Verzwickte Standorte

Hennis Bruder Timo stand überraschend vor der Tür und nach einem schnellen Gruß wollte er auch schon wissen, ob Henni daheim sei. Tara musste ihn auf später verströsten, denn heute stand das wichtige Gespräch in Bezug auf das weitere Arbeitsverhältnis an.

Timo entschied sich zu warten.

„Ich weiß aber nicht, wie lange es dauern wird. Diese Tage kommt er sehr unregelmäßig nach Hause, manchmal erst spät in der Nacht“, erklärte Tara.

Ohne ein Wort über seine Gründe blieb Timo, bis die Kinder zu Bett gebracht werden mussten. Als sie nur noch zu zweit im Wohnzimmer saßen, schien seine Geduld aber plötzlich am Ende.

Er könne nicht ewig bleiben, meinte er noch, dann endlich sprach er aus, was ihm auf der Seele lag.

„Ich habe mich verliebt.“

Tara meinte, sich verhört zu haben. Zu Hause warteten eine Frau und ein Kleinkind auf Timo.

„Es ist nichts passiert“, beschwichtigte er sofort. „Aber, Tara, hast du schon einmal von einem Seitensprung geträumt?“

„Nein“, antwortete Tara langgezogen.

Timo verzog das Gesicht.

„Das habe ich schon befürchtet. Bei Henni wird das nicht anders sein, oder?“

„Ich glaube nicht.“

„Kein Mensch versteht mich!“ Verzweifelt warf er die Hände in die Luft.

Sie versuchte ihn am Reden zu halten, denn offenbar belastete ihn das Thema sehr.

„Seit wann läuft das schon so?“

„Es läuft ja nichts. Das ist alles so… kompliziert. Und sie…“

„Ja?“

„Sie ist auch verheiratet, hat Kinder, das volle Programm eben.“

Draußen hörten sie, wie sich die Wohnungstüre leise öffnete. Wortlos warteten sie, bis Henni sie gefunden hatte. Beim Anblick des Bruders zog er seine Stirn kraus und schaute nach einer Antwort suchend von einem zum anderen.

„Ich fürchte, da kann Henni auch nicht helfen“, seufzte Tara.

Ihr Mann setzte sich neben sie und vergaß trotz der ungewohnten Umstände nicht, ihr einen Begrüßungskuss zu geben.

„Was ist los?“

„Ich brauche einen Bruder“, gab Timo betreten zu.

Er sah wie ein begossener Pudel aus, der zu seinem Herrchen gekrochen kam. Tara fragte sich, was er von Henni erwartete. Absolution? Verständnis? Eine Lösung? Ein klares Wort, das ihn zu seiner Familie zurückbrachte?

Bislang waren sie nicht über die bereits bekannten Fakten hinaus gekommen und Henni hatte sein Erstaunen vor allem durch Fragen kundgetan, als sich Timo mit einem Mal wieder an Tara wandte.

„Macht es dir etwas aus, wenn wir das unter vier Augen besprechen?“

Das tat es natürlich nicht und Tara erhob sich sofort. In Ermangelung einer anderen Idee begab sie sich direkt zu Bett. Allerdings war sie noch nicht wirklich müde und so lag sie mit offenen Augen da und blickte an die Decke. Dieser dumme Stein, den m_wie_wunder erwähnt hatte, schien plötzlich ständig über ihr zu schweben und sie wusste nicht, wie sie dem entkommen konnte. Gab es auch über Timos Kopf eine solche Bedrohung? Was bitte konnte man tun, wenn der Brocken einfach erschien? Tara pustete der Decke entgegen, wollte ihn wegblasen. Sie seufzte. Es war so leicht von Wundern zu sprechen und an sie zu glauben, wenn man nicht von einem abhängig war.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sich Timo auf den Heimweg machte und Henni wenig später zu ihr kam.

„Und?“

„Was soll ich schon tun?“, sprach Henni, während er sein Hemd auszog. „Timo ist eben Timo. Immer, wenn alles idiotensicher ausschaut, fällt ihm etwas ein, damit es kompliziert oder aufregend wird.“

Tara erinnerte sich an Kindheitsgeschichten, an all die Streiche, die Timo ausgeheckt hatte.

„Und deswegen magst du ihn auch.“

„Deswegen und trotzdem“, murmelte Henni.

Sie wartete, bis er im Bett lag.

„Was hast du ihm geraten?“

„Dass er vor jedem Schritt, den er im Kopf hat, drei Nächte darüber schlafen soll.“

Dieses Vorgehen war sein Allheilmittel für jedes Problem und sie liebte ihn dafür. Henni behielt seine Beine stets am Boden und wenn er einmal eine dumme Entscheidung getroffen hatte, dann konnte er zumindest behaupten, er habe es ganz bewusst und nach sorgfältiger Überlegung getan. In einem Fall hatte Tara bezüglich dieser goldenen Regel aber ihre Zweifel.

„Als du gekündigt hast, hast du dich selbst nicht daran gehalten. Habe ich recht?“

Nur zu deutlich war ihr bewusst, weswegen Henni heute erst spät nach Hause gekommen war und das interessierte sie im Grunde viel mehr, als das verzwickte Liebesleben des Schwagers.

Henni drehte sich auf den Bauch und stützte den Kopf in seine Hände.

„Drei Tage würden da nicht reichen. Ich hätte ganz gerne einen Pausenknopf.“

Sie lag da und wartete, bis er den Kopf wandte und sie anblickte.

„Wir haben vereinbart“, berichtete er nun, „dass ich weitermache, allerdings eine Homeoffice einrichte. Nach eigenem Ermessen und je nach dem, was für Arbeiten anstehen, kann ich so von hier aus meine Sachen erledigen.“

„Du weißt, dass sie meinen, du seist krank?“

„Das ist mir egal.“

„Unser Leben wird so sehr durcheinandergewirbelt“, dachte Tara und hätte gerne alles Mögliche getan, um diesen Platz unter dem Stein gemeinsam mit Henni zu verlassen.

Seine Gedanken kannte sie nicht, doch auch er hielt ihren Blick fest, saugte ihn auf und beschenkte sie gleichzeitig mit seinem warmen Blau. Er legte die Stirn auf ihre und so blieben sie eine Weile, atmend und die Nähe des anderen aufnehmend.

Irgendwann legte sich Henni bequem neben sie und hielt sie in seinen Armen, bis sie einschliefen.

 

 

Advertisements

11 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

11 Antworten zu “Verzwickte Standorte

  1. Eine schöne, wohlige Erzählung, wobei ich auf jeden Fall für mich mitnehme: keine Seitensprung-Anwandlungen mit einer Frau mit „vollem Programm“ und falls die Versuchung dazu sich doch nicht abregt, dann erst mal mindestens drei Nächte vor der Entscheidungsfindung darüber schlafen… *g*

    • Du darfst für dich natürlich mitnehmen, was du möchtest.
      It’s the Henni-Way und ich wage zu behaupten, dass Timo ein ganz anderer Schlag ist. Würde mich wundern, wenn der sich an den Ratschlag des Bruders hält, dem im Moment nichts ferner liegt als der Gedanke an eine andere Frau.
      Wie groß dieses Theater ist oder wird, kann ich noch nicht sagen, dazu muss ich über einen bestimmten Punkt hinaus schreiben.
      Bis dahin viel Spaß mit deinen Anwandlungen 😉

  2. Gefällt mir. Auch wenn in meiner Phantasie das Drama sicher kommt. Mit allen unschönen Hässlichkeiten.

  3. melcoupar

    Ich kann es Timo nachfühlen …, und nicht immer muss ein Drama daraus werden. Egal, was er tut oder auch nicht. Ich mag alle Protagonisten dieser Geschichte. Jeden auf seine Weise. Für mich ein Zeichen Deiner Art zu schreiben. Herzlichen Gruss. Melanie

    • Tatsächlich kann ich die vorkommenden Personen fast nicht nicht mögen. Sogar bei der einen Melanie, die du kennengelernt hast, habe ich später noch in den Hintergrund geblickt. Zumindest wird dann viel verständlich – auch wenn ich nicht mit ihr ein Kaffeekränzchen besuchen wollte.

      Danke für deine wertvollen Worte.

  4. Wie Timo wohl reagiert, wenn er von Taras Erkrankung erfährt

    • Schreibtechnisch stehe ich kurz vor diesem Moment. Bis es so weit ist, weiß ich es auch nicht.

      Persönlich stelle ich mir vor/weiß ich/weißt Du auch, dass sehr vieles von einer Sekunde auf die andere in den Hintergrund rückt.

Dazu möchte ich gerne sagen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s