Poesie – meine Sehnsucht

Als Kind war mein Berufswunsch ziemlich klar. Nebst ein paar anderen Ideen wollte ich einfach nur Lehrerin werden. Puppen, Geschwister und einige Nachbarskinder waren brave Übungsschüler:innen.

Plötzlich änderte sich alles. Ich bilde mir ein, sechzehn Jahre gezählt zu haben und in der Schulklasse im Gymnasium gesessen zu haben. War es die Geografiestunde, in der wir diese eine Floskel der Lehrerin zählten, um uns die Zeit zu vertreiben und daneben möglichst Krawall veranstalteten, damit der Sager eben noch öfters kam (es waren hunderte Male! wie soll man da noch beim Inhalt bleiben?)?
Jedenfalls könnte es damals gewesen sein, als ich von einer Sekunde auf die andere entschied: Nein, nicht Lehrerin. Weil, wie geht man mit einer solchen Meute, zu der wir hin und wieder mutierten, um? Ich selbst relativ brav, angepasst und manchmal sogar voller Mitgefühl für die Lehrperson, ich traute mir das keinesfalls zu.

Also doch nicht Lehrerin. Dabei blieb es.

In den letzten Jahren habe ich dennoch eine ganz besondere Schule ein bisschen kennenlernen dürfen. Den Jagdberg.

Den kannte ich selbst schon aus der Kindheit, noch bevor ich lesen und schreiben konnte. Denn wer nicht gehorchte, dem wurde damit gedroht, an den Jagdberg zu kommen. Was auch immer das war, es konnte nur ein schrecklicher Ort und jedenfalls fern der Familie sein.

Als ich das erste Mal, ganz ohne Angst ich könnte dort bleiben müssen, weil ich nämlich bereits erwachsen war, an diesen berühmt berüchtigten Ort kam, war ich ganz überrascht. Von der Wärme und der Schönheit, die an so vielen Ecken zu finden war. Groß am Schuleingang das Motto: You’ll never walk alone.
Ich war begeistert beim Gedanken daran, welche Kinder das hier als Versprechen täglich vermittelt bekamen. Natürlich hoffte ich, dass es nicht nur leere Worte waren.
Dazu sollte ich nun wohl sagen, was es mit dem Jagdberg tatsächlich auf sich hat. Die korrekte Bezeichnung lautet Sozialpädagogische Schule und es gibt ein  Internat dazu – beides befindet sich eben in der Jagdbergstraße. Betreut werden sozial und emotional benachteiligte Kinder und Jugendliche.

Die Stunden, die ich seither dort verbrachte, haben mich immer weiter in dem Eindruck bestätigt, dass der Jagdberg ein guter Ort ist. Ein guter Ort, um das Menschsein zu spüren, um lernen zu dürfen, um Begleitung zu erfahren, um wenn möglich zu heilen. Nicht nur einmal habe ich den häufigen Gedanken ausgesprochen: Würde ich Lehrerin sein, ich wollte am liebsten dort unterrichten.

Natürlich kalkuliere ich meine Naivität und Blauäugigkeit, welche durch einzelne Besuche womöglich noch vergrößert wird, mit ein. Ich kenn mich doch. Und ich habe genug Phantasie, um mir auszumalen, was da oben noch so alles passieren kann.

Die Lehrerin Marion Amann vervollständigte gerade auf realistische Weise mein Bild. Sie hat ein Buch geschrieben, das auf ihren Erfahrungen an dieser Schule basiert. Ehrlich, offen und überaus wertschätzend beschreibt sie vor allem, was die Begegnungen und der Austausch mit den Kindern und dem Team der Schule mit ihr und in ihr machen und wie das ihr ganzes Leben beeinflusst. Theorie, die wie keine erscheint, verwebt sich mit Gelebtem und ist schlicht poetisch. Seit ich zu lesen begann, will ich ihr das ganz dringend sagen: Marion, dein Buch ist Poesie! (Und ich werde es ihr sagen! Bald schon!)

Nicht nur würde ich dort oben an dem Berg unterrichten wollen, ich möchte auch so ganz Mensch sein, wie sie das beschreibt. Und meine Brust wird ganz groß und mir fehlen die Worte dafür auszudrücken, wie wohltuend ich diese Poesie finde. Marion weckt das Gefühl in mir, dass das Feine, das Liebliche, das Große in mir (und allen) wohnen. Eine Poesie jenseits von etwas, das man studieren oder lernen kann. Nichts zum Bloggen oder Veröffentlichen. Eine Poesie, die einfach nur das Leben selbst ist.

Ich trage nunmehr in mir den Klang des Neubeginns, das Glück der fünf Minuten, das Groß Denken.

Menschen, die von Menschen lesen wollen, empfehle ich: Das springende Pferd. Eine Geschichte über Pädagogik und die Liebe von Marion Amann

 

Ach ja! Zwei von denen, die mit mir in der Krawallklasse saßen, arbeiteten (einer noch immer) ebendort im Internat. Das ist eine Erwähnung wert, meine ich.

 

 

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8 Kommentare

Eingeordnet unter faszinierend, gefunden

8 Antworten zu “Poesie – meine Sehnsucht

  1. „Eine Poesie, die einfach nur das Leben selbst ist“…
    genau sooo, wundervoll 🙂

  2. Sein Leben zu Poesie werden lassen, bzw. das Leben als Poesie sehen, was für schöne Gedanken. Nach deinem beeindruckenden Erlebnisbericht hab‘ ich das Buch sofort bestellt. Bin gespannt. Klingt gut. Sehr gut.

    Danke für den Tipp und
    herzlichen Gruß, Michael

    • Dann werden wir ja sehen, ob mein Buchgeschmack deinem gleicht.
      Ich wünsche dir jedenfalls viel Genuss dabei.
      Herzliche Grüße, Marga

  3. Schön geschrieben, liebe Marga. „Eine Poesie, die einfach nur das Leben selbst ist“ wie wunderbar!

  4. melcoupar

    Ist das nicht toll unbeschreiblich dieses Gefühl? Ganz Leben.

    • Ja, unbeschreiblich. Zumindest mir fehlen da die Worte und so bleibe ich ganz gerne in der Empfindung, von der manche eben eh wisse, ohne dass man lange Wortbilder dazu malen müsste.
      Liebe Grüße zu dir

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