Hennis Affäre

„Mein Dornröschen, ich habe Frühstück mitgebracht“, flüsterte Henni ganz nah an Taras Ohr.

Er lockte sie damit aus dem Schlaf, weshalb sie auch einige Sekunden brauchte, um festzustellen, dass etwas nicht stimmte. Henni hing mittlerweile suchend über der Kommode, es wurde schon hell im Zimmer und sie hätte schwören können, dass es ein normaler Wochentag sei.

„Warum bist du hier? Wo“, sie richtete sich abrupt auf, was ein kurzes Stechen in ihrer Seite auslöste, „wo sind die Jungs? Sie müssen aufstehen.“

Henni beruhigte sie lächelnd. Er habe sich bereits um alles gekümmert. Die drei Kleinen seinen auf Schule, Kindergarten und Spielgruppe verteilt worden, auf dem Rückweg hatte er in der Bäckerei ein Frühstück für sie beide eingekauft.

„Aber warum bist du hier?“, setzte sie noch einmal an und stand endlich auf.

„Na, hör mal. Gestern bin ich bis spät in den Abend gesessen. Ich habe mir einen freien Vormittag verdient.“

Tara ging zu ihm hin und schlang den Arm um seine Hüfte. Nach einem Morgenkuss an ihre Schläfe machte er mit seiner Suche weiter.

„Weißt du, wo meine Tennisshorts geblieben sind?“, wollte er aber bald von ihr wissen.

Es stellte sich heraus, dass Joel genau heute damit beginnen wollte, ein sportlicheres Leben zu führen. Zu Mittag waren die Männer deswegen zum Squash verabredet. Henni hatte als Kind viel und später noch gelegentlich Tennis gespielt, bei Joel gab es, so viel Tara wusste, keinerlei sportliche Vorerfahrungen.

„Das wird ein ungleiches Spiel“, kommentierte sie und zog das verloren geglaubte Kleidungsstück aus dem Schrank.

„Ich werde nett zu ihm sein“, versprach Henni mit einem Lächeln, das auch sie in eine Squash-Box gelockt hätte.

Dieser Mann hatte einfach Charme, überlegte sie gutgelaunt und verschwand im Badezimmer.

Das Frühstück hätte fast an längst vergangene Zeiten erinnern können, als sie noch zu zweit gewesen waren und jeden Sonntag auf diese Weise zelebriert hatten. Nur drehte sich ein guter Teil der Unterhaltung heute um die Söhne. Tara störte sich nicht daran.

Am Abend war Henni wider Erwarten pünktlich zum Essen zu Hause. Erneut betonte er, dass ein großer Auftrag zu Ende sei und er es sich leisten konnte, einige der Überstunden gleich heute abzubauen.

Im Flur stand die Sporttasche, mit der er zu Mittag beschwingt aus der Türe getreten war. Während Henni mit Jonas und Mathias den Tisch deckte, wollte sie die verschwitzten Kleider noch rasch in die Waschmaschine werfen. Zu ihrer Überraschung lagen die Sachen aber fein säuberlich und eindeutig ungebraucht in der Tasche.

„Henni?“ Mit dem zusammengelegten T-Shirt begab sie sich in die Küche. „Sag mal, wie war das Training heute?“

Er sah kurz auf, bevor er damit weitermachte, an jedem Platz Messer und Gabel umzulegen, weil ein Kind es verkehrt herum gemacht hatte.

„Tja, jetzt muss ich es wohl zugeben. Ich habe eine Affäre. Squash war nur die Ausrede.“

Unwillkürlich grinste sie über die offensichtliche Lüge.

„So, so. Eine Affäre.“

„Nichts Ernstes. Es geht nur um den Spaßfaktor.“

Mit einem gespielt schockierten Gesicht ging Tara auf ihn zu.

„Um den Spaßfaktor?“

Tara winkte alle drei Buben zu sich, ging in die Hocke und teilte ihnen ihren Plan mit. Wie zu erwarten begann Benjamin vor Aufregung unkontrolliert auf und ab zu hüpfen.

„Für den Spaßfaktor, mein lieber Henni, brauchst du keine Affäre. Den kannst du auch von uns bekommen.“

Zu viert stürzten sie sich auf Henni und begannen ihn zu kitzeln, wo sie gerade konnten. Natürlich wehrte er sich nach Möglichkeit mit derselben Waffe, wofür vor allem Benjamin und Tara selbst anfällig waren.

Sie lagen bereits alle in einem wilden Klüngel am Boden, als Taras linke Schulter meldete, es sei genug. Ihr Lachen erstarb reflexartig, doch sie bemühte sich gleich darauf schon um einen neutralen Gesichtsausdruck. Um Vorsicht in ihren Bewegungen bedacht, bewegte sie sich ein wenig von den anderen weg, doch Jonas stürzte sich sofort auf sie.

„Ist gut, Jonas“, sagte sie und hob abwehrend die Hände. „Ich brauche eine Pause.“

Ganz ins Spiel vertieft, galt diese Ausrede nicht und er holte erneut aus, als Hennis rettende Hände aus dem Nichts kamen und den Buben hochhoben.

„Es ist Zeit für die Raubtierfütterung“, verkündete er und beendete damit das Durcheinander.

Gerne ergriff Tara seine Hand, um sich hochziehen zu lassen. Zart aber fest umarmte er sie und drückte ihr einen warmen Kuss auf die Lippen. Sie ahnte, dass er ihr Zurückzucken bemerkt hatte.

„Du immer mit deinen Affären“, schalt sie ihn sanft und streichelte seine Schläfen.

„Meine Affäre und ich saßen vor den vollbesetzten Hallen, tranken etwas und gingen dann zur Arbeit“, murmelte Henni.

Benjamin beendete den innigen Moment, indem er sich mit vollem Gewicht gegen Hennis Bein warf und seinerseits Streicheleinheiten von seinem erklärten besten Freund einforderte.

Zu den anderen Tara-Teilen

 

 

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