Archiv der Kategorie: a G’schichtle

Priorität der Probleme

Nach dem ein Unglück nach dem anderen geschehen war, tropften die Tage wie Eis von einer Kinderhand; zäh und langsam. Bald aber mischte sich ein anderer Rhythmus darunter. Hin und wieder und immer öfter das Tempo von Schneeschmelze im Frühling. Einige Leute fragten sich, wann sie denn wieder endlich von den eigenen Problemen sprechen durften. Von Scheidung, Affäre, Krebs und Depression. Von Gewichtszunahme, Knieoperationen und einer Schwiegermutter zur Pflege. Nichts davon kam gegen den riesigen Berg, das abgrundtiefe Meer, den tödlichen Sumpf an, den die Ungewissheit eines verschwundenen Kindes mit sich brachte.

Lag es am Mangel, eigene Befindlichkeiten austauschen zu können? An Neugier oder detektivischen Neigungen? An der menschlichen Natur im Allgemeinen oder nur an der Aktualität? Vermutlich an allem und das in unterschiedlicher Gewichtung. Jedenfalls begannen schon bald die Theorien rund um Olivias Verschwinden zu sprießen.

 

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Die Suche

Ganz klar begann nicht nur eine offizielle Suche nach Olivia. Ich möchte behaupten, dass Menschen zu Fuß und aufmerksam unterwegs waren, die sich erst Schuhe fürs Gelände hatten kaufen müssen. In den abgelegendsten Waldwinkeln konnte man plötzlich Menschengrüppchen begegnen. Selbst mein kleiner Geheimplatz – das musste ich einsehen – war bei weitem nicht so geheim, wie ich angenommen hatte.

Es wurde in alte, halb eingefallene Scheunen gespäht, das vor Monaten umgekippte Wellblech in Nachbars Hinterhof sah verdächtig aus, das Autowrack für Feuerwehrübungen wurde untersucht. Jungs machten Räuberleiter, um in den Hackschnitzelcontainer der Säge sehen zu können, das Achufer war viel besucht und – nach Abschluss der Ermittlungen – natürlich auch die Brandruine.

Scheinbar waren alle Grenzen und Gefühle von Privatsphäre mit Olivia verschwunden. Eine sehr eigenartige Zeit. Ausnahmezustand.

 

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Nummer drei – Olivia

Erst die Nummer drei hat aus diesem einen Tag ein Unglück über Jahre gemacht.
Nachdem der Hund ein Rätsel aufgab und das ganze Dorf geräuchert war, sämtliche Gespräche und Ohs und Wehs sich um die Familie nunmehr ohne Hab und Gut drehten, stellte sich heraus, dass das Schlimmste noch auf die Gemeinschaftsseele wartete.

Olivia war verschwunden.

Eine süße Kleine. Fünf Jahre alt. Brauner Lockenkopf. So erinnere ich mich.
Am Abend sortierten sich alle zu Hause ein und das Mädchen fehlte.

Sobald am folgenden Morgen alle ihre Frühstücksbrötchen hatten (es war ein Samstag), wussten alle Bescheid. Bisher hatte es keine Opfer – menschliche zumindest; wir wollen den Hund ja nicht vergessen! – zu beklagen gegeben. Olivia wurde unweigerlich Thema Nummer eins, wenngleich sie niemals losgelöst von den anderen Ereignissen diskutiert werden konnte.

Der Brand war gelöscht, die Gerüchte brandeten auf.

Mit Fakten wird es ab hier schwieriger, ich halte mich an das, was ich zumindest selbst zu hören bekam.

 

 

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Nummer zwei – Der Brand

Es roch wie früher, wenn die Selchkammer in Betrieb war. Oder nach dem Funkenfeuer des ersten Fastensonntags. Nur war das eine längst Vergangenheit, das andere an einem ganz anderen Moment des Jahres ein Fest.

Das ganze Dorf war eingehüllt in Feuerschwaden, welche uralte Instinkte und Reaktionen hervorriefen. Niemand war entspannt oder ruhig. Alles in Alarmbereitschaft, auf zusätzliche Informationen aus, betete oder machte Fotos – wie man das mittlerweile bei Unbegreifbaren zu machen scheint. Als wäre es dann besser zu verarbeiten. Ein Display zwischen sich und der Wirklichkeit schützt vor persönlicher Betroffenheit oder emotionalen Flutwellen.

Die Informationen im Grunde und im Nachhinein einfach: Mitten am Tag brennt aus unbekannter Ursache ein Bauernhof bis auf die Grundmauern nieder. Neben Hühnern und Schweinen ist nicht klar, ob weitere Opfer zu beklagen sind. Die große Unbekannte, die sich nicht von Nummer drei loseisen lässt. Nach all den Jahren nicht.

 

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Nummer eins – Der Hund

Okay, jetzt komme ich nicht weiter, ohne Annahmen einfließen zu lassen. Was an diesem Tag alles passierte, hat viel zu reden gegeben und ich war einfach nicht überall mit dabei.

Nummer eins an Besonderem war der tote Hund. Der Kadaver wurde abseits der Hauptstraße gefunden. Ganz ungewöhnlich für den Schäferhund, der ganz eindeutig Markus gehörte. Markus war ein Hundezüchter. An anderen Ende des Dorfes; abseits der dicht besiedelten Gebiete. Das mit der Zucht hatte sich schon zwei Jahre vorher erledigt, aber der Rüde Prinz war uns allen bekannt.

Das Tier lag da blutüberströmt. Manche behaupten (immer noch), die Schnauze sei blutverschmiert gewesen. Auf ganz eindeutige Weise. Andere bestehen darauf, dass ein erschossener Hund nun einmal überall besudelt sei. Da dürfe man nicht zu viel hineininterpretieren.

Warum Markus seinen Prinz nur wenige Zeit später in einem unzugänglichen Tobel – ich kann es nicht anders sagen – entsorgte, brachte viele Spekulationen mit sich. Dadurch blieben viele Antworten offen und das war verdächtig.

 

 

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Das Unglück

Mancher mag sich fragen, warum ich hier das halbe Dorf (das ist eine Übertreibung; wir sind natürlich mehr als ein Dutzend Menschen) vorstelle. Es braucht nicht viel Selbstanalyse um zu wissen, dass es meine Art von Verarbeitung ist. Dieses Unglück hat das gesamte Dorf aus dem Rhythmus gebracht. Hat alle zum Innehalten gezwungen und seither fühlt sich kein Atemzug mehr natürlich an. Als hätte Thor seinen Hammer hier fallen lassen. Als hätte Shiva seinen Fuß hier aufgestellt. Ein Desaster. Ein gewaltiger Akt und wir versuchen drumherum zu leben. Auch das nur, weil man nicht stehen bleiben kann, bis man alles verstanden hat. Vermutlich werden wir das nie und das ist das Grausame daran.

Nicht nur das. Das Dorf ist auch gespaltet. Es gibt Anschuldigungen und Beschuldigte. Keine Beweise. Nur Auffälligkeiten rund um dieses Unglück. Diesen Namen hat das Phänomen erhalten und auch das scheint sich nicht zu ändern.

 

 

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Hass ist nicht immer Hass

Tara blickte nachdenklich auf die Küchentür, die vor Sekunden lautstark zugeknallt worden war.

Der Hall hing noch im Raum, als sie vor sich hin und dennoch an Henni gerichtet fragte: „Glaubst du, das liegt an mir? Dass er etwas spürt? Unbewusst meine ich?“

Mit gerunzelter Stirn strich sich Henni über den Kopf. Eine Geste der Hilflosigkeit.

„Ich weiß auch nicht“, murmelte er. „Seit dem letzten Wochenende ist Jonas schwierig.“

Das drückte es gut aus. Jonas war schwierig. Er klammerte sich an Tara, wollte nicht, dass sie ohne ihn das Haus verließ und war beleidigt, wenn er nicht auf ihrem Schoß sitzen durfte. Manchmal bildete sich Tara ein, dass ihr Ältester den bald anstehenden und endgültigen Abschied spürte. Wenn das jetzt schon so kompliziert war, wenn ihr Kind derart auffallend reagierte, wie würde das werden? Konnte der Tod der Mutter Kinder so schwer treffen, dass das gesamte Leben davon überschattet wurde? Und weil auch Erfahrungen von anderen niemals garantieren konnten, wie es bei ihren Söhnen ablaufen würde, gab es keine Antwort für sie. Stattdessen versuchte sie alle Buben so viel wie möglich im Arm zu halten und sich Zeit für sie zu nehmen.

Für Jonas war das immer zu wenig und als er heute erfahren hatte, dass sie nachher zum Spanischkurs aufbrechen würde, flippte er völlig aus. Weil Tara aber bei ihrem Vorhaben blieb, war er schlussendlich mit einem „Ich hasse dich!“ davongestürmt.

Auch Henni hatte leise Bedenken angemeldet. Da der Schitag am darauf folgenden Morgen zu einem großen Durcheinander geführt und dadurch eindeutig gezeigt hatte, wie sorgsam mit Taras Energie umgegangen werden musste, überlegte auch er, ob ein Sprachkurs nicht unnötige Verausgabung war. Aber Tara wollte es versuchen. Morgen war Samstag und das Risiko somit vergleichsweise gering. Außerdem fühlte sie sich heute wieder ganz in Ordnung, es gab keinen Hinweis dafür, dass sie sich überforderte.

„Hast du…“ Tara schluckte und setzte noch einmal dazu an, um die Frage zu stellen, die sie seit gestern vollkommen erfüllte. „Hast du mit dieser einen Person auch darüber gesprochen, was passiert ist? Über mein Verschlafen, die ganzen Probleme dazu?“

Henni zog eine Schnute.

„Ja“, antwortete er mit Verzögerung.

„Und? Was hat er… oder sie gesagt?“

„Tara, ich habe es dir schon gesagt. Wir haben eine Lösung gefunden und wir können das in Zukunft berücksichtigen. Trotzdem und immer noch stehe ich dazu, dass es helfen würde, wenn wir Freunden und Familie davon erzählen.“

„Ich überlege es mir“, seufzte Tara.

Ja, sie machte es Henni nicht gerade einfach, doch sie wusste ganz genau, dass es noch zu früh war. Sie brauchte diese Zeit, in der sie in den Augen der anderen noch Tara sein konnte, bevor sie zu der Todeskandidatin mutierte.

Mit einem Kuss verabschiedete sie sich und fuhr los um Joel abzuholen.

Zu ihrer Überraschung öffnete seine Mutter Simone die Haustüre. Die Erfahrungen während der Meditation wurden durch dieses Zusammentreffen wie von selbst beschworen und Tara lächelte genauso erfreut, wie auch sie begrüßt wurde.

Joel brauchte noch ein paar Minuten und so setzten sie sich in die Küche.

„Wie geht es dir?“, fragte Simone freundlich und obwohl diese von der Krankheit wusste, fand es Tara gar nicht selbstverständlich, dass sie nun darauf eingehen sollte. Stattdessen berichtete sie vom aktuellsten Zwischenfall.

„Mein Sohn, mein ältester Sohn, hat mir gerade vorhin gesagt, dass er mich hasst. Er wollte nicht, dass ich heute Abend ausgehe.“

„Ach, Hass. Ja“, sprach Simone mitfühlend. „Das kenne ich. Bei Kindern – und wohl auch bei Erwachsenen – bedeutet das normalerweise eines von zwei Dingen. Erstens: Ich mag das nicht. Oder zweitens: Das ist mir jetzt zu viel.“

Darüber musste Tara nachdenken. Sie hatte diese Worte über das Hassen nicht persönlich genommen. Natürlich nicht. Eine Übersetzung hatte sie allerdings auch nicht versucht. Jonas wollte schlicht nicht, dass sie zum Wellnessen oder zum Sprachkurs fuhr.

„Stell dir vor“, machte Simone weiter, „jemand sagt: Ich hasse es, wenn mir der Zug vor der Nase wegfährt. Ich hasse es, dass du mich bevormundest. Ich hasse Käse oder dein Dauergerede. Mir persönlich geht es so, dass ich immer nur eine meiner zwei Varianten dahinter höre.“

„Das klingt ziemlich friedlich“, entgegnete Tara.

„Ich glaube, die Menschen sagen nur nicht immer das, was sie meinen“, lachte Simone beherzt.

 

 

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Die Teilzeithellseherin

Ein bisschen skeptisch darf ich dieser Dorfmitbewohnerin gegenüberstehen. Erlaubt es mir. Es ist mir ja egal, was sie macht, mit wem und wie. Da halte ich es ganz mit Robbie Williams. Chacun à son goût.

Nur will ich nicht so nebenher beim Sonntagsmarkt – wir haben beide Staubzucker in den Mundwinkeln von den leckeren Waffeln – hören, dass ich mit einem Mann und den dazugehörenden Kindern in einer anderen Zeit zusammenhänge und deshalb hier und jetzt nie eine echte Beziehung führen kann.

Wie gesagt. Ob das stimmt oder nicht, ist mir im Moment Nebensache. Ich. Habe. Nicht. Danach. Gefragt. Seither gehe ich ihr unauffällig aus dem Weg aber so schlimm wie bei anderen ist es nicht. Seit dem Unglück gibt es eine, in der toben tatsächlich Mordgelüste gegen unsere Teilzeithellseherin. Nach außen hin nicht wahrnehmbar, aber an jedem Arbeitstag aktiv.

 

 

 

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Die Psychologin

Zu ihrem Job gehört es naturgemäß, dass verschiedenste Menschen ihr vertrauen und zum Teil auch Unaussprechliches aussprechen. Dabei hilft sie – wer zu ihr kommt, will das ja – mit Methoden und fachlichem Handwerkszeug nach.

Was sie nicht versteht, ist, dass in diesem kleinen Dorf alle meinen, sie stünde Tag und Nacht unter Schweigepflicht und aus der Haut einer Psychologin käme man sowieso nicht heraus.

Nicht selten muss sie auch erklären, dass sie keine Rezepte ausstellt. Im Gang mit den Essiggurken schon gar nicht.

Berufliche Grenzen hin oder her, es versteht sich von selbst, dass sie auch von den privaten Enthüllungen nichts verrät.

Mit einer Ausnahme.

Auch Profis brauchen Psychohygiene. Unter Einhaltung gewisser Regeln natürlich. Perfekt, wenn sich diese andere Person ebenfalls mit dem Konzept der Schweigepflicht auskennt.

 

 

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Der absolute Mann

Absolut nicht bezüglich Männlichkeit oder Richtung Machismo. Vielmehr ist es so, dass er dieses Wort beherrscht.

Absolut.

Das ist absolut richtig, kann er zu einer meiner Äußerungen sagen und ich erschricke. Glaube ich denn selbst an die absolute Richtigkeit meiner Worte?

Oder: Das geht absolut gar nicht.
Wiederum stutze ich. In Situationen, Lebensläufen, mentalen Zuständen usw. ist mehr mölgich als ich sehen kann.

Meine ich.
Er ist sich absolut sicher.
Ein bisschen beneide ich ihn um diese Gradlinigkeit und Klarheit.

Nur in Bezug auf seine Ehe hält er sich nicht an die gängigen Verhaltensregeln.
Von Treue hält er absolut nichts.

(Fragt mich nicht, woher ich das weiß.)

 

 

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