Körpergedächtnis

 

Das Papier des Schokoriegels segelte zu Boden und sie nahm es bewusster wahr, als alles andere, das sie gerade umgab. Sogar das Geräusch des Zusammentreffens von Plastik und Holz schien übertönend laut. Gleichzeitig konnte das nicht sein. Der Blick war festgenagelt und in den Ohren rauschte es. Wie konnte dieses Papier dann ihre Aufmerksamkeit erregen?

Während die Fußsohlen mit dem Flurboden verschmolzen und sie daran hinderten, sich noch rühren zu können, stieg Wasser immer höher. Aus Unsicherheit wurde Angst und das Rückgrat hinauf kletterte eine alte Bekannte. Panik. In der Magengrube formte sich ein steinschweres Gebilde, sie wünschte sich, diesen Fremdkörper ausspucken zu können. Doch der steigende Wasserpegel verdrängte diesen Gedanken, die Atmung wurde schneller, denn die Zeit war begrenzt. Schon wellte es um ihren Hals und eine Gänsehaut überzog die Arme.

Die gesamten Eindrücke waren so viel und so unterschiedlich, dass ein Reagieren darauf unmöglich war. Ein Arm begann zu schmerzen, als sie verzweifelt Luft durch den Mund einsog. An die Ohren brandeten unangenehme Geräusche und obwohl vor den Augen nun alles schwarz war, spürte sie unkoordinierte Bewegungen. Wieder der Arm. Sie wollte „Aua!“ schreien, hielt sich aber zurück, weil sie fürchtete, davon Wasser in die Lungen zu bekommen. Ihr war schwindelig und sie fühlte sich durch das schwarze Nichts geworfen. Alles war laut und eindringlich, keine Zeit eine Kleinigkeit davon zu sortieren. Der Lärm nahm zu.

„Sina! Wenn du mir nicht sofort in die Augen schaust und was Zusammenhängendes sagst, dann knall ich dir eine!“

 —

Die Türklingel war noch nicht ganz verklungen, als Sina auch schon lachend aufstand, um den Besuch zu empfangen. Als kurz darauf aber nur irritierte Fragen wie „Hallo?“, „Brauchen Sie Hilfe?“, „Ist alles in Ordnung?“ zu hören waren, machte sich Noah stirnrunzelnd auf den Weg, um ebenfalls nach dem Rechten zu sehen.

Als wäre sie eine Traumwandlerin, stand die Schwester da, ihr Gesicht war käseweiß. Achtlos ließ sie ihr Schokoladenpapier einfach zu Boden fallen. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, was der Anblick der zwei Polizisten vor der Türe bei ihr auslösen musste.

„Die kommen zu mir“, erklärte er. „Kollegen aus der Arbeit. Freunde.“

Sie schien ihn nicht zu hören, stand wie erstarrt. Er packte sie gewollt fest am Arm. Keine Reaktion. Unfein zerrte er sie zu einem Sessel in der Küche, Sina stolperte ganz benebelt neben ihm mit.

Vergeblich versuchte er noch einmal die Situation zu erklären, doch erst, als er sich nicht mehr anders zu helfen wusste und ihr mit einer Ohrfeige drohte, blinzelte sie aufgeregt.

„Ja, ja, okay. Ja.“

 


 

Es gibt Sekunden, da trennen einen weder Raum noch Zeit, da steht der ganze Körper in Blitzgeschwindigkeit in einem alten Film. Da kann der Verstand erst mal gar nichts dagegen ausrichten.

 

 

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6 Kommentare

Eingeordnet unter faszinierend, just Life

6 Antworten zu “Körpergedächtnis

  1. melcoupar

    Der Körper erinnert sich …

  2. *Gänsehaut* Eine Szene, ein Geräusch, ein Geruch, ein bestimmter Ort oder ähnlichsehender Mensch und die Erinnerung kehrt zurück…

  3. Beängstigend echt beschrieben, liebe Marga. Ein Inneneintätowierttext, der auch bei einem selbst Hautwelligkeit bewirkt. Und wenn die abebbt, bleibt ein kleines Häufchen Hoffnung zurück. Die Hoffnung, daß der Körper sich zwar erinnern möge, doch auch bitte an die mögliche Heilung der Seele. Dann vermag auch der Verstand hinterherzuhinken und den Rest wieder einzuhloen.
    Ich grüße Sie innigst und sende Herzgrüße, Ihe Käthe.

    • Ich glaube fest daran, dass es den Weg gibt, der herausführt aus dieser Reflexhaftigkeit. Mit viel Geduld, Vertrauen und Liebe. Und dass sich die Einzelteile immer wieder und immer schneller zusammenfügen lassen, weil sie wissen, dass sie nicht verloren gehen können.
      Danke für Ihre Worte.
      Sonnengrüße zu Ihnen

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