Stein des Anstoßes

Tapfer fühlte sich Tara, als sie das Fenster des Internets öffnete.

Den ganzen Tag war sie mehr oder weniger um den Laptop herumgeschlichen, hatte ihn aus den Augenwinkeln beobachtet und am Abend schließlich den ganzen Mut zusammengenommen. Die Kinder waren im Bett und Henni noch bei der Arbeit.

Seit ihr Mann den Vorschlag gemacht, nein, vielmehr darauf bestanden hatte, sie solle mit jemandem über ihre Diagnose sprechen, hatte diese Idee Wurzeln in ihr geschlagen. Heute war sie soweit, einen ersten Schritt in diese Richtung zu versuchen. Ganz bewusst entschied sie sich für die Internet-Variante, denn Aug in Auge konnte sie sich noch immer nicht vorstellen, ihr Geheimnis auszusprechen.

Es dauerte länger als erwartet, bis sie eine passende Stelle für ihr Anliegen fand. Zum einen schien es wesentlich mehr Foren für Angehörige zu geben, zum anderen wollten unglaublich viele Menschen sterben, während sie musste. Nein, mit Suizid hatte sie nichts am Hut und sie konnte sich auch nicht vorstellen, an diesen Punkt zu kommen. Wie sollte Henni den Buben eines Tages erklären, dass sie nicht bis zur letzten Sekunde dafür gekämpft hatte, bleiben zu dürfen?

Geraume Zeit verging, in der sie suchte, las und sich in einer Welt wiederfand, von der sie bisher noch gar nichts geahnt hatte.

Nach zwei Stunden meldete sich Henni und nachdem er sich vergewissert hatte, dass es ihr gut ging, erklärte er, mit Freunden noch etwas trinken zu wollen.

Für Tara kam das ganz gelegen, sie war gerade erst dabei, Fuß zu fassen. Ungern hätte sie ihre Erkundungstour schon jetzt abgebrochen.

Mit einem Glas Wein kehrte sie an den Laptop zurück. Eine weitere Stunde las sie verschiedenste Erfahrungsberichte, die meistens von Befunden und Wertangaben strotzten, die sie nicht wirklich zuordnen konnte. Wenn sie bedachte, dass genau diese Zahlen auch ihr Leben so drastisch verändert hatten, dann musste man annehmen, sie würde sich mehr dafür interessieren. Das Gegenteil war der Fall. Trotz der gegenseitigen Unterstützung und den aufmunternden Worten, die sie dazwischen finden konnte, fühlte sie sich fehl am Platz.

Mit dem Glas in der Hand wanderte sie erneut zum Kühlschrank und goss sich zu kalten Rotwein ein. Nachdenklich blickte sie auf den Bildschirm am Tisch. Was war es, worüber sie wirklich sprechen und lesen wollte? Ganz sicher nicht ihre Werte und Chancen, schließlich war dies auch schon der Auslöser gewesen, weswegen sie einen Arztbesuch geschwänzt und dadurch kurzzeitig für ein Chaos gesorgt hatte.

Von einer plötzlichen Eingebung motiviert, setzte sie sich hin und tippte Ich will leben in das Suchfeld. Eine weitere Welt öffnete sich vor ihr. Religiöse Seiten, Diskussionen über Abtreibung, Fotoblogs und ja, auch Beiträge von Menschen, die wie sie als unheilbar angesehen wurden und ihr Leben im Internet ausbreiteten. Eine neue Entdeckungstour begann und in einem Anflug von Wagemut registrierte sich Tara auf einer Seite, die vorrangig nichts mit Krankheit zu tun hatte. Vielmehr ging es um Pflanzen. Die Überschrift lautete: Für alles ist ein Kraut gewachsen. Das empfand Tara geradezu als Spot, wenn sie diese Worte auf sich bezog. Darum wollte sie den Menschen hinter dieser Aussage herausfordern.

Ich werde in ein paar Wochen sterben und hinterlasse drei kleine Kinder und einen Mann, der mein bester Freund seit immer schon ist. Welches Kraut soll ich also zu einem Tee aufbrühen?

Im Nachhinein überlegte sie, ob ein paar Smileys nötig gewesen wären, um ihren Sarkasmus deutlich zu machen. Grundsätzlich hatte sie nichts gegen diese Themen und die engagierten Personen dazu. Allerdings hatte das lange Suchen und der Alkohol sie müde gemacht. Rettung gab es auch hier nicht. Reden, egal mit wem oder wie, würde ihr keine Sekunde an Leben schenken und diese Erkenntnis breitete sich unbarmherzig in ihr aus.

Mit einem Seufzen erhob sie sich und spülte ihr Glas. Es war nach Mitternacht und Henni noch immer unterwegs. Vielleicht war er ja wieder bei seiner ach so wichtigen Anlaufstelle, die er für sich gefunden hatte. Diese Überlegung stimmte Tara nicht gerade fröhlich. Für sie gab es niemanden und das fand sie mindestens so unfair wie die Tatsache, dass ausgerechnet sie krank werden musste.

Als sie das Internet schließen und den Laptop ausschalten wollte, fand sie zu ihrem Erstaunen bereits eine Antwort auf ihre Zeilen vor. Von Kräutern war aber keine Rede. Stattdessen schrieb m_wie_wunder:

Kein Roman. Fakten: 1843 war es. Home, ein Schotte ging durch geschlossene Fenster, ohne sie zu berühren. Dieser Mann überwand in Gegenwart der größten Wissenschaftler seiner Zeit das Gesetz der Schwerkraft. Sie schlossen ihn an Messgeräte an. Es gab exakte Untersuchungen. Klar, so etwas lässt sich die Wissenschaft nicht entgehen. Nichts Geheimnisvolles. Diesem Mann wurde lediglich der Glaube an diese Fähigkeit nachhaltig eingeflößt.
Darüber mag man lachen, nun das tat man auch über die Idee des Telegrafen, des Radios, des Fernsehers, des Flugzeugs, Züge hielt man ebenso für unmöglich.
Die Maya konnten 6.000 Jahre bis 60 Mill. Jahre im Voraus berechnen. Sie, wie auch die Inka, bauten architektonische und mathematische Wunderwerke. Bis heute hat der Mensch der Postmoderne keine Erklärung dafür. Die alten Mystiker wussten alles über Mathematik, Geometrie, Aerodynamik, Maschinenbau – komisch, nicht wahr, dass all diese intelligenten Menschen vergangener Zeiten nicht auf die Idee kamen, Flugzeuge zu bauen. In China gibt es eine medikamentenfreie Klinik mit besten Erfolgen.
Naturgesetze sind nicht getrennt oder verschieden von den Gesetzen des Innenlebens. Liebe Tara, wir haben diese Kräfte in uns. Wenn dir der Stein auf den Kopf fällt, hast du versäumt, ihm aus dem Weg zu gehen.
Liebe Tara, glaubst du dies? Ja?
Dann reiche deiner Kraft die Hand, nicht leise wie ein Vogel (Hilde Domin),
liebe Tara, sondern laut und deutlich.

Völlig perplex las Tara einmal, zweimal. Durch geschlossene Fenster gehen? Dem Stein der Krankheit aus dem Weg gehen? Sie hatte das versäumt? Sie? Kräfte in ihr, die ein Todesurteil aufheben konnten?

Das alles hörte sich so verwegen an, dass nur ein Schluss übrig blieb: Das hatte eine vollkommen gesunde Person geschrieben.

Unsanft klappte Tara den Bildschirm zu und beschloss, m_wie_wunder zu vergessen.

 

Manche Dinge kann man gar nicht alleine schreiben. Ein herzvolles Danke an meine Co-Writerin Martina!

 

 

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14 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle, gefunden

14 Antworten zu “Stein des Anstoßes

  1. Liebe Marga, deine Geschichte berührt mich wie immer.
    Mir fällt dazu Nathanael vom Blog
    http://ungebetenergast.wordpress. com/
    ein.
    Ihn bedrückt ein Gehirntumor und doch glaubt er so fest an seine Gesundung, wenn er es inzwischen nicht vergessen hat.

  2. Wenn ich dich nicht schon längst abonniert hätte, würde ich es jetzt tun. Nicht (nur) wegen Hilde Domin.
    Liebe Grüße, Christiane

  3. Jede(r) muss selbst entscheiden was gut ist und was nicht. Leider sind die Wunder meist nur blendend vermarktete Ausnahmen.

    • In einer solchen Situationen stapeln sich Bücher, Erfahrungswerte, DVDs, Hinweise auf Dokumentationen, Rezepte, Flyer,, CDs, Ratschläge, Links und dergleichen…
      Entscheidungen sind manchmal schwer. Nichts, wo ich dreinreden könnte oder wollte.

  4. Wunderbare Geschichte, Gratulation!

  5. Mit großem Interesse gelesen, spannend und mitten aus dem Leben, das mich so und ähnlich ja ebenfalls betrifft, wie du längst weißt…
    Liebe Morgengrüße vom Lu

Dazu möchte ich gerne sagen:

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