Schlagwort-Archive: 10 Worte

Hinterhältiges Biest

Liebevoll umschmeichelte Rilke die dreifärbige Krokus. Wie jedes Frühjahr roch sie unwiderstehlich und wie immer war Tango sein größter Konkurrent.  Das bedeutete, die Zeit eilte. Denn Krokus liebte es, anfangs die Frigide zu spielen, bevor es dann zur glücklichen Vereinigung kam.

Doch dieses Mal wurden sie anderweitig gestört. Ein Kampf spielte sich ganz in ihrer Nähe ab und kam hörbar näher. Wenn es der alteingesessene Tango schwer hatte, das konnte Rilke eindeutig vernehmen, dann hatte das auch mit ihm zu tun. Dieses Revier gehörte ihnen beiden. Schlimm war, dass Krokus ebenfalls interessiert mit ihm in die Scheune blickte. Bevor sie die kämpfenden Kater in Natura erblickten, beobachteten sie groteske Schattenspiele, die durch das Licht in der offenen Tür an die gegenüberliegende Wand geworfen wurden. Es sah aus, als würden zwei ausgewachsene bengalische Tiger aufeinander losgehen.

„Email“, seufzte Krokus neben ihm und er fühlte, dass das schlimmer war, als jeder verlorene Kampf. Diese verräterische Fellzusel neben ihm hatte sich bereits in Emil, das Vieh von der anderen Dorfseite verliebt. Vermutlich war sie auch noch die Strippenzieherin, die ihn mit gelegten Duftspuren überhaupt hierher gelockt hatte. Wenn sie zu ihm affektiert Railke schnurrte oder gar Tango als Tangou ansprach, ging das ja noch. Aber Emil als Email anzuschmachten, das war zu viel. Wie ein Greifvogel stürzte sich Rilke von oben auf den Eindringling. Das hier war Ehrensache.


Die zehn Worte für die Geschichte gab es in alter und liebgewonnener Manier bei westendstorie

 

 

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Hoffnung in Promille

Das Irrlicht flackerte und warf Schatten an die Wand, wie es sonst nur im Tannenwald des alten Rübezahls zu sehen war. – Es war so schön besoffen und mit sich alleine zu sein.
Weil sie nur eine Hand voll Johannisbeeren gegessen hatte, lag sie mit einem respektablen Eierlikördusel auf dem Bett und lachte bald bei jedem Versuch, den Begriff schnabelnasig auszusprechen. Schnabelschnasig, Kabelschasig, nabelnasig murmelte sie postirrlichtverträumt vor sich hin und amüsierte sich zwischen den Worten über ihre unkontrollierbare Zunge.
Ihr ganzes Leben war zu einer schlechten Varietéshow geworden. Selbst kleinwüchsig, hatte sie es in vierzig Jahren zu kaum mehr gebracht, als einem unattraktiven Mann, der wie ein Holzfäller schnarchte.
Seit ihr das bewusst geworden war, trank sie jeden Samstag, legte sich aufs Bett und wartete auf ein Weihnachtswunder.
So lustig wie heute war das bislang noch nie gewesen.
Sie hatte Hoffnung.

 

Danke, westendstorie, für die Einladung

 

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Glück ist ein Wort

„Sie spenden Blut?“, fragte die junge Frau.
Er fand das blöde, denn alle Menschen hier kamen nur, um an der Aktion teilzunehmen.
„Danach bitte viel trinken und vor Inbetriebnahme eines Fahrzeugs eine Stunde warten“, plauderte sie weiter, ohne aufzusehen.
„Ich bin mit dem Fahrrad hier“, gab er unmotiviert zurück.
Er bekam eine Nummer auf seinen Anmeldebogen gedruckt und wanderte in der Schlange weiter. Wie immer war die Männerquote deutlich höher, als der Frauenanteil. Sein Freund, der Arzt, sagte – und das war ein Zitat: „Frauen sind dafür nicht gemacht.“
Anja war ganz und gar nicht mit dieser Aussage einverstanden, doch heute war sie zu Hause bei der kleinen Tochter geblieben.
Während die Ärztin sichtlich unwohl ob seiner dicht behaarten Arme eine Stelle zum Einstechen suchte, konnte er ein Lächeln auf seinem Gesicht fühlen. Erst heute Morgen hatte die Kleine mit ihren feinen, warmen Fingern durch sein Rückenhaar gekämmt und erklärt, sie würde einen Garten jäten.
Diese beiden Frauen hatten sein Leben verändert. Einst hatte er wie im Wahn versucht, jedes behaarte Körperteil zu verstecken, weil er die angewiderten Reaktionen und das Lachen nicht aushalten konnte. Heute trug er selbstbewusst T-Shirts und seine Tochter oben ohne auf den Schultern über den Strand.
Die Liebe der beiden hatte ihn erlöst und während das Blut aus seinen Venen pumpte, übersah er die Blicke der anderen und hielt im Stillen für sich fest, dass er danach nicht vergessen durfte, das Katzenfutter zu kaufen.
Katzenfutter, ja, das war der Inbegriff für sein Glück geworden.

 

Zehnwortgeschichte mit einer unbewussten Abwandlung, die ich dann doch stehen ließ.

 

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Eingeordnet unter a G'schichtle, ein bisschen Philosophie

Zum Schreiben eingeladen

Diese Woche lasse ich mich von westendstorie und zolaski zum Schreiben verführen.

10 Worte und 15 Minuten – hier meine spontane Antwort darauf:


 

Also, ich erkläre dir, wie das mit den zehn Worten funktioniert. Hier, das ist die Liste.

Mittag

Radio

mysteriös

ausnahmsweise

Federkleid

Loch

Fingernagel

Katzenhaar

abrupt

Tiefschlag

Wie soll denn das gehen?

Na, du bastelst und schreibst: „Am Mittagstisch sitzen Mutter, Vater und Kind, schweigsam wird das Osso Bucco gegessen, während das Radio verkündet, dass Laurie Anderson in ihrem Zweitwohnsitz in Wien ums Leben gekommen ist. Mysteriöse Umstände seien noch aufzuklären.“

So einfach alles zusammenmixen?

Ja.

Und für dich selbst Oralfreuden auftischen?

Ich habe Hunger und musste gerade daran denken. Weiß ja keiner.

Und weiter? Wie bringst du ausnahmsweise unter?

In etwa so: „Im Gedenken an die großartige Künstlerin wird ausnahmsweise zum Nachtisch ein Glas Schaumwein von Rittberger genossen.“

Du meinst Schlumberger.

Was?

Die Sektsorte, die du meinst, nennt sich Schlumberger.

Ah. Auch gut. Für Recherchen habe ich bei fünfzehn Minuten keine Zeit.

Und das alles, nur um dich danach für dieses Gefasel bebauchpinseln zu lassen?

Es geht doch um Spaß, ums Ausprobieren. Es ist ein Spiel.

Na dann, noch viel Freude damit. Mir bleibt der Sinn verschlossen.

So ein Reinfall.

Was? Das Wetter?

Nicht Rheinfall! Es war ein Reinfall, dir das näher bringen zu wollen.

Stimmt. Ich hau dann mal ab.

Nimm den Hinterausgang. Ich hab den Schlüssel für die Haustüre verlegt.

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15 Minuten

Wenn einem zehn Begriffe vor den Augen tanzen und sich Bilder dazu ergeben, dann darf man sich auch mal von sich selber überraschen lassen.

Westendstorie hat durch ihre Einladung erkitzelt:

Es war ein schlechter Tag. Ein richtig mieser Tag. Der Latte Macchiato war kein Getränk zur Feier eines guten Gefühls, sondern ein Frustkaffee. Alles ging komplett schief. Der Arzt ging ihr nicht aus dem Kopf.
Am Nebentisch saßen Menschen, die allem Anschein nach aus Asien stammten. Völlig irre und ihrem Alter unangemessen sangen sie das Edelweiß-Lied aus dem Film A Sound of Music. Sie hätte kotzen können. Nicht wegen dem Lied, aber wegen der guten Laune. Wegen dem ganzen Gelächter.
Mit aller Gewalt wollte sie sich auf ihr Buch konzentrieren. Ein Neuanfang. Ein Rettungsanker. Dieser Reiseführer für Indien sollte sie retten. Konnte es dieses Buch und dieses Land nicht, dann konnte es nichts und niemand. Die erzwungene Konzentration auf die politischen Verhältnisse bereiteten ihr Kopfschmerzen. Schlimmer, als hätte sie die ganze letzte Nacht gefeiert und säße hier völlig verkatert.
Grimmig griff sie nach ihren Zigaretten, konnte aber das Feuerzeug nicht finden. Schlichtweg unakzeptabel! Dieses Gesinge, das nichtssagende Buch, das fehlende Feuer. Sie war Teil einer grausamen Intrige geworden, die gemeinhin und absolut unpassend Leben genannt wurde. Plötzlich hatte es jeder und alles auf sie abgesehen.
Die Streichhölzer an der Theke waren ein mickriges Versöhnungsangebot, der Porsche auf der Verpackung schon wieder blanker Hohn. Ihr Exfreund fuhr ein solches Auto und der hatte sie in ihrem Unglück alleine gelassen.
Und damit war es nicht zu Ende.
In diesem Moment betrat eine schwangere Frau das Geschäft. Stolz trug sie ihren dicken Bauch vor sich her. Wer zum Teufel trug heute noch Latzhosen? Zumal in diesem Zustand? Aber diese Frau tat es und sie hasste sie dafür. Dieses Klichee schmerzte sie. Schwanger, gesund und glücklich, die vergrößerte Brust wie eine stolze Brüstung vor sich hertragend. Diesen Anblick konnte sie nicht ertragen. In ihrer blutroten Wut spürte sie eine Machete in der Hand, damit würde sie dieses Kind aus dem sicheren Bauch schneiden, genau so, wie es mit ihrem Baby geschehen war. Warmes Lebensblut rann durch ihre Finger und sie lachte hysterisch auf. ‚Ich bin die Kraft, die Chaos schafft, ich kenne kein Pardon, ich bin die Kraft, die Chaos schafft und niemand kommt davon. Ich verarsch die ganze Welt, die mich für einen Engel hält‘, sprach es in ihrem Inneren. Diese Zeilen aus der Mittsommernachtstraum hatte sie schon immer geliebt. Und jetzt waren sie ehrlicher als jemals zuvor. Sie war mehr als sich die anderen vorstellen konnten. Ein böses Mehr.

 


 

 

BTW: In 15 Minuten etwas zu schreiben bedeutet, dass man 15 Minuten später schon vieles wieder anders machen würde.

 

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