Hass ist nicht immer Hass

Tara blickte nachdenklich auf die Küchentür, die vor Sekunden lautstark zugeknallt worden war.

Der Hall hing noch im Raum, als sie vor sich hin und dennoch an Henni gerichtet fragte: „Glaubst du, das liegt an mir? Dass er etwas spürt? Unbewusst meine ich?“

Mit gerunzelter Stirn strich sich Henni über den Kopf. Eine Geste der Hilflosigkeit.

„Ich weiß auch nicht“, murmelte er. „Seit dem letzten Wochenende ist Jonas schwierig.“

Das drückte es gut aus. Jonas war schwierig. Er klammerte sich an Tara, wollte nicht, dass sie ohne ihn das Haus verließ und war beleidigt, wenn er nicht auf ihrem Schoß sitzen durfte. Manchmal bildete sich Tara ein, dass ihr Ältester den bald anstehenden und endgültigen Abschied spürte. Wenn das jetzt schon so kompliziert war, wenn ihr Kind derart auffallend reagierte, wie würde das werden? Konnte der Tod der Mutter Kinder so schwer treffen, dass das gesamte Leben davon überschattet wurde? Und weil auch Erfahrungen von anderen niemals garantieren konnten, wie es bei ihren Söhnen ablaufen würde, gab es keine Antwort für sie. Stattdessen versuchte sie alle Buben so viel wie möglich im Arm zu halten und sich Zeit für sie zu nehmen.

Für Jonas war das immer zu wenig und als er heute erfahren hatte, dass sie nachher zum Spanischkurs aufbrechen würde, flippte er völlig aus. Weil Tara aber bei ihrem Vorhaben blieb, war er schlussendlich mit einem „Ich hasse dich!“ davongestürmt.

Auch Henni hatte leise Bedenken angemeldet. Da der Schitag am darauf folgenden Morgen zu einem großen Durcheinander geführt und dadurch eindeutig gezeigt hatte, wie sorgsam mit Taras Energie umgegangen werden musste, überlegte auch er, ob ein Sprachkurs nicht unnötige Verausgabung war. Aber Tara wollte es versuchen. Morgen war Samstag und das Risiko somit vergleichsweise gering. Außerdem fühlte sie sich heute wieder ganz in Ordnung, es gab keinen Hinweis dafür, dass sie sich überforderte.

„Hast du…“ Tara schluckte und setzte noch einmal dazu an, um die Frage zu stellen, die sie seit gestern vollkommen erfüllte. „Hast du mit dieser einen Person auch darüber gesprochen, was passiert ist? Über mein Verschlafen, die ganzen Probleme dazu?“

Henni zog eine Schnute.

„Ja“, antwortete er mit Verzögerung.

„Und? Was hat er… oder sie gesagt?“

„Tara, ich habe es dir schon gesagt. Wir haben eine Lösung gefunden und wir können das in Zukunft berücksichtigen. Trotzdem und immer noch stehe ich dazu, dass es helfen würde, wenn wir Freunden und Familie davon erzählen.“

„Ich überlege es mir“, seufzte Tara.

Ja, sie machte es Henni nicht gerade einfach, doch sie wusste ganz genau, dass es noch zu früh war. Sie brauchte diese Zeit, in der sie in den Augen der anderen noch Tara sein konnte, bevor sie zu der Todeskandidatin mutierte.

Mit einem Kuss verabschiedete sie sich und fuhr los um Joel abzuholen.

Zu ihrer Überraschung öffnete seine Mutter Simone die Haustüre. Die Erfahrungen während der Meditation wurden durch dieses Zusammentreffen wie von selbst beschworen und Tara lächelte genauso erfreut, wie auch sie begrüßt wurde.

Joel brauchte noch ein paar Minuten und so setzten sie sich in die Küche.

„Wie geht es dir?“, fragte Simone freundlich und obwohl diese von der Krankheit wusste, fand es Tara gar nicht selbstverständlich, dass sie nun darauf eingehen sollte. Stattdessen berichtete sie vom aktuellsten Zwischenfall.

„Mein Sohn, mein ältester Sohn, hat mir gerade vorhin gesagt, dass er mich hasst. Er wollte nicht, dass ich heute Abend ausgehe.“

„Ach, Hass. Ja“, sprach Simone mitfühlend. „Das kenne ich. Bei Kindern – und wohl auch bei Erwachsenen – bedeutet das normalerweise eines von zwei Dingen. Erstens: Ich mag das nicht. Oder zweitens: Das ist mir jetzt zu viel.“

Darüber musste Tara nachdenken. Sie hatte diese Worte über das Hassen nicht persönlich genommen. Natürlich nicht. Eine Übersetzung hatte sie allerdings auch nicht versucht. Jonas wollte schlicht nicht, dass sie zum Wellnessen oder zum Sprachkurs fuhr.

„Stell dir vor“, machte Simone weiter, „jemand sagt: Ich hasse es, wenn mir der Zug vor der Nase wegfährt. Ich hasse es, dass du mich bevormundest. Ich hasse Käse oder dein Dauergerede. Mir persönlich geht es so, dass ich immer nur eine meiner zwei Varianten dahinter höre.“

„Das klingt ziemlich friedlich“, entgegnete Tara.

„Ich glaube, die Menschen sagen nur nicht immer das, was sie meinen“, lachte Simone beherzt.

 

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

3 Antworten zu “Hass ist nicht immer Hass

  1. Tara, es geht noch weiter.
    Du schreibst…
    Wie schön!!!

    Die Menschen reden zumeist über das Verhalten anderer Menschen.
    Dann vielleicht über das,was sie meinen, wahrzunehmen.
    Dann vielleicht, über das, was sie darüber meinen, zu fühlen.
    Mit ganz viel Herzensweite vielleicht über das, was sie tatswahrhaftig fühlen.

    Diese Welt ist eine Bühne….

    Herzensgrüße
    Martina

    • Viel Freude und Leichtigkeit liegt in dieser Sichtweise. Auf einer Bühne… auf einer Bühne würde ich mal ausprobieren…
      Lass uns unser Repertoire ausschöpfen!
      Alles Liebe,
      Marga

      • Auf dieser Bühne Leben…du bist doch mitten drin. Dein Repertoire ist wahrlich von schöööööööööönster Art.
        In diesem Sinne.Herzensgrüße

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