Kreislauf mit Nahtstelle

Das Heimkommen war mit Abstand der beste Teil des Wochenendes. Selbst wenn Tara noch hundert Jahre alt werden würde, sie wusste, niemals wieder würde sie zum Wellness fahren. Sie erkannte, dieses gekünstelte sich Gut-gehen-Lassen hatte vor allem damit zu tun, dass sie ihr Leben im Alltag nicht wirklich gelebt hatte. Nur daher kam das Bedürfnis nach Wegfahren, Massagen und Herumliegen. Aber mittlerweile hatte Tara gelernt, das auch zu Hause zu bekommen. Sie umarmte ihren Mann und die Kinder so oft wie möglich, wurde selbst in die Arme genommen, sie rastete, wenn sie eine Pause brauchte und sie plante kleine Genuss-Oasen ganz bewusst ein. Mehr brauchte sie nicht. Niemand brauchte mehr.

Nachdem Tara die Kinder zu Bett gebracht hatte, fand sie Henni mit seinem Notebook auf der Couch.

„Bedeutet Homeoffice, dass du von nun an auch am Sonntag arbeitest?“, fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.

Er ließ es sich gerne gefallen, seine Beine mit ihren zu verknoten.

„Nur ein bisschen noch“, murmelte er und weil er gar so vertieft schien, schnappte sich auch Tara ihren Laptop.

Es war nicht schwer die Mailadresse von Joels Mutter zu finden. Sie arbeitete in einem Yogastudio und wurde auf der Homepage persönlich aufgeführt. Tara schickte ihr eine kurze Mail, in der sie ihren Wunsch äußerte, in einer persönlichen Einheit das Meditieren erlernen zu wollen.

Henni saß ihr mit strengem Blick gegenüber. Er war gänzlich in seine Arbeit vertieft.

„Vielleicht solltest du einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen. Eine Auszeit für dich nehmen“, schlug sie spontan vor.

Nur, weil sie nun wusste, dass ihr Platz zu Hause war, bedeutete das noch lange nicht, Henni müsse es genauso gehen. Immerhin hatte er in der letzten Zeit mehrmals davon gesprochen, sich eine Pause zu wünschen.

Ihre Worte fielen nicht gerade auf fruchtbaren Boden.

„Fang du nicht auch noch an!“, gab er unwirsch zurück.

„Warum? Wer sagt das noch?“

Ruckartig sah er hoch und blickte in ihre Augen. Dann atmete er hörbar aus und deutete auf den Bildschirm.

„Ich lese manchmal in so Foren.“

Die Art wie er das sagte und die Tatsache, dass es ihm nicht leicht fiel, diese Worte auszusprechen, machte es für Tara klar, von welcher Art von Foren er sprach. Es ging um einen Austausch mit Menschen, die zu den Hinterbliebenen gehörten.

„Und was steht da?“, erkundigte sie sich mit belegter Stimme.

„Tara, hast du Angst vor dem Tod?“

Dieser Themenumschwung brachte sie kurzfristig aus dem Konzept.

„Nein, nicht direkt. Eher fürchte ich mich davor, wie mein Leben am Ende aussehen könnte. Schmerzen zum Beispiel.“

Er schien von der Antwort begeistert.

„Eben! Genau das meine ich auch. Die meisten hier reden sich nur gegenseitig zu, wie sie das Leben noch schaffen. Ständig soll man an sich selbst denken, Auszeit nehmen, in Urlaub gehen und das ganze Zeugs. Ich verstehe das schon. Auf die Dauer…“ Er schluckte den Rest des Satzes hinunter. Von einem Leidensweg über Jahre, wie es andere erlebten, war bei ihnen keine Spur. Er kam zurück zu seinem Anliegen: „Aber bei vielen scheint mir, als läse ich nur von der Angst, dass der Tod in ihr Leben eintritt.“

„Und bei dir ist das anders?“

Henni klappte das Notebook zu und sah sie zärtlich an.

„Ich will nicht, dass du stirbst. Das zerreißt mir das Herz. Aber ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich auch nur eine Sekunde verpasse. Von deinem Leben und auch von deinem Sterben. – Entschuldige. Das klingt komisch.“

Für Tara waren dies die wohltuendsten Worte seit langem. Ihr Mann, ihr Freund – schlicht: Henni musste nicht bei ihr bleiben, nein, er wollte es.

Sie krabbelte zu ihm und schmiegte sich an seine Brust.

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird. Dass du mich dann so wie jetzt ihm Arm hältst“, flüsterte sie.

Diesen Gedanken hatte sie noch nie zuvor ausgesprochen.

„Wie denn sonst?“, hörte sie seine Stimme ganz dicht an ihrem Ohr. Er schniefte und streichelte ihren Kopf. „Wie sonst sollte es sein? Ich bin da.“

Henni war ein mutiger Mann. Kein klassischer Held, der mit Tamtam und Gebrüll Aufmerksamkeit erregte. Er zeigte seine Stärke genau jetzt. Er half Tara jeden einzelnen Tag ihres Lebens als Leben zu begreifen und auch umzusetzen. Dabei scheute er sich nicht, diesen Weg mit ihr zu gehen und für die Kinder und sich selbst würde er es schaffen, auch ihrem Tod einen Platz zu geben. So, dass das Ende kein Abbruch, sondern stattdessen zu einer Nahtstelle in einem fortwährenden Kreis wurde.

Es tat so wohl, das zu erkennen, dass Tara fast augenblicklich und völlig entspannt einschlief.

 

 

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31 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

31 Antworten zu “Kreislauf mit Nahtstelle

  1. Für das geben des Kreises danke ich dir.

  2. Ich stell es mir grausam vor, der Mensch, den man am meisten an seiner Seite braucht in dieser allesverändernden Situation ist für den einen der, der aus dem Leben scheiden muss und für den anderen der, den man im Leben zurücklässt. Kein Wunder, dass gerade an diesem Scheideweg so viele zum Glauben finden.

    • Stimmt. Wo das Aneinander-Festhalten an Grenzen stößt, sucht/findet/braucht man etwas anderes Tragendes. Zusätzlich. Ohne könnte ich es mir jedenfalls nicht vorstellen.

  3. Tara…da ist sie! DA ist SIE. sehr lächelnd. …Und wenn sich für Henni eigentlich alles ganz anders anfühlt und er eigentlich nicht in deiner genähten „Heldenrollenhose“ sitzen mag? Und wenn Leben auf der „anderen Seite“ beginnt und alle nicht „zurückgelassen“ werden, sondern jeder für sich auf etwas zugeht? Allerherzeliges Dir, du liebe Autorin.

    • Das würde ich doch meinen, dass da überall noch deutlich mehr dahinter steckt. Und du zeigst wunderbar und immer wieder, dass man es gar nicht auf dem Silbertablett braucht, um dem dennoch Raum zu geben.

      Wie oft werden wohl unsere Worte, Gedanken und Gefühle nur das Gewohnte und Bekannte spiegeln, hinter dem so vieles wohnt?
      Alles Liebe dir

      • Wie oft?…Vermutlich bis wir Worte und Gedanken fallen lassen.

        Liebe Buchautorin,.. *augenzwinkernd. hee.hee. klar…doch, …ich bin mir sicher, Henni wird noch Raum bekommen. Dabei Sonne und Mond über dem Kopf. Gute Nacht. Und dank für deine Wünsche, du Liebe. Dito.Dito.

      • Glaubst du, es ist Sinn, Zweck und/oder Ziel des Menschenseins, Worte und Gedanken vollkommen fallen zu lassen?

      • Wohin geht die Reise, liebe Magguieme?
        In der Seelenruhe legt der Mensch seinen Körper ab, und das ist es dann gewesen.
        Sinn und Zweck ist es S E H E N D zu werden. Mit welchem Bewusstsein wir vondannen ziehen, ist entscheidend. Das kreieren wir in diesem Leben, darum ist diese Erdenleben wichtig für uns (aus meiner subjektiven Brille betrachtet). So manch indigenes Volk hat den Brauch, sich gemeinsam in einen Kreis zu setzen, wenn es Streit in ihrer Community gibt. Sie sprechen dann kein einziges Wort. Schweigen. Für einen Tag, für zwei Tage, für eine Woche -… bis es „heil“ ist….Das wirklich entscheidende geschieht IMMER über das Herz, über unser Gefühl. Worte verwirren häufig genug. Mit Reden trifft man nie bis selten die Wahrheit. Du Liebe, in diesem Sinne, dies ist meine Antwort. Ein fröhliches Lächeln sende ich gleich noch mit. Guten Morgen dir.

      • In meinen Worten würde sich das so anhören: Was ist, annehmen ohne dabei zu verharren oder sich auszuruhen. Die Frage ist, wie wir mit dem umgehen, das wir sind und uns umgibt.
        So zum Beispiel mit der Stille, die du erwähnst. Die kann in der Tat heilsam eingesetzt werden, kann aber auch Ausdruck von Macht und Gewalt sein.

        Und um all die womöglich verwirrenden Worte abzuschließen: Ich glaube, wir sehen das ganz ähnlich.

      • Stille als Zeichen von Macht und Gewalt? Ups…… Wäre Stille dann nicht wenig Stille, sondern ein zweckgebundenes Handeln. Ein Mittel zum Zweck im Kant`schen Sinne. he.he. Ich dachte eher an Flow, keine Einflussnahme..floooouuuwww, ich spitze mein Mündchen…du weisst schon. herzlich lachend mit den liebsten Grüssen…ja, wir sehen das sicher ganz ähnlich.

      • Natürlich weiß ich, in welchem Sinne du von der Stille geschrieben hast.
        Doch es gibt eben auch andere Arten und darum ging es mir. Der äußere Ausdruck, egal ob Schweigen, Reden, Tun, NIcht-Tun, ist nicht automatisch mit dem Inneren gleichzusetzen. Nicht vom Augenscheinlichen täuschen lassen, dahinter sehen/spüren/hören.

        Nun ja, eine Übung für ein Leben.

      • So wahr! So wahr! Authentische Emotionalität gönnt man sich nicht immer…Eben zwischen den Zeilen lesen, hinter die Fassaden blicken….
        Ich bin ganz nah bei dir.
        Wundern t u t es mich nicht!!! Sehr lächelnd…herzelige Grüße aus Regenland.

      • Ergänzend vielleicht dieses noch:
        Wenn du sprichst, spreche ich auch.
        Wenn du debattierst, debattiere ich auch. Unsere körperliche Ausstattung sieht Sprache vor.
        Ich glaube dir aber auch, wenn du nicht redest, liebe Magguieme.

        Worte sind Energie. „Stille Gedanken“ sind Energie, die wir ebenso aussenden. „Die Luft ist zum Schneiden“ , diese Redensart weist darauf hin: wir kommunizieren häufigst auch ohne Worte – und wir spüren es.
        Gefühle sind Energie.
        Wir sind Energie.
        Bist du verärgert, glüht es um dich herum rötlicher. Du bist aufgeheizt. (lachend)
        Diese Energien senden wir aus, über Worte, über Gefühle, über Bewusstsein und ebenso unbewusst. Wenn du Liebe fühlst, sendest du Energie aus, mit und ohne Worte…eine Energie, die deine Welt maßgeblich und spürbar verändern kann.
        Deine Frage: Vollends fallen lassen?
        Das Maß ist es wohl…wenn wir zu viel reden, achten wir nur auf die Äußerlichkeiten, wir vergessen die klaren Tiefen in uns.
        Vor vielen Tausenden von Jahren soll gänzlich anders kommuniziert worden sein…so ein Hauch spüren wir noch…wenn du an einen Menschen denkst, der irgendwo an einem anderen Ort sitzt und plötzlich klingelt dein Telefon und er ist es…..Wir haben das Wort : Gedankenübertragung. Die Maya in Guatemala und in Mexico kommunizieren auch noch manchesmal auf solche Weise. Wir belächeln dieses, was es deshalb nicht weniger existent macht.
        Wenn du mit jemandem lieb bist, er neben dir sitzt in einem Raum mit anderen, spürst du mitunter, was jener denkt, noch bevor es ausgesprochen wurde, oder?

        Wofür wir die Worte verwenden,, scheint mir in unserem Kulturraum die entscheidendere Frage
        …wofür, wann und in welchem Umfang…
        Wir lassen uns von Worten & Gedanken durchrütteln, doch erkennen wohl eher selten, wann sie nur ein Hindernis sind…In höchster Freude für dich.

      • Ja, ja, ja.
        Ich schrieb es eben an dich!
        Und manchmal muss das Telefon gar nicht klingeln zum Beweis, dass die Verbindung da ist. Hehe!

      • Jaha, weich umhüllt mit einem stillen Lächeln. Hehe. Hier regnet es Bindfäden. Pling.Pling….

      • Wenn Regentropfen an dein Fenster klopfen, dann denke dir, es sind Grüße von mir!
        Poesiealbum-Grüße 🙂

      • Mag- ie, ich hatte dir gar nicht hierauf geantwortet..Du Liebe, oder? Nein, ich sehe hier keinen Pfeil…du weißt schon.
        Es regnet hier seit zwei Tagen ununterbrochen – sooooo viele Grüße von dir…ich bin ganz glücklich….denke dich und….freue mich noch immer sooooooooo…du weißt schon..

  4. Wiederum alles um Tara herum seeeehr gerne gelesen…

    Da verliert selbst der Tod seinen Schrecken und lässt mich ihn anlächeln 🙂

    Liebe Sommersonnengrüße vom Lu

Dazu möchte ich gerne sagen:

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