Gutmensch möcht ich sein

Nun, vielleicht weniger die ironische Verkehrung, aber schon. Doch. Ein guter Mensch so durch und durch, dass die einzig passende Bezeichnung Gutmensch ist. Ziel, Absicht, Wunsch – damit formuliert.

Schon mal versucht ein Gutmensch zu werden? Das ist ganz schön verrückt. Dabei warten abgrundtief demotivierende, ängstigende und luftraubende Momente. Zuhauf.

Das Bild des Sumpfes hilft mir bei der Beschreibung. Wer nämlich ernsthaft ein Gutmensch werden will, der muss auf ziemlich vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Ziehen wir den Kreis für den Anfangl ganz eng. Die Ernährung. Bio, saisonal, abwechslungsreich, fair, zuckerlos, frei von Koffein, Antioxidantien, Farbstoffen, Geschmacksverstärker und und und. Ob vegan, vegetarisch oder nach Ayurveda gekocht, eher roh oder keinesfalls, auf die Grundstimmung, Blutgruppe oder Religion abgestimmt – das ist damit noch nicht gesagt. Hinzu kommt selbstverständlich der Stand der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet (welchem denn nun genau?), der sich leider gerne widerspricht.
Ich sage es: Ein Sumpf!

Dabei ist das nur ein herausgepickter Bereich.

Wer beim Essen alles richtig – sprich so richtig gut – macht, der kann das nicht mit Pflegeprodukten zunichte machen, die ebenfalls vom Körper aufgenommen werden. Cremes, Salben, Shampoo, Seife, Dusch- und Badeprodukte, Kosmetik, Zahnpasta, Reinigung, Wäsche, Putzmittel. Es dürfte klar sein.

Es geht auch noch ein bisschen feinstofflicher. Mit welchen Gedanken, Geschichten, Büchern, Filmen, welcher Musik, Farbe der Bettwäsche, … umgebe ich mich?
(Wie) Ist mein Essen verpackt? Soll es frisch vom Markt sein – wie darf es/ich dorthin kommen? Eher second hand nutzen oder geht das gar nicht? Lieber wenig oder die Fülle von Farben und Schnitten bei der Kleidung feiern? Bewegung. Es gibt zu wenig und zu viel. Computerunterstützt, meditativ, in der Tiefe einer Richtung oder der Breite von allem Möglichen (aber nichts richtig). Kein Aluminium oder No-Plastik-Fraktion? Reisen – ja oder nein? Pflanzen im Raum? Nachrichten hören? Sex, Medikamente, Erziehungsstil, Flüchtlingsfrage, Hausdämmungsmaterial, Petitionen.

Die Sumpflandschaft wird größer und die einzigen Untiefen untiefer und sogstärker. Gutmensch werden ist also sicher nichts für Gewohnheitstiger. Noch nicht einmal etwas für solche, die in der Nacht gerne tief, fest und gedankenleer schlafen. Wobei, das gehört vermutlich auch auf die Liste. Entspannungstechniken. Gutmenschen können nämlich auch gut schlafen. Ist ja klar.

Wie weiter? Da steht man mitten im Sumpf und droht zu versinken. Mutlosigkeit ist in diesem Fall noch eine heitere Empfindung. Stehenbleiben darf nicht sein – bei Sümpfen absolut zu vermeiden. Auf der anderen Seite: Was die Sache schlimmer macht (könnte man ausprobieren – ich empfehle es nicht), ist die Wahl, einfach alles über Bord zu werfen und draufloszurennen. Egal wie und wo, man wird schon rauskommen. Die Füße bleiben nie trocken. Warum überhaupt soviel Energie ins Versuchen stecken?

Meine Antwort:
Weil es ohne Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für einen guten Weg ein Ünzchen schlimmer aussieht. Ja, doch. Verfahrene Situationen können auf diese Weise noch verfahrener und am Ende sogar aussichtslos werden.
Also: Sauber und ohne ein bisschen Schweiß kommen wir nicht weiter. Lassen wir diese Idee demnach außen vor. Was bleibt, ist das Hier und Jetzt – sprich der nächste Schritt auf der Suche nach einem Stück Boden, das vertrauenswürdiger als ein anderes aussieht. Sumpf ist zwar Sumpf, aber er hat verschiedene Qualitäten. Das wollen wir nicht vergessen.

Gut(e )menschen sind keine Sauberdinger (können sie diesem Bild nach gar nicht sein). Sie kennen weder den Weg noch verharren sie im Nichtstun. Das beste ist es, auf das zu achten, was vor der eigenen Nasenspitze liegt (das kann mir niemand anderes zeigen, sagen, vorbeten oder gar predigen). Aufmerksamkeit und Achtsamkeit (s.o.) sind gefagt. Dabei kann es um die eigene Futterluke, die Rohrverlegung im Hausbau oder den zwischenmenschlichen Bereich gehen.
Ich wiederhole: Das beste ist es.
Beste.
Ist ein Steigerungsform von gut.
Wer hätte geahnt, dass ich mit einer Reduzierung sogar über dieses „gut“ hinauswachse!

 

 

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9 Kommentare

Eingeordnet unter ein bisschen Philosophie

9 Antworten zu “Gutmensch möcht ich sein

  1. Niemand bremst dich, in deiner persönlichen Welt das Beste daraus zu machen. Kaputtmacher außen herum gibt es genug.

  2. Bei diesen Ansprüchen an sich selbst, muss man wohl auch gleich über die beste Methode der burn-out-Therapie nachdenken 🙂
    Interessanter Text !

    • Haha! Ja, vermutlich. Meine heißt an einem gewisschen Punkt: Sch… drauf und weiter mit Humor (das muss tatsächlich so klingen, um mich selbst aus dem Sog wieder rauszuziehen).

  3. Ein schöner Einblick in unsere Welt, die mit den unguten Verlockungen überall aufwartet. Und könnte man die Liste vervollständigen, dann würde man damit enden, dass man sich nicht mehr bewegen oder handeln darf, weil jeder Zug einem anderen Wesen schaden könnte oder im Widerspruch zum Gutsein steht.
    Ein kleines Beispiel von Freunden die Containern: Sie haben in dem Moment keine Wahl, von welchem Produzenten sie essen oder wie es um die Verpackung steht oder dass da auch abgepacktes Fleisch mit dabei ist, welches dann doch verkommt, weil man ja vegetarisch unterwegs ist. Meine Mitbewohnerin ist ein wundervolles Beispiel, wie ein angenehmer Gutmensch sein kann: Ein stilles Vorbild. Sie hat klare Regeln in Bezug auf Fleisch und die Herstellung von Lebensmitteln. Für das Essen, was sie kauft sollen weder Menschen noch Tiere ausgebeutet werden. Sie verurteilt es dennoch nicht, wenn ich Produkte kaufe, die dem nicht gerecht werden, einzig bei Fleisch hat sie klar gesagt, dass sie nicht möchte, dass da ständig was im Kühlschrank ist (interessanterweise kommt das Fleisch im Kühlschrank immer von ihr, weil ihre Kinder hin und wieder Fleisch essen möchten). Sie schreibt mir also nicht vor, wie ich richtig zu sein habe, sondern sie lebt es in diesem einen Bereich vor und nimmt dafür harte Einschnitte in Kauf, da sie nur wenig Geld zur Verfügung hat. Sie ist dem Gebiet für sich selbst konsequent und kann dir auf Nachfrage auch sofort erklären, warum sie so lebt, aber sie wird dir keine Moralpredigt halten, wie du oder ich es zu machen hätten. Somit ist sie ein stilles Vorbild und wären wir alle stille Vorbilder, dann wäre die Welt schon ein gutes Stückchen besser. 😉

  4. Es hängt immer davon ab,
    wie hoch die Messlatte für
    den Gutmenschen liegt…

    …egal wie hoch, wünsche ich dir
    von Herzen ein frohes Osterfest!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

Dazu möchte ich gerne sagen:

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