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Hass ist nicht immer Hass

Tara blickte nachdenklich auf die Küchentür, die vor Sekunden lautstark zugeknallt worden war.

Der Hall hing noch im Raum, als sie vor sich hin und dennoch an Henni gerichtet fragte: „Glaubst du, das liegt an mir? Dass er etwas spürt? Unbewusst meine ich?“

Mit gerunzelter Stirn strich sich Henni über den Kopf. Eine Geste der Hilflosigkeit.

„Ich weiß auch nicht“, murmelte er. „Seit dem letzten Wochenende ist Jonas schwierig.“

Das drückte es gut aus. Jonas war schwierig. Er klammerte sich an Tara, wollte nicht, dass sie ohne ihn das Haus verließ und war beleidigt, wenn er nicht auf ihrem Schoß sitzen durfte. Manchmal bildete sich Tara ein, dass ihr Ältester den bald anstehenden und endgültigen Abschied spürte. Wenn das jetzt schon so kompliziert war, wenn ihr Kind derart auffallend reagierte, wie würde das werden? Konnte der Tod der Mutter Kinder so schwer treffen, dass das gesamte Leben davon überschattet wurde? Und weil auch Erfahrungen von anderen niemals garantieren konnten, wie es bei ihren Söhnen ablaufen würde, gab es keine Antwort für sie. Stattdessen versuchte sie alle Buben so viel wie möglich im Arm zu halten und sich Zeit für sie zu nehmen.

Für Jonas war das immer zu wenig und als er heute erfahren hatte, dass sie nachher zum Spanischkurs aufbrechen würde, flippte er völlig aus. Weil Tara aber bei ihrem Vorhaben blieb, war er schlussendlich mit einem „Ich hasse dich!“ davongestürmt.

Auch Henni hatte leise Bedenken angemeldet. Da der Schitag am darauf folgenden Morgen zu einem großen Durcheinander geführt und dadurch eindeutig gezeigt hatte, wie sorgsam mit Taras Energie umgegangen werden musste, überlegte auch er, ob ein Sprachkurs nicht unnötige Verausgabung war. Aber Tara wollte es versuchen. Morgen war Samstag und das Risiko somit vergleichsweise gering. Außerdem fühlte sie sich heute wieder ganz in Ordnung, es gab keinen Hinweis dafür, dass sie sich überforderte.

„Hast du…“ Tara schluckte und setzte noch einmal dazu an, um die Frage zu stellen, die sie seit gestern vollkommen erfüllte. „Hast du mit dieser einen Person auch darüber gesprochen, was passiert ist? Über mein Verschlafen, die ganzen Probleme dazu?“

Henni zog eine Schnute.

„Ja“, antwortete er mit Verzögerung.

„Und? Was hat er… oder sie gesagt?“

„Tara, ich habe es dir schon gesagt. Wir haben eine Lösung gefunden und wir können das in Zukunft berücksichtigen. Trotzdem und immer noch stehe ich dazu, dass es helfen würde, wenn wir Freunden und Familie davon erzählen.“

„Ich überlege es mir“, seufzte Tara.

Ja, sie machte es Henni nicht gerade einfach, doch sie wusste ganz genau, dass es noch zu früh war. Sie brauchte diese Zeit, in der sie in den Augen der anderen noch Tara sein konnte, bevor sie zu der Todeskandidatin mutierte.

Mit einem Kuss verabschiedete sie sich und fuhr los um Joel abzuholen.

Zu ihrer Überraschung öffnete seine Mutter Simone die Haustüre. Die Erfahrungen während der Meditation wurden durch dieses Zusammentreffen wie von selbst beschworen und Tara lächelte genauso erfreut, wie auch sie begrüßt wurde.

Joel brauchte noch ein paar Minuten und so setzten sie sich in die Küche.

„Wie geht es dir?“, fragte Simone freundlich und obwohl diese von der Krankheit wusste, fand es Tara gar nicht selbstverständlich, dass sie nun darauf eingehen sollte. Stattdessen berichtete sie vom aktuellsten Zwischenfall.

„Mein Sohn, mein ältester Sohn, hat mir gerade vorhin gesagt, dass er mich hasst. Er wollte nicht, dass ich heute Abend ausgehe.“

„Ach, Hass. Ja“, sprach Simone mitfühlend. „Das kenne ich. Bei Kindern – und wohl auch bei Erwachsenen – bedeutet das normalerweise eines von zwei Dingen. Erstens: Ich mag das nicht. Oder zweitens: Das ist mir jetzt zu viel.“

Darüber musste Tara nachdenken. Sie hatte diese Worte über das Hassen nicht persönlich genommen. Natürlich nicht. Eine Übersetzung hatte sie allerdings auch nicht versucht. Jonas wollte schlicht nicht, dass sie zum Wellnessen oder zum Sprachkurs fuhr.

„Stell dir vor“, machte Simone weiter, „jemand sagt: Ich hasse es, wenn mir der Zug vor der Nase wegfährt. Ich hasse es, dass du mich bevormundest. Ich hasse Käse oder dein Dauergerede. Mir persönlich geht es so, dass ich immer nur eine meiner zwei Varianten dahinter höre.“

„Das klingt ziemlich friedlich“, entgegnete Tara.

„Ich glaube, die Menschen sagen nur nicht immer das, was sie meinen“, lachte Simone beherzt.

 

 

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Ein Königreich für Alltag

Henni rückte nahe an Tara heran, was sie mit einem unwillkürlichen Murren quittierte. Der Schlaf hatte sie noch nicht völlig losgelassen, seine körperliche Präsenz mischte sich mit Traumbildern.

„Tara“, hauchte er in ihr Ohr. „Schatz, du musst aufstehen.“

„M-hm“, bestätigte sie.

Er verschwand. Vermutlich im Badezimmer und Tara wappnete sich für den Tag.

„Tara“, war Henni auch schon wieder da. Sie öffnete die Augen nicht, er schien aber vor dem Bett zu stehen und streichelte ihre Wange. „Aufstehen, Schlafmütze“, sang er sanft. „Ich muss ins Büro.“

Ja, das wusste sie. Nach der Auszeit gestern, gab es für ihn nun einiges aufzuholen und eine Sitzung stand an.

„Ich komme gleich“, seufzte Tara und drehte sich auf den Rücken, den Arm über die Augen gelegt.

Nur zwei Minuten noch benötigte sie, um diese Müdigkeit abzuschütteln, die Schwere, die ihre Glieder in der horizontalen Ebene gefesselt hielt. Die Decke lag warm ausgebreitet auf ihr und mit ein wenig Phantasie konnte sie sich vorstellen, dass Henni sie noch immer im Arm hielt. Vollkommene Geborgenheit.

„Tara?“

Wieder war Henni da, um sie zu erinnern, dass Pflichten auf sie warteten.

„Nur einen Moment noch“, erklärte sie. „Ich komme gleich. Ich muss nur noch…“

War er überhaupt noch da? Vermutlich interessierten ihn ihre Gründe sowieso nicht und so ließ sie das Ende des Satzes unausgesprochen.

„Scheiße!“, schimpfte Henni irgendwo im Raum.

Sie wollte ihm gut zureden, sagen, sie käme gleich, doch dann war ihr die Wiederholung des Immerselben zu dumm und sie schwieg einfach. Mit einem tiefen Atemzug genoss sie ihr warmes Nest noch für ein paar Sekunden.

Schlagartig öffnete Tara die Augen. Egal wo sie sich träumender Weise gerade aufgehalten hatte, nun war sie von einer Sekunde auf die andere ganz hier angekommen. Genüsslich streckte sie sich, rieb die Augen und schlug die Decke zur Seite.

Tara gähnte, als sie aus dem Schlafzimmer trat und im nächsten Moment blickte sie sich irritiert um. Im Zimmer war es dunkel, die Rollläden noch geschlossen. Im Flur allerdings überraschte sie Tageslicht. Im Winter war es um diese Zeit nicht hell. Nein, das war unmöglich. Einige Male blickte sie abwechselnd hinter sich und dann nach vorne. Träumte sie noch? Ein Adrenalinschub brachte sie wieder in Bewegung. Mit raschen Schritten ging sie zum Fenster des Schlafzimmers und öffnete die Verdunkelung.

„Oh, Gott!“, stieß Tara aus und rannte nach draußen.

Sie hatte offenbar verschlafen. Gehörig verschlafen. Die Buben sollten eigentlich schon längst in Schule oder Kindergarten sein. Henni war seit Stunden aus dem Haus und die Kleinen alleine auf sich gestellt.

Doch das Kinderzimmer war leer und weder in Wohnzimmer noch Küche fand sie die Buben. Ihr wurde zum Weinen zumute. Was war hier los? Warum war sie alleine zu Hause? Drehte sie nun durch? Verlor sie den Bezug zur Wirklichkeit? Hatte sie etwas vergessen?

Vier Worte, von Henni groß auf die Rückseite eines Flugblattes geschrieben und mitten auf dem Küchentisch platziert, waren erste Anhaltspunkte, die Tara kaum beruhigen konnten. Bitte ruf mich an, stand da geschrieben.

Nun bemerkte sie auch das schmutzige Geschirr, das sich auf der Anrichte stapelte. Es hatte also Frühstück für alle gegeben.

Natürlich versuchte sie als erstes ihren Mann zu erreichen, doch er hob nicht ab.

Angst machte sich in ihr breit. Angst davor, was die Krankheit aus ihr machen konnte. Was, wenn das nur der Auftakt war?

Vier Minuten lang hatte sie Zeit, sich in diesen Emotionen zu verlieren, bevor Henni zurückrief.

„Oh Henni, es tut mir leid“, sagte sie sofort.

„Geht es dir gut?“, erkundigte sich Henni mit verhaltener Stimme.

„Ich habe verschlafen. Es tut mir leid. Ich… ich weiß auch nicht. Ich habe nicht bemerkt, wie viel Zeit vergeht.“

„Hey, mein Schatz, beruhige dich. Sag mir einfach, wie es dir geht.“

„Ich bin durcheinander“, gestand sie.

„Aber sonst? Ich habe noch ein Meeting, aber… Soll ich nach Hause kommen? Ich war mir nicht sicher…“

„Nein.“ Tara begann zu frösteln, das Adrenalin baute sich ab. „Ich komme klar. Ich bin… Mir ist… Wo sind die Jungs?“

Es entstand eine kurze Pause.

„Wir haben einfach erzählt, dass wir heute alle verschlafen haben. Ich habe die größeren zwei bei Joel abgesetzt und Benni habe ich Liliane aufs Auge gedrückt. Mach dir keine Sorgen. Bis um vier sind alle versorgt. Mathias und Jonas bei Joel und der Kleine bei Mathilde. Denkst du, das geht? Bis um vier Uhr? Ich kann auch fragen, ob sie…“

„Das ist nicht nötig“, unterbrach Tara rasch. „Vier Uhr ist gar nicht nötig. Ich kann sie abholen.“

„Magst du dir nicht diesen Tag gönnen? Wenn du so müde bist… ich meine, nach dem Schifahren gestern ist es vielleicht ganz gut, wenn du dir einen Tag zum Ausspannen nimmst. Alle sind versorgt und ich sehe zu, dass ich am Abend zum Essen komme. Ich könnte das Kochen übernehmen.“

„Henni, mir geht es gut. Ich musste nur ausschlafen. Ehrlich. Ich werde die Kinder abholen und du musst dir keine Gedanken mehr machen.“

Im Hintergrund hörte Tara ein eigenartiges Geräusch.

„Bist du etwa auf der Toilette?“, fragte sie erstaunt.

„Ich sollte eigentlich in einem Meeting sitzen“, erklärte er rasch.

„Na, dann geh zurück. Ich erledige alles.“

„Tara?“

„Ja?“

„Wie lange bist du schon wach?“

„Fünf, zehn Minuten?“, riet sie. Sein veränderter Tonfall behagte ihr gar nicht.

Zwei Sekunden verstrichen, dann öffnete er ihr die Augen für eine Tatsache, die alle Ängste des ungewöhnlichen Morgens erneut entfachte.

„Tara, der Kindergarten war vor einer halben Stunde fertig. Mathias wurde schon abgeholt.“

Das bedeutete, fügte ihr über Monate darauf ausgerichteter Verstand hinzu, dass Benjamin seit Ende der Spielgruppe schon eine ganze Stunde bei der Nachbarin war und Jonas in Kürze aus der Schule treten würde.

„Was?“

Tara suchte nach einer Uhr und hörte kein Wort von dem, was Henni zu ihr sagte.

„Ich hab doch nur verschlafen!“, rief sie dem Backofen zu, der behauptete, es sei bereits Mittag.

Das war unmöglich.

Henni opferte weitere Minuten seiner zu knapp bemessenen Zeit, um ihr gut zuzureden und er wartete, bis sie soweit zuhören konnte, um auch ruhiger zu werden. Am Ende sah sie ein, dass sein Vorschlag der einzige war, der diesem Desaster noch einen Rest an Sinn geben konnte.

Er hatte für alles gesorgt, die Buben waren betreut und am Abend würden sie sich Zeit für ein ausführliches Gespräch nehmen. Bis dahin durfte sie entspannen, einfach abschalten.

Tara fasste einen Entschluss. Wenn ihr Sterben von einem solchen Durcheinander wie heute begleitet werden würde, dann durfte sie das nicht hinnehmen. Nein, entschied sie, sie würde kämpfen. Um das morgendliche Aufstehen, um Alltag, um ihren Verstand.

 

 

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Quer durch Raum und Zeit

Tara wollte sich wehren. Ein Schitag mitten unter der Woche, das war absurd. Aus einer spontanen Idee geboren, entschuldigte Henni sowohl die Kinder als auch sich selbst und belud das Auto. Dies war ein so untrügliches Zeichen für ihre zerrinnende Zeit, dass Tara am liebsten eine Demonstration gegen ihre Familie angezettelt hätte. Nur mit Wasserwerfern und Helmen sollte man sie davon abhalten können. Sie wollte diese Ausnahmen nicht. Nein!

Im selben Augenblick sehnte sie sich nach diesem Tag. Mehr als angemessen schien es ihr, dass ihre vier Männer wegen ihr den gesellschaftlichen Konventionen den Rücken kehrten. Niemand würde sich dafür bedanken, wenn sie diese Chance ungenutzt verstreichen ließen. Sie hatten es alle verdient und für ein paar gemütliche Stunden am Übungshügel reichte auch ihre Energie bestimmt aus.

Schlussendlich verabschiedete sie sich von ihren rebellischen Gedanken.

Unermüdlich trippelte Benjamin zum Förderband und übte, damit er schon bald mit seinen Brüdern auf die steilere Piste nebenan wechseln konnte. Ebenso unerlässlich half ihm Tara beim Aussteigen oder wenn sich Schier und Beine allzu sehr verknoteten.

Die Mittagspause kam ihr allerdings gerade recht, damit sie sich von der ständigen Bewegung erholen konnte. Ihr Seniorenhandy passte mittlerweile ganz gut zu ihrem Aktionsbedürfnis.

Es war sonnig und überraschend warm. Als sie zu fünft auf der Terrasse des Gasthauses saßen, zogen sie alle ihre Winterjacken aus und füllten Millionen von Zellen mit hellen Strahlen auf.

Tara beobachtete, wie Henni mit einem Tablett durch die Bankreihen balancierte. Fünf Mal heiße Schokolade stand darauf. Dazu zwei Mal Würstchen, einmal Spaghetti und zwei Portionen Pommes.

Nach einem halben Tag an der frischen Luft wirkte er jünger und vitaler als in den letzten Wochen. Spontan erschien vor ihrem inneren Auge ein Bild aus früheren Zeiten. Eine gemeinsame Radtour und es ging über eine längere Strecke steil aufwärts. Tara konnte nicht mit Henni mithalten, er fuhr seinen Rhythmus und sie ihren, denn beide wussten, die Stelle kam, da fanden sie wieder zueinander. Schnaufend und schwitzend näherte sich Tara diesem Punkt, ein um das andere Mal blickte sie auf und sah ihn. Wie er mit roten Wangen und schon wieder ruhigem Puls dastand und auf sie wartete. Sein Lächeln wirkte dabei, als würde er sie sehnsüchtig erwarten, als wäre es keine Selbstverständlichkeit, dass sie zu diesem Treffpunkt kam.

Wie hatte sie diese Augenblicke geliebt!

Und genau mit diesem frischen Rot auf den Wangen kam nun Henni auf sie zu. Mit konzentrierter Miene zwar, dennoch konnte sie ihren Freund von früher deutlich erkennen. Er stellte das Tablett ab, die Buben beugten sich alle zeitgleich darüber und er ließ sie gewähren, weil er sich stattdessen an Tara wandte. Dazu richtete er sich auf und strahlte sie genau mit diesem unvergleichlichen Lächeln an. Asymmetrisch, weil sich das linke Auge ein wenig mehr schloss. Ein Lächeln, das er nun ganz alleine an sie verschenkte. Warum sie ihn derart anstarrte, sprachlos und höchst erfreut, konnte er kaum wissen, doch er war nicht verlegen, stellte auch keine Frage dazu. Ein Augenzwinkern seinerseits löste den Moment auf. Er hatte im Gegensatz zu Tara bemerkt, dass die Essensausgabe auf dem Tisch zu einem kleinen Disput geführt hatte und erwachsene Unterstützung nötig war, wollte man Pommes und Nudeln nicht demnächst vom Boden aufputzen.

Das Essen begann umständlich, weil sich angesichts der Speisen die Wünsche der Kinder noch einmal änderten und schnell Kompromisse gefunden werden mussten. Sobald die ersten Bissen in den Mündern verschwanden, wurde es aber ruhig und Henni knüpfte mit seinem Lächeln ganz einfach dort an, wo sie zuvor unterbrochen worden waren. Dieses Mal griff er über den Tisch hinweg Taras Hand, lehnte sich zu ihr und gab ihr mit einem „Schön, dass du da bist“ einen Kuss.

Das war es gewesen! Er wusste es! In ihm lebte offenbar genau in diesem Augenblick dieselbe Erinnerung, denn mit diesen Worten hatte er sie stets begrüßt, sobald sie ihr Fahrrad abgestellt hatte.

„Ich liebe dich“, antwortete Tara.

Henni streichelte ihre Wange und gab ihr noch einen Kuss.

„Ich liebe dich auch.“

„Mama, jetzt musst du das mit den Äpfeln sagen“, platzte Benjamin dazwischen.

In wenigen Minuten hatte er es geschafft, Ketchup über sein ganzes Gesicht und beide Hände zu verteilen. Er grinste Tara freudig an, während sie gar nichts verstand. Eben war sie noch zwanzig Jahre alt gewesen und hatte sich auf einer Fahrradtour mit ihrem Freund befunden.

„Was?“

„Das mit den Äpfeln“, wiederholte Mathias, der anscheinend genau wusste, was sein kleiner Bruder angesprochen hatte.

„Welche Äpfel?“

„Wegen den Pommes und der Schokolade“, erklärte schließlich auch noch Jonas. „Du musst sagen, dass wir danach etwas Gesundes essen müssen und die Äpfel aus dem Rucksack holen.“

Tara empfand es als ihre Mutterpflicht, dass sie bei jedem Schitag, der eine Ausnahmesituation in Punkto ausgewogene Ernährung darstellen durfte, auf ein wenig Obst zum Nachtisch bestand. Es war immer ein Hin und Her zwischen „Ich mag nicht“, „Ich bin satt“ und „Nur ein paar Bissen“ gewesen. Dieses Mal hätte sie tatsächlich darauf vergessen, es großzügig unter den Tisch fallen lassen. Wie wichtig war das aus ihrer heutigen Perspektive aus betrachtet? Die Buben hingegen liebten die Apfel-Diskussion, für sie war es, und das erkannte Tara in diesem Moment, ein wichtiges Ritual. Etwas, das die Mama immer machte, wenn es Pommes zum Essen mit Trinkschokolade gab.

Henni schmunzelte und Tara hätte ihm am liebsten gesagt, dass er sich das merken müsse. Auch später, im nächsten Jahr, wenn sie nicht mehr dabei sein konnte, dann musste er an die kleine grüne Plastikdose mit den Apfelstücken denken. Die war wichtig.

Statt es vor den Kindern auszusprechen, beugte sie sich über den Rucksack und genoss die freudvollen Kindergesichter, als sie wie ein Versprechen das bedeutungsvolle Utensil des bekannten Spiels auf dem Tisch platzierte.

Wenn ein Lächeln acht Jahre unbeschadet überdauern und unerwartet wiederbelebt werden konnte, dann musste es eine Plastikdose erst recht schaffen. Sie musste, bitte, bitte, betete Tara innerlich. Das wäre dann sie, die in grüner Form im Leben ihrer Söhne Platz bekam.

 

 

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Urlaub nur im Kopf

Zum Mittagessen kam Henni an diesem Montag nach Hause und brachte dabei praktischer Weise auch die drei Kinder mit. Das war in den letzten Jahren nur selten vorgekommen.

Was hingegen gar keinen Platz mehr gehabt hatte, das war das Meer. Tara blätterte versonnen in einer Hochglanzbroschüre. In der anderen Hand hielt sie ihre Kaffeetasse und schwelgte in den angepriesenen Urlaubsreisen voller Wärme, Sonne und bunter Cocktails.

Das letzte Mal als Tara am Meer gelegen hatte, war sie einundzwanzig Jahre alt gewesen. Es hatte sich um einen herrlichen Spätsommer gehandelt und gemeinsam mit Henni war sie braun geworden und im Glück geschwommen. Im folgenden Jahr, wenige Tage vor ihrem Geburtstag kam dann Jonas zur Welt und diese Art von Urlaub war vorbei. Seither waren sie höchstens ein paar Tage an einen See gefahren oder in ein Familienhotel. Ein Kind, bald das zweite und schließlich Benjamin hatten lange Reisen völlig undenkbar werden lassen.

Heute gab sich Tara allerdings den Träumen hin. All-inklusive, also auch mit Stunden nur für sich selbst zum Schlafen, Träumen und Lesen.

„Das wäre schön“, seufzte sie für sich.

Henni blickte von seinem Computer auf.

„Was?“

„Urlaub am Meer. Das sollten wir mal wieder machen.“

Er tippte schon wieder weiter.

„Klar. Such dir etwas aus und buche…“, entweder zögerte er oder war von seiner Arbeit kurzfristig abgelenkt, „buche etwas Schönes für uns.“

Seine Zustimmung, die ganz nebenher ausgesprochen wurde, machte sie nicht glücklich. Vielmehr warf es sie aus ihrem Traumschloss und ließ sie hart in der Gegenwart aufknallen. Der kommende Sommer würde schon zu spät für sie sein.

„Wo möchtest du hin?“, fragte sie nicht mehr euphorisch und beobachtete Henni.

„Egal was. Wir werden eine schöne Zeit haben“, antwortete er sofort.

Zu schnell. Automatisch. Er war nicht wirklich Teil dieser Unterhaltung. Schweigend beobachtete sie seinen versteinerten Gesichtsausdruck, der auf den Bildschirm fixiert war. Nach einer Weile bemerkte er das und sah auf.

„Was, Tara?“ Es klang nach einer Anschuldigung.

Sie richtete sich auf und schob die Prospekte von sich weg.

„Kannst du bitte aufhören immer nur ja und mach nur zu sagen? Du gibst mir das Gefühl, als sei dir alles recht, weil ich bald die Radieschen von unten ansehe. Im Grunde interessiert dich ein Urlaub nicht, du willst gar nicht verreisen.“

Anstatt abermals wie automatisiert zu antworten, strich sich Henni über die Stirn, zog einen Mundwinkel zurück und atmete durch.

„Das tut mir leid. Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, als sei mir das egal. Lass uns am Abend gemeinsam die Angebote ansehen und dann entscheiden wir, was das Richtige für uns ist.“

Während sie noch überlegte, was sie von dieser Entschuldigung halten sollte, widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Nach wenigen Sekunden hob er allerdings ruckartig den Kopf. Von dem Entgegenkommen und dem Leid-Tun war nichts mehr in seinem Ausdruck vorhanden.

Er stemmte die Hände zu beiden Seiten auf den Tisch.

„Und außerdem“, begann er in herrischem Ton, „musst du schon verzeihen, dass ich manchmal sehr wohl im Kopf habe, dass uns nicht mehr endlos Gelegenheiten geschenkt werden. Manchmal muss ich mir das sogar vorstellen und es wichtiger als alles andere werden lassen. Ansonsten würde ich dich nämlich in eine psychiatrische Anstalt einweisen lassen, wenn du mit den Kindern in einem selbstgebauten See planschst und dabei den Parkett versaust!“

Es war heraußen, das spürte Tara genau. Worte, die er schon lange in sich trug.

Mit aufgeregten Lidschlägen und einem leeren Schlucken fasste sie sich wieder.

„Ich brauche jetzt einen Schnaps!“, verkündete sie dann und stand auf.

„Du… was?“ Damit hatte sie nun Henni aus der Bahn geworfen.

„Wenn du mich eh einweisen lassen willst, kommt es auf einen Grund mehr oder weniger nicht an.“

Er erhob sich ebenfalls.

„Du wirst nicht anfangen, mitten am Tag Alkohol zu trinken!“, bestimmte er.

Das hatte sie auch nicht wirklich vorgehabt. Eine spontane Idee, ein Scherz war es gewesen, doch ihr war selbst nicht zu Lachen zumute.

„Glaubst du, dass mir die Krankheit den Verstand rauben wird?“, wollte sie an ihren Mann gerichtet wissen. „Glaubst du, dass ich verrückt werde?“

Tatsächlich stimmte fast gar nichts mehr in ihrem Leben. Alles stand Kopf und was früher undenkbar gewesen war, das tat sie nun. Stundenlang am Boden spielen und dafür die Hausarbeit liegen lassen, die Haare erst am Nachmittag waschen, in Jogginghosen zur Schule fahren, dem Wellness abschwören, mit den Fingern essen. Womöglich war sie wirklich dabei, sich selbst zu verlieren.

„Nein“, antwortete Henni. „Aber ich werde fast verrückt. Das alles macht mir eine solche Angst, dass ich gar nicht weiß, wohin damit.“

Er trat zu ihr und legte die Hände auf ihre Hüften. Tara streichelte sein Gesicht. Heute hatte er sich nicht rasiert, auch das war neu.

„Du wirst das schaffen, Henni. Du bist stark und mit beiden Beinen am Boden.“

„Wenn die Kinder nicht wären…“, flüsterte er und Tara wurde von einem eisigen Schauer erfasst.

„Henrik! Denk nicht einmal daran! Du wirst leben! Auf alle Fälle!“

Er wollte sich ihr entwinden, doch sie hielt ihn fest. Sie musste von ihm hören, dass er es schaffen wollte, auch ohne sie glücklich zu sein. Der Henni, den sie kannte, der durfte nicht mit ihr sterben. Nicht einmal zum Teil.

„Ich will, dass du lachst und das Leben genießt. Nicht nur für die Jungs. Du musst auch selbst Leben in dir spüren.“

„Tara“, sprach er verzweifelt.

„Nicht Tara! Nein! Wo… Stell dir vor. Wo soll denn ich dann sein? Du bist mein Alles. Jetzt und dann noch viel mehr.“

Einige Zeit sprach sie wahllos auf ihn ein. Beschwor ihn, schimpfte und bat, damit er auch wirklich verstand, wie wichtig es für sie war, dass er nicht aufgab. Dass er die Trauer überwinden würde und für sich und die Buben ein Leben in Fülle erfuhr.

Nachdem er einige Zugeständnisse gemacht hatte und mit leisem Widerwillen versprach, ihre Wünsche zur respektieren, begann Tara an diesem Tag damit, ihre eigene Trauerfeier zu planen.

 

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Kreislauf mit Nahtstelle

Das Heimkommen war mit Abstand der beste Teil des Wochenendes. Selbst wenn Tara noch hundert Jahre alt werden würde, sie wusste, niemals wieder würde sie zum Wellness fahren. Sie erkannte, dieses gekünstelte sich Gut-gehen-Lassen hatte vor allem damit zu tun, dass sie ihr Leben im Alltag nicht wirklich gelebt hatte. Nur daher kam das Bedürfnis nach Wegfahren, Massagen und Herumliegen. Aber mittlerweile hatte Tara gelernt, das auch zu Hause zu bekommen. Sie umarmte ihren Mann und die Kinder so oft wie möglich, wurde selbst in die Arme genommen, sie rastete, wenn sie eine Pause brauchte und sie plante kleine Genuss-Oasen ganz bewusst ein. Mehr brauchte sie nicht. Niemand brauchte mehr.

Nachdem Tara die Kinder zu Bett gebracht hatte, fand sie Henni mit seinem Notebook auf der Couch.

„Bedeutet Homeoffice, dass du von nun an auch am Sonntag arbeitest?“, fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.

Er ließ es sich gerne gefallen, seine Beine mit ihren zu verknoten.

„Nur ein bisschen noch“, murmelte er und weil er gar so vertieft schien, schnappte sich auch Tara ihren Laptop.

Es war nicht schwer die Mailadresse von Joels Mutter zu finden. Sie arbeitete in einem Yogastudio und wurde auf der Homepage persönlich aufgeführt. Tara schickte ihr eine kurze Mail, in der sie ihren Wunsch äußerte, in einer persönlichen Einheit das Meditieren erlernen zu wollen.

Henni saß ihr mit strengem Blick gegenüber. Er war gänzlich in seine Arbeit vertieft.

„Vielleicht solltest du einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen. Eine Auszeit für dich nehmen“, schlug sie spontan vor.

Nur, weil sie nun wusste, dass ihr Platz zu Hause war, bedeutete das noch lange nicht, Henni müsse es genauso gehen. Immerhin hatte er in der letzten Zeit mehrmals davon gesprochen, sich eine Pause zu wünschen.

Ihre Worte fielen nicht gerade auf fruchtbaren Boden.

„Fang du nicht auch noch an!“, gab er unwirsch zurück.

„Warum? Wer sagt das noch?“

Ruckartig sah er hoch und blickte in ihre Augen. Dann atmete er hörbar aus und deutete auf den Bildschirm.

„Ich lese manchmal in so Foren.“

Die Art wie er das sagte und die Tatsache, dass es ihm nicht leicht fiel, diese Worte auszusprechen, machte es für Tara klar, von welcher Art von Foren er sprach. Es ging um einen Austausch mit Menschen, die zu den Hinterbliebenen gehörten.

„Und was steht da?“, erkundigte sie sich mit belegter Stimme.

„Tara, hast du Angst vor dem Tod?“

Dieser Themenumschwung brachte sie kurzfristig aus dem Konzept.

„Nein, nicht direkt. Eher fürchte ich mich davor, wie mein Leben am Ende aussehen könnte. Schmerzen zum Beispiel.“

Er schien von der Antwort begeistert.

„Eben! Genau das meine ich auch. Die meisten hier reden sich nur gegenseitig zu, wie sie das Leben noch schaffen. Ständig soll man an sich selbst denken, Auszeit nehmen, in Urlaub gehen und das ganze Zeugs. Ich verstehe das schon. Auf die Dauer…“ Er schluckte den Rest des Satzes hinunter. Von einem Leidensweg über Jahre, wie es andere erlebten, war bei ihnen keine Spur. Er kam zurück zu seinem Anliegen: „Aber bei vielen scheint mir, als läse ich nur von der Angst, dass der Tod in ihr Leben eintritt.“

„Und bei dir ist das anders?“

Henni klappte das Notebook zu und sah sie zärtlich an.

„Ich will nicht, dass du stirbst. Das zerreißt mir das Herz. Aber ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich auch nur eine Sekunde verpasse. Von deinem Leben und auch von deinem Sterben. – Entschuldige. Das klingt komisch.“

Für Tara waren dies die wohltuendsten Worte seit langem. Ihr Mann, ihr Freund – schlicht: Henni musste nicht bei ihr bleiben, nein, er wollte es.

Sie krabbelte zu ihm und schmiegte sich an seine Brust.

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird. Dass du mich dann so wie jetzt ihm Arm hältst“, flüsterte sie.

Diesen Gedanken hatte sie noch nie zuvor ausgesprochen.

„Wie denn sonst?“, hörte sie seine Stimme ganz dicht an ihrem Ohr. Er schniefte und streichelte ihren Kopf. „Wie sonst sollte es sein? Ich bin da.“

Henni war ein mutiger Mann. Kein klassischer Held, der mit Tamtam und Gebrüll Aufmerksamkeit erregte. Er zeigte seine Stärke genau jetzt. Er half Tara jeden einzelnen Tag ihres Lebens als Leben zu begreifen und auch umzusetzen. Dabei scheute er sich nicht, diesen Weg mit ihr zu gehen und für die Kinder und sich selbst würde er es schaffen, auch ihrem Tod einen Platz zu geben. So, dass das Ende kein Abbruch, sondern stattdessen zu einer Nahtstelle in einem fortwährenden Kreis wurde.

Es tat so wohl, das zu erkennen, dass Tara fast augenblicklich und völlig entspannt einschlief.

 

 

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Wellness aus Gewohnheit

Maria schnarchte leise im Bett neben Tara. Diese hatte selbst noch keine Sekunde Schlaf gefunden. So sehr sie die unbeschwerten Morgenmomente liebte, umso gefährlicher und erschreckender kamen ihr die dunklen Stunden in der Nacht vor. Dann drehten sich ihre Gedanken unablässig darum, ob sie eine Patientenverfügung brauchen würde, was darin stehen musste, wie sie den Kindern etwas Persönliches hinterlassen konnte oder ob sie ein Testament machen sollte. Am schwersten auszuhalten war es aber, wenn sie sich vorzustellen begann, was sie im Leben ihrer Söhne alles verpassen würde. In solchen Nächten rannen heiße Tränen über ihre Wangen bis das Kissen völlig durchnässt war.

Heute hatte sie ständig Jonas‘ Worte in ihren Ohren. Beim Packen für das Wellnesswochenende war er in ihrem Schlafzimmer gestanden und hatte gebettelt und geweint.

„Ich will nicht, dass du gehst“, wiederholte er ein um das andere Mal.

„Es ist nur bis morgen Abend“, beruhigte sie ihn notdürftig.

„Wir feiern unsere Männerzeit“, versuchte auch Henni sein Glück.

Doch Jonas war kaum zu beruhigen. Am Ende hatte er sich in sein Schicksal ergeben, Tara zum Abschied fest umarmt und sich dann haltsuchend an den Vater geklammert. Das war untypisch für ihren Großen und darum kam die Erinnerung auch schmerzhaft lebendig zurück, als Tara in ihrem Hotelbett lag.

Sie war froh, dass sie mit Maria ein Zimmer teilen konnte. Liliane und Vanessa waren wesentlich aufmerksamer und Vanessa zudem Krankenschwester. Neben ihnen wäre es komplizierter geworden, die Medikamente geheim zu halten. Maria hingegen war die Sanftmut in Person, die sich nicht für investigative Arbeit eignete und niemals auf die Idee käme, dass man ihr etwas verheimlichte.

Der erste Wellnesstag war vorüber und Tara war alles andere als entspannt. Früher hatte sie den Whirlpool geliebt, nun empfand sie den Druck der Düsen als zu stark. Die Temperatur der Sauna war zu hoch und das Dampfband schlicht und ergreifend anstrengend. Sie flüchtete schlussendlich mit gemurmelten Ausreden in den Swimmingpool, wo sie langsame Bahnen zog oder einfach nur dahintrieb und die Menschen um sich herum beobachtete. Weil aber Vanessa und Liliane bald anfingen sie kritisch zu beäugen, buchte sie eine Massage. Jegliche Art von Druck war undenkbar, aber die Ölvariante konnte als Highlight verbucht werden.

Weil der Schlaf meilenweit entfernt schien, erhob sich Tara schließlich, zog sich an und mit ihren Schuhen und der Handtasche in den Händen verließ sie das Zimmer. Maria sollte durch ihre Unruhe nicht geweckt werden.

Unschlüssig wanderte Tara durch die Hotelgänge und ließ sich dann im Kaminzimmer in ein Sofa mit dicken Kissen sinken.

„Was mache ich hier nur?“, fragte sie sich selbst.

In ihrer Tasche hörte sie das Summen ihres Handys. Es war zwei Uhr nachts und sie wusste nicht, mit wem sie um diese Zeit rechnen musste.

Eine SMS war eingegangen.

Das Bett ist viel zu leer ohne dich.

Henni hatte geschrieben, offenbar fand auch er keinen Schlaf.

Sie rief ihn an.

„Du bist noch wach?“, wollte er überrascht wissen.

„Ich kann nicht schlafen.“

Es entstand eine Pause.

„Ich auch nicht.“

„Wie geht es den Buben? Hat sich Jonas beruhigt?“

Henni erzählte ein wenig von ihrem Tag und versicherte, dass es Jonas gut ging.

„Was soll ich tun, Henni?“, wollte Tara dann ohne Überleitung wissen.

„Was ist los? Was meinst du?“

Sie konnte seine Besorgnis hören.

„Meine alte Routine funktioniert nicht mehr. Wellnessen war früher angenehm und lustig. Heute mag ich lieber daheim sein.“

„Mir geht es auch so.“

„Ja?“

„Unser Männerwochenende ist nicht mehr dasselbe.“

„Vielleicht…“, begann Tara.

„Ich höre.“

„Vielleicht wird es Zeit, so manche Routine zu vergessen. Es ist nicht mehr so, wie es war und es wird auch nicht mehr so werden.“

„Heißt das, du wirst anderen sagen, was los ist?“

Nein, an diesem Punkt war Tara ganz sicher nicht. Doch sie wollte noch bewusster und genauer ihr Leben betrachten, um herauszufinden, was ihr dienlich war und was nicht. Ein Wochenende mit Freundinnen, das gepflastert war mit Ausreden, unangenehmen Prozeduren und ständigen Gedanken an daheim, gehörte ganz sicher nicht mehr zu ihr.

„Man kann doch auch wenn man gesund ist, hin und wieder hinterfragen, ob die Gewohnheiten noch passen oder ob etwas verändert werden muss. Wie viel mehr dann in meiner Situation?“

Das Dumme war nur, dass sie keine Ahnung hatte, was sie wirklich wollte. Ihre Tage waren selbst jetzt noch so ausgefüllt und vollgestopft, ihr fehlte einfach die Idee, wie sie die gesuchten Antworten bekommen konnte.

„Vielleicht müsste ich meditieren beginnen, oder so?“, überlegte sie laut.

Henni gähnte, offenbar half ihm das Gespräch dabei zur Ruhe zu kommen.

„Das kann sein“, dachte er mit ihr weiter.

Keiner von beiden hatte es jemals mit Meditation versucht.

„Joels Mutter kann dir vielleicht helfen“, erinnerte sich Henni.

Tara hatte die Frau bei seltenen Anlässen kennengelernt, eine klare Vorstellung fehlte ihr allerdings.

Zurück im Bett richtete sie den Blick auf den Stein über ihr.

„Was machst du da nur?“, fragte sie ihn leise.

Wie zu erwarten, bekam sie keine Antwort von ihrem unsichtbaren Ballast. In diesem Moment schwor sich Tara, es ganz bestimmt mit Meditation versuchen zu wollen. Wenn schon, dann wollte sie mit ein paar Antworten für ihren inneren Frieden abtreten.

 

Tara bis hierher

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Manchmal bleiben Fragen schlicht Fragen

Die Tara-Sequenzen spielen in meine Nichts-Gedanken vom letzten Post hinein. Tatsächlich haben sie mit genau dieser Frage begonnen: Ohne was ist alles nichts?

Tara ist nicht immer leicht zu denken, zu fühlen, zu schreiben oder zu veröffentlichen. Es kommt sehr auf den jeweiligen Zeitpunkt an.

Mit guinness44 gibt es gemeinsame Teile, die Hennis Seite und die eines Freundes betrachten. (dazu neu: Henni 2 – Vergessene Freunde)

Manchmal bleibt dabei mehr offen, als geklärt wird.

So ist das mit den großen Fragen…

 

 

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Weiter, immer weiter

Die Autofahrt zu den Schwiegereltern war lang und zermürbend. Offenbar hatten die drei Buben beschlossen, dass sie sich heute in keiner Kleinigkeit einig sein wollten und das wurde lautstark kundgetan. Schimpfen und bitten seitens der Eltern half alles nichts und so stiegen am Ziel fünf mehr und weniger schlecht gelaunte Menschen aus dem Wagen.

Mit ein paar raschen Handgriffen ordnete Tara Haare und Hemdkrägen, dann wurde die Türe geöffnet und sie konnte nur noch hoffen, dass es nicht den ganzen Abend so weitergehen würde.

Anlass für den Besuch war die gewonnene Bürgermeisterwahl von Hennis Vater. Seit zwei Monaten war er bereits im Amt und nach dem Weihnachtstrubel und den ganzen Feiertagen war nun die Familie an der Reihe, diese Tatsache im engen Kreis zu feiern.

Die Kleinen zwei warfen ihre Schuhe und Jacken von sich und stürmten davon, Jonas hingegen hielt sich auffallend still neben Henni. Vermutlich hatte er beschlossen, dass der Abend für ihn schon gelaufen war. Tara streichelte ihm zärtlich über den Rücken, doch er schüttelte sie ab und begab sich ins Esszimmer, wo die anderen Gäste Platz genommen hatten.

Unauffällig schielte Tara über ihren Kopf. Mit der ganzen Streiterei und Wüterei hatte sie ihren Schwebe-Stein eine Weile lang vergessen, sobald sie aber nur eine Sekunde lang nach ihm spürte, wusste sie augenblicklich, dass er noch hier war. Das ganze Jubel- und Trubel-Zeugs lenkte davon ab, mehr aber nicht. Sie zog die Nase kraus. Nur weil man ihn mit Alltag übertünchte, bequemte sich dieser Begleiter also nicht, das Weite zu suchen.
Nicht nur, dass die sich von dem Stein verfolgt fühlte, noch mehr wünschte sie sich m_wie_wunder weg, die sie eigentlich und noch viel mehr vergessen hatte wollen. Mit ihr war dieses drückende Gebilde in ihrer Imagination überhaupt erst aufgetaucht. Die Schuldfrage war somit geklärt, das Problem aber noch existent.

Mit diesen Überlegungen und einem leisen Stöhnen ließ sich Tara auf dem Stuhl neben Henni nieder. Seinen fragenden Blick beantwortete sie sofort.

„Alles nervt“, flüsterte sie. Er sollte nicht befürchten, dass sie sich mit körperlichen Schmerzen herumplagte.

Tatsächlich lächelte er sie daraufhin kurz an und zwinkerte ihr zu. Unglaublicher Weise half das, ihre Stimmung ein kleines Bisschen zu heben.

Ein bleibender Zustand wurde das allerdings nicht und auch Henni verlor während des Hauptgangs die Geduld. Er stand auf und forderte Jonas nachhaltig dazu auf, mit ihm nach draußen zu kommen. Zuerst sträubte sich der Junge, doch weil der Papa gar so konsequent blieb, trottete er schließlich unter Tränen vor Henni in die Küche. Während dort also ein ernstes Vater-Sohn-Gespräch stattfand, beruhigten sich auch die anderen anwesenden Kinder langsam. Mathias saß bei seiner Oma auf dem Schoß und erzählte bunte Lügen seines Kindergartenalltages, Benjamin wurde damit abgelenkt, dass das Püree zu einem Soßenteich umfunktioniert wurde. Die anderen drei Kinder waren von vorneherein weniger von dem Drang durchzudrehen betroffen gewesen und setzten das Essen fort.

Als Henni und Jonas zurückkamen, verging genau so viel Zeit, dass Henni einen Bissen zu sich nehmen konnte, dann platzte Mathias heraus: „Mein Papa hat eine Affäre.“

Augenblicklich war es mucksmäuschenstill am Tisch. Hustend beugte sich Henni über seinen Teller und Tara klopfte ihm helfend auf den Rücken.

Timos Blick war mehr als fragend, er schien irritiert, dass er nach seiner Aussprache mit dem Bruder auf diesem Weg erfahren sollte, dass Henni ganz persönlich sein Dilemma kannte und nichts davon erwähnt hatte.

„Nein“, lachte Tara und auch ihr Mann schüttelte immer noch hustend den Kopf.

Kindern und Erwachsenen konnte das Missverständnis relativ rasch erklärt werden. Ein Scherz stand dahinter, ein Missverständnis und niemand schien ernsthaft zu glauben, dass Derartiges in der Familie vorkommen könnte. Nur Timo blieb skeptisch. Für ihn war wohl alles im Bereich des Möglichen, nach dem, was er selbst gerade durchmachte.

Auf dem Nachhauseweg herrschte im Auto großes Schweigen. Jonas war, müde von seiner unbestimmten Wut, eingeschlafen, genauso wie Benjamin, dem der Abend einfach nur zu lange gedauert hatte. Mathias blickte ins Nichts, schien mit offenen Augen zu träumen und die Erwachsenen hingen ihren Gedanken nach.

„Ich frage mich, warum bei uns gerade alles so durcheinander gerät“, sprach Henni unvermittelt.

Nun erfuhr Tara, dass neben Timos Beziehungsproblemen auch die Schwester Maren zu kämpfen hatte. Die Firma ihres Mannes war gerade aufgekauft worden und die Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners stand praktisch vor der Tür. Dass Henni als dritter in der Geschwisterreihe sich damit auseinandersetzen musste, bald alleinerziehender Vater und Wittwer zu sein, brauchte er nicht extra zu erwähnen.

„Kann nicht alles einfach so bleiben wie es war? Warum muss sich alles ändern?“, schloss Henni nachdenklich.

Diese Frage stellte sich Tara selbst gelegentlich, eine Antwort hatte sie allerdings nicht parat. Keine, die genügen konnte.

Zu ihrer Verwunderung meldete sich Mathias zu Wort, der offenbar zugehört hatte.

„Aber Papa, dann würde ich doch immer fünf bleiben und nie groß werden. Darum muss das Leben so sein.“

Tara lächelte ihren Sohn warm an und kämpfte gleichzeitig mit Tränen der Rührung.

„Da hast du so recht, mein Schatz.“

Groß werden, über sich selbst hinauswachsen, ja, das war das Geschenk des fortschreitenden Lebens.

 

 

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Verzwickte Standorte

Hennis Bruder Timo stand überraschend vor der Tür und nach einem schnellen Gruß wollte er auch schon wissen, ob Henni daheim sei. Tara musste ihn auf später verströsten, denn heute stand das wichtige Gespräch in Bezug auf das weitere Arbeitsverhältnis an.

Timo entschied sich zu warten.

„Ich weiß aber nicht, wie lange es dauern wird. Diese Tage kommt er sehr unregelmäßig nach Hause, manchmal erst spät in der Nacht“, erklärte Tara.

Ohne ein Wort über seine Gründe blieb Timo, bis die Kinder zu Bett gebracht werden mussten. Als sie nur noch zu zweit im Wohnzimmer saßen, schien seine Geduld aber plötzlich am Ende.

Er könne nicht ewig bleiben, meinte er noch, dann endlich sprach er aus, was ihm auf der Seele lag.

„Ich habe mich verliebt.“

Tara meinte, sich verhört zu haben. Zu Hause warteten eine Frau und ein Kleinkind auf Timo.

„Es ist nichts passiert“, beschwichtigte er sofort. „Aber, Tara, hast du schon einmal von einem Seitensprung geträumt?“

„Nein“, antwortete Tara langgezogen.

Timo verzog das Gesicht.

„Das habe ich schon befürchtet. Bei Henni wird das nicht anders sein, oder?“

„Ich glaube nicht.“

„Kein Mensch versteht mich!“ Verzweifelt warf er die Hände in die Luft.

Sie versuchte ihn am Reden zu halten, denn offenbar belastete ihn das Thema sehr.

„Seit wann läuft das schon so?“

„Es läuft ja nichts. Das ist alles so… kompliziert. Und sie…“

„Ja?“

„Sie ist auch verheiratet, hat Kinder, das volle Programm eben.“

Draußen hörten sie, wie sich die Wohnungstüre leise öffnete. Wortlos warteten sie, bis Henni sie gefunden hatte. Beim Anblick des Bruders zog er seine Stirn kraus und schaute nach einer Antwort suchend von einem zum anderen.

„Ich fürchte, da kann Henni auch nicht helfen“, seufzte Tara.

Ihr Mann setzte sich neben sie und vergaß trotz der ungewohnten Umstände nicht, ihr einen Begrüßungskuss zu geben.

„Was ist los?“

„Ich brauche einen Bruder“, gab Timo betreten zu.

Er sah wie ein begossener Pudel aus, der zu seinem Herrchen gekrochen kam. Tara fragte sich, was er von Henni erwartete. Absolution? Verständnis? Eine Lösung? Ein klares Wort, das ihn zu seiner Familie zurückbrachte?

Bislang waren sie nicht über die bereits bekannten Fakten hinaus gekommen und Henni hatte sein Erstaunen vor allem durch Fragen kundgetan, als sich Timo mit einem Mal wieder an Tara wandte.

„Macht es dir etwas aus, wenn wir das unter vier Augen besprechen?“

Das tat es natürlich nicht und Tara erhob sich sofort. In Ermangelung einer anderen Idee begab sie sich direkt zu Bett. Allerdings war sie noch nicht wirklich müde und so lag sie mit offenen Augen da und blickte an die Decke. Dieser dumme Stein, den m_wie_wunder erwähnt hatte, schien plötzlich ständig über ihr zu schweben und sie wusste nicht, wie sie dem entkommen konnte. Gab es auch über Timos Kopf eine solche Bedrohung? Was bitte konnte man tun, wenn der Brocken einfach erschien? Tara pustete der Decke entgegen, wollte ihn wegblasen. Sie seufzte. Es war so leicht von Wundern zu sprechen und an sie zu glauben, wenn man nicht von einem abhängig war.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sich Timo auf den Heimweg machte und Henni wenig später zu ihr kam.

„Und?“

„Was soll ich schon tun?“, sprach Henni, während er sein Hemd auszog. „Timo ist eben Timo. Immer, wenn alles idiotensicher ausschaut, fällt ihm etwas ein, damit es kompliziert oder aufregend wird.“

Tara erinnerte sich an Kindheitsgeschichten, an all die Streiche, die Timo ausgeheckt hatte.

„Und deswegen magst du ihn auch.“

„Deswegen und trotzdem“, murmelte Henni.

Sie wartete, bis er im Bett lag.

„Was hast du ihm geraten?“

„Dass er vor jedem Schritt, den er im Kopf hat, drei Nächte darüber schlafen soll.“

Dieses Vorgehen war sein Allheilmittel für jedes Problem und sie liebte ihn dafür. Henni behielt seine Beine stets am Boden und wenn er einmal eine dumme Entscheidung getroffen hatte, dann konnte er zumindest behaupten, er habe es ganz bewusst und nach sorgfältiger Überlegung getan. In einem Fall hatte Tara bezüglich dieser goldenen Regel aber ihre Zweifel.

„Als du gekündigt hast, hast du dich selbst nicht daran gehalten. Habe ich recht?“

Nur zu deutlich war ihr bewusst, weswegen Henni heute erst spät nach Hause gekommen war und das interessierte sie im Grunde viel mehr, als das verzwickte Liebesleben des Schwagers.

Henni drehte sich auf den Bauch und stützte den Kopf in seine Hände.

„Drei Tage würden da nicht reichen. Ich hätte ganz gerne einen Pausenknopf.“

Sie lag da und wartete, bis er den Kopf wandte und sie anblickte.

„Wir haben vereinbart“, berichtete er nun, „dass ich weitermache, allerdings eine Homeoffice einrichte. Nach eigenem Ermessen und je nach dem, was für Arbeiten anstehen, kann ich so von hier aus meine Sachen erledigen.“

„Du weißt, dass sie meinen, du seist krank?“

„Das ist mir egal.“

„Unser Leben wird so sehr durcheinandergewirbelt“, dachte Tara und hätte gerne alles Mögliche getan, um diesen Platz unter dem Stein gemeinsam mit Henni zu verlassen.

Seine Gedanken kannte sie nicht, doch auch er hielt ihren Blick fest, saugte ihn auf und beschenkte sie gleichzeitig mit seinem warmen Blau. Er legte die Stirn auf ihre und so blieben sie eine Weile, atmend und die Nähe des anderen aufnehmend.

Irgendwann legte sich Henni bequem neben sie und hielt sie in seinen Armen, bis sie einschliefen.

 

 

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Hennis Affäre

„Mein Dornröschen, ich habe Frühstück mitgebracht“, flüsterte Henni ganz nah an Taras Ohr.

Er lockte sie damit aus dem Schlaf, weshalb sie auch einige Sekunden brauchte, um festzustellen, dass etwas nicht stimmte. Henni hing mittlerweile suchend über der Kommode, es wurde schon hell im Zimmer und sie hätte schwören können, dass es ein normaler Wochentag sei.

„Warum bist du hier? Wo“, sie richtete sich abrupt auf, was ein kurzes Stechen in ihrer Seite auslöste, „wo sind die Jungs? Sie müssen aufstehen.“

Henni beruhigte sie lächelnd. Er habe sich bereits um alles gekümmert. Die drei Kleinen seinen auf Schule, Kindergarten und Spielgruppe verteilt worden, auf dem Rückweg hatte er in der Bäckerei ein Frühstück für sie beide eingekauft.

„Aber warum bist du hier?“, setzte sie noch einmal an und stand endlich auf.

„Na, hör mal. Gestern bin ich bis spät in den Abend gesessen. Ich habe mir einen freien Vormittag verdient.“

Tara ging zu ihm hin und schlang den Arm um seine Hüfte. Nach einem Morgenkuss an ihre Schläfe machte er mit seiner Suche weiter.

„Weißt du, wo meine Tennisshorts geblieben sind?“, wollte er aber bald von ihr wissen.

Es stellte sich heraus, dass Joel genau heute damit beginnen wollte, ein sportlicheres Leben zu führen. Zu Mittag waren die Männer deswegen zum Squash verabredet. Henni hatte als Kind viel und später noch gelegentlich Tennis gespielt, bei Joel gab es, so viel Tara wusste, keinerlei sportliche Vorerfahrungen.

„Das wird ein ungleiches Spiel“, kommentierte sie und zog das verloren geglaubte Kleidungsstück aus dem Schrank.

„Ich werde nett zu ihm sein“, versprach Henni mit einem Lächeln, das auch sie in eine Squash-Box gelockt hätte.

Dieser Mann hatte einfach Charme, überlegte sie gutgelaunt und verschwand im Badezimmer.

Das Frühstück hätte fast an längst vergangene Zeiten erinnern können, als sie noch zu zweit gewesen waren und jeden Sonntag auf diese Weise zelebriert hatten. Nur drehte sich ein guter Teil der Unterhaltung heute um die Söhne. Tara störte sich nicht daran.

Am Abend war Henni wider Erwarten pünktlich zum Essen zu Hause. Erneut betonte er, dass ein großer Auftrag zu Ende sei und er es sich leisten konnte, einige der Überstunden gleich heute abzubauen.

Im Flur stand die Sporttasche, mit der er zu Mittag beschwingt aus der Türe getreten war. Während Henni mit Jonas und Mathias den Tisch deckte, wollte sie die verschwitzten Kleider noch rasch in die Waschmaschine werfen. Zu ihrer Überraschung lagen die Sachen aber fein säuberlich und eindeutig ungebraucht in der Tasche.

„Henni?“ Mit dem zusammengelegten T-Shirt begab sie sich in die Küche. „Sag mal, wie war das Training heute?“

Er sah kurz auf, bevor er damit weitermachte, an jedem Platz Messer und Gabel umzulegen, weil ein Kind es verkehrt herum gemacht hatte.

„Tja, jetzt muss ich es wohl zugeben. Ich habe eine Affäre. Squash war nur die Ausrede.“

Unwillkürlich grinste sie über die offensichtliche Lüge.

„So, so. Eine Affäre.“

„Nichts Ernstes. Es geht nur um den Spaßfaktor.“

Mit einem gespielt schockierten Gesicht ging Tara auf ihn zu.

„Um den Spaßfaktor?“

Tara winkte alle drei Buben zu sich, ging in die Hocke und teilte ihnen ihren Plan mit. Wie zu erwarten begann Benjamin vor Aufregung unkontrolliert auf und ab zu hüpfen.

„Für den Spaßfaktor, mein lieber Henni, brauchst du keine Affäre. Den kannst du auch von uns bekommen.“

Zu viert stürzten sie sich auf Henni und begannen ihn zu kitzeln, wo sie gerade konnten. Natürlich wehrte er sich nach Möglichkeit mit derselben Waffe, wofür vor allem Benjamin und Tara selbst anfällig waren.

Sie lagen bereits alle in einem wilden Klüngel am Boden, als Taras linke Schulter meldete, es sei genug. Ihr Lachen erstarb reflexartig, doch sie bemühte sich gleich darauf schon um einen neutralen Gesichtsausdruck. Um Vorsicht in ihren Bewegungen bedacht, bewegte sie sich ein wenig von den anderen weg, doch Jonas stürzte sich sofort auf sie.

„Ist gut, Jonas“, sagte sie und hob abwehrend die Hände. „Ich brauche eine Pause.“

Ganz ins Spiel vertieft, galt diese Ausrede nicht und er holte erneut aus, als Hennis rettende Hände aus dem Nichts kamen und den Buben hochhoben.

„Es ist Zeit für die Raubtierfütterung“, verkündete er und beendete damit das Durcheinander.

Gerne ergriff Tara seine Hand, um sich hochziehen zu lassen. Zart aber fest umarmte er sie und drückte ihr einen warmen Kuss auf die Lippen. Sie ahnte, dass er ihr Zurückzucken bemerkt hatte.

„Du immer mit deinen Affären“, schalt sie ihn sanft und streichelte seine Schläfen.

„Meine Affäre und ich saßen vor den vollbesetzten Hallen, tranken etwas und gingen dann zur Arbeit“, murmelte Henni.

Benjamin beendete den innigen Moment, indem er sich mit vollem Gewicht gegen Hennis Bein warf und seinerseits Streicheleinheiten von seinem erklärten besten Freund einforderte.

Zu den anderen Tara-Teilen

 

 

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