los mit dir? Du bist in letzter Zeit so eigenartig“, ging sie gleich in medias res.

Dass die Unerreichbarkeit aufgrund des entsorgten Handys auf einen Neujahrsvorsatz zurückging, schien verständlich, wurde von der Freundin aber als hinterwäldlerischer Nonsens bewertet.

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wenn du Entschleunigung suchst oder auf Retro machen willst, dann kannst du statt Mails Postkarten schreiben, hingegen ein Telefon aufzugeben ist zu extrem. Hast du schon die Ladestationen mit Wählscheibe gesehen? Leg dir von mir aus so etwas zu, aber erklär mir einmal, wie wir uns verabreden sollen, wenn du ein Anti-Technik-Freak wirst, ohne uns Bescheid zu geben?“

Die Empörung der Freundin prallte an Tara ab.

„Das kommende Wochenende ist sowieso schon längst geplant. Ich weiß nicht, was es da noch Wichtiges telefonisch zu besprechen gegeben hätte, was hier vor dem Kindergarten nicht möglich ist.“

Lilianes Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

„Ich frage dich das nur ein einziges Mal. Habt ihr Probleme? Du und Henni? Was ist los?“

„Henni und mir geht es prima“, versicherte Tara, konnte aber ein Kichern nicht unterdrücken. Die Absurdität dieser Idee machte ihr Spaß, allerdings verstand das die Freundin falsch.

„Tara!“ Liliane hielt sie am Arm zurück. „Sag es mir!“

„Warum glaubst du, dass Eheprobleme dahinter stecken, wenn ich beschließe, mein Telefon aufzugeben?“

„Weil du anders bist.“

„Wie anders?“

Liliane suchte verzweifelt nach Worten.

Es fiel Tara nicht leicht, ihrer Freundin offen ins Gesicht zu lügen, wo sie doch ein derart feines Gespür an den Tag legte. Sie wusste, dass dies ein passender Moment gewesen wäre, um von den wahren Hintergründen zu berichten. Dennoch entschied sie sich dagegen. Nicht nur der Wunsch, Mitleid zu vermeiden, steckte dahinter, vielmehr hoffte sie auch, dass es schlicht und ergreifend zu früh war, um ihren Tod anzukündigen. So, als wäre Zeit zu gewinnen, solange sich die Nachricht noch nicht verbreitet hatte. Waren die Worte erst einmal ausgesprochen, dann wurde es zu einer großen Wahrheit, die von vielen Menschen getragen wurde und eine Änderung würde dadurch fast unmöglich. Im Moment wussten nur die Ärzte, Henni und sie davon, es bräuchte also nicht sehr viel Aufwand, um die Fakten zu verändern. Diese stille Hoffnung tauchte überraschend in Tara auf. Bislang war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie noch ein Wunder in Betracht zog. Vielmehr hatte sie die Diagnose und das dazugehörende unvermeidliche Ende absolut gesetzt.

Unruhe machte sich in ihr breit. Sie ahnte, dass die Erwartung einer spontanen Wende enttäuscht werden würde und dabei war die Situation als solches schon schwer genug zu ertragen.

Um sich wieder in den Griff zu bekommen, zwang sich Tara an Henni zu denken. In seiner Nähe fiel es ihr immer leichter, den Fokus zu bewahren.

„Henni ist übrigens auch dagegen, dass ich kein Handy mehr besitze“, teilte sie der Freundin mit.

„Gut, der Mann. Ich wusste schon immer, dass er etwas im Köpfchen hat.“

„Gerade eben meintest du noch, wir hätten Probleme.“

„Schnee von gestern“, wehrte Liliane leichten Herzens ab.

Sie setzten sich noch für einen Kaffee zusammen, bevor sich ihre Wege trennten und Tara versprechen musste, das Telefon-Dilemma zu beheben. Liliane drohte sogar damit, sie andernfalls von dem Wellnesswochenende auszuschließen.

Benommen von den unvorhergesehenen Emotionen, die das Treffen in Tara ausgelöst hatte, begab sie sich zum Supermarkt. Wenn möglich erledigte sie die Einkäufe stets ohne die Kinder, weil sie dadurch um ein Vielfaches schneller vorankam. Heute half das nichts, sie lehnte sich über den Einkaufswagen und ließ sich Zeit. Die Langsamkeit half ihr, nicht vollends den Boden unter den Füßen zu verlieren.

An der Kreuzung zweier Gänge stieß sie beinahe mit einer alten Frau zusammen.

„Bitte, nur zu“, wollte Tara ihr bereitwillig den Vortritt überlassen.

„Nein, nein. Sie sind bestimmt schneller als ich“, winkte die Dame ab.

„Heute nicht“, lächelte Tara.

„Die jungen Menschen sind sowieso immer in Eile. Es ist gut, wenn es Ihnen anders geht“, lobte die fremde Frau und tappte in winzigen Schritten an Tara vorbei.

Atmend, schiebend und im Hintergrund auch einkaufend bewegte sich Tara durch das Geschäft. Erst als sie an der Kassa stand, wachte sie aus ihrem Dämmerzustand auf. Gegenüber der Süßigkeiten gab es ein Regal mit Zündhölzern, Einwegrasierern, Batterien und Handys. Diese Geräte waren für alte Menschen gedacht. Es gab nur ein relativ kleines Display, dafür überdimensionale Tasten mit riesig aufgedruckten Ziffern. Sie nahm sich ein Blaues und legte es samt Wertkarte zu ihren Einkäufen. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Warum sollte sie nicht ein Alte-Menschen-Handy kaufen? Schließlich befand sie sich genau wie jene am Ende ihres Lebens.

Dieser kleine persönliche Scherz munterte sie auf und das Verstauen der Einkäufe im Auto gelang wieder in altgewohnter Geschwindigkeit. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr aber, dass Liliane und der Zeitlupengang durch den Supermarkt so lange gedauert hatten, dass sie nun direkt zurück zum Kindergarten fahren konnte, um Benjamin und danach auch Mathias abzuholen. Mit einem Schulterzucken tat sie das ab. Tagesabläufe änderten sich schließlich andauernd, das hielt lebendig.

 andere Tara-Tage + Henni

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9 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

9 Antworten zu “Tempowechsel

  1. Meine liebe Marga,
    du beklagst seit einiger Zeit, dass H. hinter dir steht.
    Wie soll er umgehen mit Schmerz, wenn du ihn bindest.
    Nicht der Krebstod seiner Frau verstörte ihn, sondern ihr Wunsch, er möge schweigen.
    Er weiss, sie wird nicht sterben, nicht für ihn.
    Niemals.
    In Ewigkeit nicht.
    Deine Ute

    • Das stimmt. Dieses Schweigen ist etwas, das auf ihm lastet. Auch wenn er sich selbst nicht daran halten konnte.
      Als Schreiberin verstehe ich mich selbst weniger als die Bindende. Es gibt Dinge, die ich gar nicht schreiben will und doch gibt es keine andere Variante. Ich habe das in einem anderen Fall einmal probiert. Habe eine zweite Variante getippt. Das war ein schöner Gedanke, doch ich wusste, dass der andere Ausgang der stimmige ist. Und vertrau mir, daran schreibe ich auf eine Art noch immer.

  2. Was wäre die Welt ohne Telefone, insbesondere, die Börse und die Hochfinanz…

    Für mich persönlich ist zunächst einmal jedes Telefon suspekt…
    Es sei denn, es belehrt mich eines besseren, was bisher noch keinem Telefon gelang…

    Vielleicht sollte ich mir mal so ein Alte-Leute-Handy zulegen *grübel*

    Fein geschrieben… 🙂

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