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Wie man sich bürstet, so lebt man

Auf Krawall gebürstet.

Aus unerfindlichen Gründen wabert diese Floskel durch meine Gehirnwindungen.

Aha. Ja, ja. Irgendwer wird irgendwo…

Ich lass mich gedanklich weitertreiben.

Wir suchen jeden Morgen mehr oder weniger achtsam unsere Kleidung aus, wählen vielleicht Make-up, legen Hand an die Bürste und entscheiden im Spiegel, ob es ein good oder bad hair day ist.

Reflektieren wir genauso oft unsere Gedanken, wie wir täglich in den Spiegel sehen?

Es gibt Ansichten, nach denen die Umweltverschmutzung in 3D nichts ist im Vergleich zu der Verunreinigung durch Gedanken und Emotionen.

Da würde es sich lohnen, statt auf Krawall zum Beispiel auf Vergebung zu bürsten. Oder Zufriedenheit. Freiheit. Mut. Freude. Leichtigkeit.

Für uns und alle.

 

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Auch nur ein Tick

Gedankenverloren drehe ich an meinem Nasenring. Er sitzt auf dem rechten Nasenflügel und es ist ein Gefühl, als würde ich mich mit diesem kleinen Symbol zumindest zwanzig Zentimeter außerhalb der anderen – ungepiercten – Gesellschaft befinden. Unwillkürlich versetzt es mich in eine Kindheitserinnerung zurück. Damals, als es Salzstangen zum Knabbern gab und man diese dazu nutzte, einen ganz coolen Raucher zu imitieren.  Als kenne man ein Geheimnis, das der großen Mehrheit unbekannt ist.

So also drehe ich lässig locker an meiner Nase herum.

Die Crux?

Ich besitze kein Nasenpiercing!

Allerdings mein Gegenüber. Dementsprechend spiegelverkehrt dort an der linken Seite.

Das ist nicht das einzige Beispiel. Gesten, Mimik, sprachliche Besonderheiten, Körperhaltungen. Aus irgendeinem Grund übernehme ich solche Auffälligkeiten immer wieder und immer wieder mit einer Leichtigkeit und Unbewusstheit, dass ich dann zuerst studieren muss, woher sie kommen.

Nasenring? Von der Schwester. Wenn sie wieder abreist, verschwindet auch mein eingebildeter.

An den Knöcheln verschränkte Finger? Arbeitskollegin in der Teamsitzung.

Herrje, ich war echt ein wenig erleichtert, dass der Stotterer an einer Zweigstelle eingesetzt wurde.

Ringe drehen, an Ketten zupfen, Lippen zusammenpressen, Augen nach oben verdrehen, Erzählweisen … Es gibt noch mehr und vermutlich einiges, das ich nicht einmal registriere.

Was aber, wenn es auch mit meinen Gedanken so ist? Dass sie ein Abbild der rundum vorherrschenden oder auffallenden Gedanken sind. Automatische und unbewusste Versuchsreihen meines spielerischen und entdeckungsfreudigen Selbst? Gedanken, die Soletti rauchen und sich dabei gut fühlen. Gedanken, die im Grunde nur ein Tick sind.

Die Idee ist nicht neu. Dass wir Schmerz nur empfinden, weil wir meinen, das gehöre so, ist ein gelbes Geheimnis.

Aus persönlichen Gründen denke ich dieses Konzept seit gestern viel alltäglicher und umfassender. Ein gewisser Leidensdruck geht für mich damit einher und deswegen die Frage: Wie kann ich mich davon abgrenzen und wieder mein authentisches Selbst leben? Denn der Nasenring verschwindet nur mit meiner Schwester und bisher war mir das egal. Aber das mit den Gedanken, das darf ich nicht einfach so hinnehmen.

 

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Fastengedanken

Wasser - Fastengedanken

Befreien statt kasteien.

 

 

 

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Was nun?*

Da liegen diese vier Worte vor mir.

Jahrelang hingen sie treu an der Türe, sollten mir Inspiration, Anstupser, Motto und Motiv sein.

 

What would you change?

 

Es war der Slogan eine Kampagne und statt zu hängen, liegt er nun vor mir. Was will er?

Ist seine Zeit abgelaufen? Der Wandel vollführt, ich darf neue Inspiration suchen?

Ist seine Zeit gekommen? Jetzt, ja jetzt soll ich wandeln? – Was eine Menge neuer Fragen aufwirft! (Dieses eine Rufezeichen freut mich deshalb sehr.)

War schlicht und ergreifend der Kleb müde und ich nehme neue Streifen und mit ein bisschen Extraaufwand belasse ich alles beim Alten?

What would you change

* Ich erwarte nicht wirklich eine Antwort. Mein Leben besteht zu einem guten Teil aus – mitunter rhetorischen – Fragen.
Anregungen, Ideen, Gedanken dazu sind erlaubt, ich nehme mir gleichzeitig die Freiheit, sie rigoros/zeitweilig/leichten Herzens zu ignorieren/vergessen/befolgen.

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Aufwachen, aufwachen

Der frühe Morgen entwickelte sich zu Taras Lieblingszeit. Wenn der Verstand noch gegen Nebel kämpfte, die Augen im Zimmer umherwanderten, man alles erkannte und zufrieden, weil unwissend war.

Keine Schmerzen, keine Diagnose, keine Krankheit.

Stattdessen Wärme, Wohlsein und Jetzt.

Alle Möglichkeiten lebten, sie fühlte sich wohl und meistens sogar ausgeschlafen. Seit den Kindern gab es keinen Tag mehr, an dem sie nicht zumindest um sechs Uhr aufgewacht wäre. Manchmal gab es die Gelegenheit, darüber hinaus liegen zu bleiben. Sie genoss diese Momente. Heute mehr als früher.

Bevor ihr Leben dem Tod geweiht gewesen war, hatte sie die Zeit genutzt, im Kopf Listen aufzustellen, was tagsüber alles erledigt werden musste. Effizient sein, lautete die Devise. Haushalt, Kinder, Frau-Sein, Hobbies, Ehe. Sie war für all das verantwortlich und machte ihren Job gut. So unglaublich gut, dass sie nie vergessen hatte, alle zwei Monate mit ihren Freundinnen einen Wellnesstag einzulegen oder Jonas und Mathias pünktlich beim Fußball abzuliefern. Außerdem passte die Dekoration vor der Tür zur Jahreszeit und der Tanzkurs verband das Sinnvolle mit dem Ehemann. Sie war eine Vorzeigefrau gewesen, allerdings wurde ihr nun unter die Nase gerieben, dass man ein langes, glückliches Leben mit all dem nicht verdienen konnte. Es war ein Geschenk und sie hatte es längst bekommen. Längst. Allerdings war es ihr mehr so erschienen, als hätte man ihr auf dem Markt zum Muttertag eine Rose in die Hand gedrückt. Ein flüchtiges Danke, kein Blickkontakt und weiter im Text. Sie hatte es schlicht und ergreifend nicht bemerkt und – schlimmer noch – nicht gewürdigt.

Tara kratzte sich in den Kniekehlen.

Auch das war eine Nebenwirkung ihrer Diagnose. Sie wusste bei den einfachsten Dingen – wie zum Beispiel Juckreiz – nicht mehr, ob es normal war oder als Symptom gesehen werden musste.

Ungeduldig seufzend drehte sie sich um.

Da lag ihr Mann und Tara wurde es nicht müde zu erwähnen, dass er zugleich ihr bester Freund sei.

Eine Freundin meinte daraufhin einmal genervt: „Hör auf, das so zu sagen! Man kann ihn sich dann immer nur als Schwuchtel vorstellen, die es im Bett nicht bringt.“

Aber so war es nicht. Es gab durchaus romantische und erotische Momente zwischen ihnen. Beweisstück Nummer eins war die spontane Aktion auf der Toilette eines Fastfoodrestaurants mitten in der Nacht. Ein sexuelles Highlight war es nicht geworden, aber es zählte als Abenteuer, das nicht viele verheiratete Frauen kannten und dafür war sie ihm im Nachhinein auch dankbar.

Henni behauptete immer, dass er sie schon in der Volksschule geliebt hatte. Damals legten sie den Schulweg gemeinsam zurück und nach dem Mittagessen trafen sie sich zum Spielen.

Es kam die Pubertät dazwischen, in der die Geschlechtertrennung wichtig wurde und sie kaum ein Wort miteinander wechselten.

Aber irgendwann, als Jungs wieder interessant wurden, trafen sie einander zufällig in einer Bar und schafften es fast lückenlos, an die Vertrautheit früherer Tage anzuknüpfen.

Lachen, reden und Kinobesuche folgten und Freunde sprachen schon längst als Paar von ihnen, als sie noch keinen Gedanken daran verschwendet hatten.

Irgendwann ließen sie sich von den ständigen Kommentaren soweit beeinflussen, dass sie scheu nach der Hand des anderen langten. Wer die Initiative dazu ergriff, war bis heute ein Diskussionsthema. Jeder verwies vehement auf den anderen.

Sie gewöhnten sich daran und eines Tages, als beide bei einem Kostümfest aufeinander trafen, folgte der erste Kuss. Die Tatsache, dass keiner das wahre Gesicht zeigen musste, hatte eindeutig erlösend gewirkt.

Dummerweise kam der Moment, wo sie sich nüchtern und ungeschminkt gegenüberstanden. Sie zögerten, wussten nicht, wie an die vergangene Nacht angeknüpft werden konnte.

Peinliches Gestammel und scheue Blicke waren die Folge, die einer Freundin derart zuwider waren, dass sie Tara ungeduldig darauf hinwies, endlich Nägel mit Köpfen zu machen oder zu verschwinden. Die Sechzehnjährige war mit dieser Ansage überfordert und entschied sich für Variante Nummer zwei. Ohne ein Wort stand sie auf und ging nach Hause.

Lachend, weinend, zweifelnd, schreiend und schimpfend wanderte sie den ganzen Weg bis zur Haustüre. Sie betrauerte das, was sie gehabt und das, was sie mit ihrem Weggehen beendet hatte.

Und dann stand er da. Atemlos. Mit roten Wangen und wirren Haaren, weil er sie sich ständig gerauft hatte.

Als sie einander erblickten, fielen tausend Puzzleteile an ihren einzig richtigen Platz und von diesem Moment an waren sie ein Paar. Immer und in jeder Sekunde.

Henni schlief noch, als Tara an die Anfänge zurückdachte, doch seine Stirn war in Falten gezogen, als würde er ein schweres mathematisches Rätsel lösen wollen. Die langen Wimpern lagen auf den Wangen und Tara konnte nicht widerstehen. Sie beugte sich so nah an ihn heran, dass sie ihm einen Schmetterlingskuss geben konnte. Das Streicheln ihrer Wimpern auf seinem Gesicht weckte ihn auf – womöglich waren es auch die Nähe, ihr Atem oder die Bewegung gewesen.

Mit einem Murren schob er sie von sich weg. Tara ließ sich in ihr Kissen fallen und wartete, bis er die Augen öffnete. Drei Atemzüge dauerte es, dann sah er sie mit verschlafenen Augen an. Sie lächelte, er beobachtete und dann legte er den Arm auf ihre Hüften.

Vier Sekunden Augen geschlossen, fünf offen. Drei geschlossen, acht offen. Zwei Mal kurz blinzeln.

Ein verschmitztes Lächeln seinerseits.

Aufwändig robbte er näher und vergrub seine Nase in ihren Haaren.

„Ich wünschte, wir könnten ewig hier liegen bleiben“, flüsterte er.

Die Antwort des Universums kam postwendend. Benjamin stürmte im Pyjama in das Zimmer.

Liegenbleiben gab es nicht. Das Leben wollte gelebt werden, ganz egal unter welchen Umständen.

 

Tara 1-6

 

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Ahimsa

Ahimsa ist ein Wort aus dem Sanskrit und betont die Gewaltlosigkeit im Umgang mit allem anderen.

Im Austausch mit Yogis scheint es mir oft so, als würde damit hauptsächlich eine vegetarische Ernährungslehre einhergehen.

Ungeachtet dessen, dass sich ein militanter Vegetarier zumindest in solchen Kreisen also ad absurdum führen würde, gibt es viel Kurioseres zu entdecken.

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Sie fährt mit dem Auto auf der Hauptstraße. Heute ist sie ziemlich spät dran und zudem ärgert sie sich, dass die Tanknadel fast auf leer steht. Vermutlich muss sie auf dem Nachhauseweg noch an eine dieser Selbstbedienungsanlagen. Dabei war am Morgen, als sie die kurze Strecke zum Bäcker zurücklegte, um frische Brötchen zu bekommen, mit Sicherheit noch genug vorhanden. Das wird ihr ältester Sohn zu hören bekommen!

An der Kreuzung stiehlt sie einem grünen Peugeot den Vorrang, schließlich will sie möglichst pünktlich sein. Dass der andere deswegen hupt, versteht sie nicht.

„Dummkopf! Das nächste Mal musst du eben schneller sein“, beschimpft sie in laut über die Mantras hinweg, die aus dem CD-Player schallen.

Natürlich sind die Parkplätze in Eingangsnähe fast ausnahmslos besetzt. Der letzte, auf den sie ihre Aufmerksamkeit richtet, wird ihr vor der Nase weggeschnappt. Der gewaltige Fluch bleibt ein privates Gedankenspiel. Völlig intim. Niemand erfährt davon.

Mit Matte und Sitzkissen unter dem Arm hastet sie die Treppe hinauf. Dabei streift sie die Sekretärin, der ein ganzer Stapel an Papieren aus der Hand fällt.

„Tschuldige!“, ruft sie schnell, kann es sich aber nicht leisten, stehen zu bleiben und noch mehr Zeit zu verlieren.

Endlich. Fast noch rechtzeitig. Entspannungsübung zu Beginn.

Die dummen Gedanken kreisen um den Fuß, auf den sie vorhin ihrer Nachbarin getreten ist. Warum muss die auch so nahe an ihrem Stammplatz liegen, so dass sie nun ganz eingeengt entspannen muss? Hat sie sich getäuscht, oder gibt es neue Vorhänge im Raum? Sie blinzelt. Ja, es stimmt. Schön sind sie nicht. Entspann dich endlich, fordert sie sich selbst auf. Meditationen und so Zeug liegen ihr überhaupt nicht. Es schleichen sich die Worte in ihren Geist, die sie ihrem Sohn später noch sagen will. Die Rage verhindert das Loslassen komplett, doch egal, es geht los.

Der Hintern der Frau vor ihr ist ganz schön fett und diese ach so perfekte Rosa muss sich immer bis ganz nach unten beugen, so dass die Stirn das Knie berührt. Das – muss – auch – bei – ihr – gehen! Verdammt! Im Oberschenkel bemerkt sie ein brennendes Ziehen. Ganz sicher wäre sie mindestens so beweglich wie Rosa, nur die Verletzung will nicht abklingen.

Am Ende der Stunde hält sie befriedigt fest, dass ein Schweißtropfen von ihrem Bauch über die Taille nach unten rinnt. Das bedeutet, es wurden Kalorien verbrannt.

Morgen macht sie eine Pause vom Yoga, der Physiotherapeut soll sich zuerst um die Verspannung zwischen den Schulterblättern kümmern.

Als Gedanke für die kommende Woche liest die Yogalehrerin etwas zu Ahimsa vor. Zuhören muss sie nicht, denn vegetarisch kocht sie schon lange. Lieber widmet sie sich wieder dem Problem leerer Tank. Das will sie heute noch klären. Ein für alle Mal!

 

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