Auch nur ein Tick

Gedankenverloren drehe ich an meinem Nasenring. Er sitzt auf dem rechten Nasenflügel und es ist ein Gefühl, als würde ich mich mit diesem kleinen Symbol zumindest zwanzig Zentimeter außerhalb der anderen – ungepiercten – Gesellschaft befinden. Unwillkürlich versetzt es mich in eine Kindheitserinnerung zurück. Damals, als es Salzstangen zum Knabbern gab und man diese dazu nutzte, einen ganz coolen Raucher zu imitieren.  Als kenne man ein Geheimnis, das der großen Mehrheit unbekannt ist.

So also drehe ich lässig locker an meiner Nase herum.

Die Crux?

Ich besitze kein Nasenpiercing!

Allerdings mein Gegenüber. Dementsprechend spiegelverkehrt dort an der linken Seite.

Das ist nicht das einzige Beispiel. Gesten, Mimik, sprachliche Besonderheiten, Körperhaltungen. Aus irgendeinem Grund übernehme ich solche Auffälligkeiten immer wieder und immer wieder mit einer Leichtigkeit und Unbewusstheit, dass ich dann zuerst studieren muss, woher sie kommen.

Nasenring? Von der Schwester. Wenn sie wieder abreist, verschwindet auch mein eingebildeter.

An den Knöcheln verschränkte Finger? Arbeitskollegin in der Teamsitzung.

Herrje, ich war echt ein wenig erleichtert, dass der Stotterer an einer Zweigstelle eingesetzt wurde.

Ringe drehen, an Ketten zupfen, Lippen zusammenpressen, Augen nach oben verdrehen, Erzählweisen … Es gibt noch mehr und vermutlich einiges, das ich nicht einmal registriere.

Was aber, wenn es auch mit meinen Gedanken so ist? Dass sie ein Abbild der rundum vorherrschenden oder auffallenden Gedanken sind. Automatische und unbewusste Versuchsreihen meines spielerischen und entdeckungsfreudigen Selbst? Gedanken, die Soletti rauchen und sich dabei gut fühlen. Gedanken, die im Grunde nur ein Tick sind.

Die Idee ist nicht neu. Dass wir Schmerz nur empfinden, weil wir meinen, das gehöre so, ist ein gelbes Geheimnis.

Aus persönlichen Gründen denke ich dieses Konzept seit gestern viel alltäglicher und umfassender. Ein gewisser Leidensdruck geht für mich damit einher und deswegen die Frage: Wie kann ich mich davon abgrenzen und wieder mein authentisches Selbst leben? Denn der Nasenring verschwindet nur mit meiner Schwester und bisher war mir das egal. Aber das mit den Gedanken, das darf ich nicht einfach so hinnehmen.

 

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25 Kommentare

Eingeordnet unter faszinierend

25 Antworten zu “Auch nur ein Tick

  1. Ein interessantes Phänomen, das du hier beschreibst…
    Es scheint mir völlig fremd zu sein…
    Hab einen schönen Tag!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

  2. textstaub

    Ich bin überrascht & sehe es ebenso wie Herr Lu.

  3. Mir scheint, Du hast einen sehr ausgeprägten Nachahmungstrieb, gepaart mit einer Menge Empathie 🙂 Das macht dich liebenswert! Dennoch bist Du in deinem Wesen unverwechselbar.

    Grüße !

  4. Kann es sein, dass Nähe Sehnsucht nach Gleichheit erzeugt?

  5. Hallo Marga, vermutlich liegt es nur an deinen Spiegelneuronen? Liebe Grüße, Annette

    • Dein „nur“ lockert den Kommentar angenehm auf. Ja. Vielleicht nur die Spiegelneuronen. Die können ziemlich viel, was ich irgendwo im Hinterkopf noch weiß.
      Alles Liebe, Marga

  6. Wenn du weißt, wer du bist, solltest du mitbekommen, wenn du plötzlich Gedanken denkst, die nicht deine sind. Verhaltensweisen sind dir ja schon aufgefallen. Du übst dich schon in Achtsamkeit: Erkenne dich selbst ist auch hier das Motto. Und damit auch die Frage: Warum übernimmst du Gedanken? Was bringt dir das Verschmelzen (wenn das denn das Wort dafür ist: Nicht-Auffallen, Anerkennung, Freiräume, Zugehörigkeit etc. etc.)? Brauchst du es? Nur du kannst/darfst das bestimmen.
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Es ist gar nicht so, dass ich die Gedanken unbedingt äußere. Die tauchen einfach auf und ich wundere mich, was ihnen eine solche Möglichkeit schafft. War vor einiger Zeit noch nicht so. Und einfach abschalten funktioniert auch (noch?) nicht…
      Danke für deine Gedanken dazu. Abhauen kann ich ja eh nicht, also bleibe ich dran.
      Liebe Abendgrüße, Marga

      • Ich bin nicht sicher, ob dich das nicht eher erschreckt, aber: irgendeine Form von Medialität? Und/oder HSP? Tritt öfter zusammen auf, ist aber nicht ganz dasselbe.
        Liebe Grüße
        Christiane

      • Erschrecken nicht – eher ein zweifelnden Nachdenken.
        Wie kommst du überhaupt auf diese Verbindung?

      • Das, was du da hast oder zu haben scheinst (aus dem wenigen, was du schreibst), ist nicht per se ein Ärgernis, sondern eine Gabe, denn du kannst es erforschen, kontrollieren und zu deiner ureigensten Entwicklung nutzen. Du „spinnst“ auch nicht, du hast möglicherweise einfach nur einen Sinn mehr (entdeckt) als viele.
        Auch wenn sich jeder zuerst so fühlt, du bist damit nicht allein. Viele Hochsensible/Hochsensitive (HSPs) haben Fähigkeiten in diese Richtung.
        Liebe Grüße
        Christiane

      • Du sprudelt ja geradezu zu dem Thema! Hab Dank für diese Anregungen!

  7. Genau das hat mir kürzlich jemand erzählt. Dabei ging es aber nur um Gedanken …

  8. Müssen Gedanken immer gleich „die eigenen“ sein?
    Wo sind die eigentlich, die eigenen Gedanken? Irgendwo unterwegs zwischen Autonomie und Empathie, und wohin? Wo werden sie ruhig, und ich kann wirklich sagen: das bin ich? Da sind wir doch alle unterwegs irgendwie, oder weiß das schon irgendwer ganz genau?
    Ich find‘ dich so authentisch, wie’s authentischer nicht mehr geht, dich erkennt man ja blind nach wenigen Worten! Wenn ich das mal so behaupten darf. Gib‘ ihnen doch die uneingeschränkte Reisegenehmigung, den Gedanken, Generalvisum, Auslandsaufenthaltsrecht … die kommen schon zurück!
    lieben Gruß,
    Michael

  9. Pacing, liebe Marga… Eine Gäbe, die Du da hast 🙂
    Liebe Grüße!

Dazu möchte ich gerne sagen:

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