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Zweckdienliche Hinweise erbeten

Christoph ist verschwunden.

Das sagten sie zu mir und ich stand auf einer derart langen Leitung, dass ich die blassen Gesichter und roten Augen nicht bemerkte. Wo, fragten sie mich. Wann? Ging es ihm gut? Wo wollte er hin?
Völlig unverblümt erzählte ich von unserer letzten Begegnung.
Auf die nachfolgende Lawine war ich nicht gefasst. Eine Lawine an Fragen. Unzählige Menschen meldeten sich bei mir. Persönlich, am Telefon, auf jede erdenkliche, technische Art und Weise.

Diesem Ansturm kann ich nicht länger standhalten. Tausend Mal habe ich berichtet, hier nun das letzte Mal:

Ich traf Christoph im Zug nach Wien. Er spazierte den Gang entlang, ich sprach ihn an, er lächelte, antwortete und setzte sich zu mir.
Nach etwas Geplauder verstummten wir beide.
Irgendwann fiel mir auf, wie er so ganz und gar gedankenverloren aus dem Fenster in die Nacht hinausblickte.
Ja, ich weiß, das soll man als Frau keinen Mann fragen, doch ich tat es trotzdem: Woran denkst du?
Müde doch freundlich wandte er sich mir zu: Manchmal wird alles um einen herum so dunkelschwarz, dass man dem einzigen Licht, das man sieht, und sei es noch so absurd und unerklärlich, einfach folgen muss.

Alle, die weitere Hinweise zu Christoph geben können, werden gebeten, das zu tun. Sei es ein Wort, das er auf eine Serviette gekritzelt hat oder eine Bananenschale, die er irgendwo in den Mülleimer geworfen hat.

Liebe Jutta, ich hoffe, es geht ihm gut und er taucht bald wieder auf.

 

 

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