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Loslassgeschichtenlawinen – Teil 3

Dieses Projekt  wurde gemeinsam von Frau Knobloch und Ben Fröhlich gestartet.

Wer immer will, darf weiterschreiben, ich bitte nur um eine kurze Information dazu, damit ich die Suche beenden kann.

Natürlich kann und darf man nachlesen Teil 1 (bei Käthen) und Teil 2 (entgegengesetzt vom Osten). Doch so ein Weiterschreiben soll nicht davon abhängen, ob man sich die Gesamtheit einverleibt hat. Also:
Emanzipationen davon – das sage ich ganz frech und frei – sind erlaubt, auch in Zusammenhängen, Art und Länge darf Kreativität walten. Schreibt einfach genau hier weiter. So wie bei den Spielen auf Papier, bei denen der letzte Teil immer umgeknickt wird.

Für Hintergrundinteressierte: Beginn, Beschreibung, und Geschichtensammelpunkt liegt in der Blogwelt von Ben Fröhlich.

 

Unelegant zwischen Draußen und Drinnen hängend, erwachte hinter Paula der schlafende Krawattenständer. Erst mit einem tiefen Murren, dann ein Schmatzen und schließlich hörte sie ein haariges Kratzen. Sie presste die Augen zusammen und versuchte die spontanen Assoziationen zu verdrängen.

Im nächsten Moment musste der Fremde endlich zu Sinnen gekommen sein.

Aufgeregte Bewegungen brachten auch sie dazu, endlich vollständig aus dem Auto auszusteigen und sich umzudrehen.

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie der Unbekannte an.

„Wer sind Sie?“, rief er unfreundlich.

„Paula“, antwortete Paula automatisch. „Und du?“

Anstatt die Vorstellungsrunde abzuschließen, wurde sich der Mann seiner Nacktheit bewusst und schlug reflexartig die Hände über seinem Schritt zusammen. Es gab ein klatschendes Geräusch und er schrak über die eigene Heftigkeit auf.

„Sie sind nicht meine Frau!“, bemerkte er überflüssigerweise. Wenn das mal nicht klar war.

Ohne nachzudenken suchte Paula nach einem Ehering und blickte daher auf die schützend übereinandergelegten Hände. Beim Gedanken an das, was sie noch Minuten vorher ganz ungeniert betrachtet hatte, stieg eine leichte Röte in ihrem Gesicht auf.

„Oh, Scheiße!“, schimpfte der Kerl nun und wusste nicht mehr, was ihm wichtiger war. Irgendetwas vor ihr zu verstecken oder sich über den offenbar fehlenden Ehering aufzuregen.

Ihm zuliebe wandte sich Paula vom unschönen Schauspiel ab. Er konnte ihr also auch nicht weiterhelfen, war, wenn sie das recht einschätzte, sogar noch mehr durcheinander, als sie.

Da standen sie also. Einander so fremd wie der Umgebung, der Weg hierher noch unfassbar.

Paula setzte sich ins Gras und blickte in die Ferne. Hinter ihr vernahm sie das Schlagen von Autotüren, doch nach einer Weile hörte auch das auf.

Noch mehr Zeit verging, da tauchte der Mann plötzlich neben ihr auf. Er blickte zu ihr hinunter, sie blinzelte gegen das Sonnenlicht hinauf. Seine Scham hatte er abgelegt, er wirkte auf verwirrte Weise selbstsicher.

Er sank unmittelbar neben ihr zu Boden.

„Tut mir leid, ich finde keine Klamotten.“

Sie nickte und blickte wieder geradeaus.

„Ich heiße Peter.“

„Hi.“

„Können wir“, er räusperte sich, „können wir zurückfahren?“

 

Die Fortsetzung liegt bereits in treuen Händen. Teil vier von Silvia

Schwarzer Peter

Der Schwarze Peter wandert weiter…

 

 

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Das glaubst du nicht

„Willkommen in meiner Droschke“, lachte die Taxifahrerin und ich runzelte die Stirn.

Droschke? Gehörte so etwas nicht nach Indien? Genau wie Tanbura und der Versuch, mit dem Universum in Gleichklang zu kommen?

Bevor ich mich setzen konnte, entfernte ich den leeren Bembel vom Sitz. Nun, die Verbundenheit zum Geistigen zeigte sich bei der nicht nur freundlichen, sondern auch angeheiterten Lenkerin wohl auf andere Weise.

Mein Herzschlag setzte eine Sekunde lang aus, als ich das Post-it mit dem Wort „LÄCHELN“ entdeckte? Konnte es sein? Sie? Hier? Tüpfleschiesser?

Ich schüttelte den Kopf. Bei aller Hingabe zum Magischen – das war unmöglich!

„Sagen Sie mal irgendein Wort!“, lockte mich die Nicht-Tüpfleschiesserin aus meinem zwanghaften nicht Wahrhabenwollen.

Meinen Blick auf die Regentropfen am Fenster geheftet, murmelte ich: „Wasserbild“.

Sie war begeistert: „Ha! Das ist gut. Das merke ich mir. Und eine Fee kommt dazu. Weil Weihnachten und so.“

Schreibspiel mit zehn Worten

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Hoffnung in Promille

Das Irrlicht flackerte und warf Schatten an die Wand, wie es sonst nur im Tannenwald des alten Rübezahls zu sehen war. – Es war so schön besoffen und mit sich alleine zu sein.
Weil sie nur eine Hand voll Johannisbeeren gegessen hatte, lag sie mit einem respektablen Eierlikördusel auf dem Bett und lachte bald bei jedem Versuch, den Begriff schnabelnasig auszusprechen. Schnabelschnasig, Kabelschasig, nabelnasig murmelte sie postirrlichtverträumt vor sich hin und amüsierte sich zwischen den Worten über ihre unkontrollierbare Zunge.
Ihr ganzes Leben war zu einer schlechten Varietéshow geworden. Selbst kleinwüchsig, hatte sie es in vierzig Jahren zu kaum mehr gebracht, als einem unattraktiven Mann, der wie ein Holzfäller schnarchte.
Seit ihr das bewusst geworden war, trank sie jeden Samstag, legte sich aufs Bett und wartete auf ein Weihnachtswunder.
So lustig wie heute war das bislang noch nie gewesen.
Sie hatte Hoffnung.

 

Danke, westendstorie, für die Einladung

 

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Zweckdienliche Hinweise erbeten

Christoph ist verschwunden.

Das sagten sie zu mir und ich stand auf einer derart langen Leitung, dass ich die blassen Gesichter und roten Augen nicht bemerkte. Wo, fragten sie mich. Wann? Ging es ihm gut? Wo wollte er hin?
Völlig unverblümt erzählte ich von unserer letzten Begegnung.
Auf die nachfolgende Lawine war ich nicht gefasst. Eine Lawine an Fragen. Unzählige Menschen meldeten sich bei mir. Persönlich, am Telefon, auf jede erdenkliche, technische Art und Weise.

Diesem Ansturm kann ich nicht länger standhalten. Tausend Mal habe ich berichtet, hier nun das letzte Mal:

Ich traf Christoph im Zug nach Wien. Er spazierte den Gang entlang, ich sprach ihn an, er lächelte, antwortete und setzte sich zu mir.
Nach etwas Geplauder verstummten wir beide.
Irgendwann fiel mir auf, wie er so ganz und gar gedankenverloren aus dem Fenster in die Nacht hinausblickte.
Ja, ich weiß, das soll man als Frau keinen Mann fragen, doch ich tat es trotzdem: Woran denkst du?
Müde doch freundlich wandte er sich mir zu: Manchmal wird alles um einen herum so dunkelschwarz, dass man dem einzigen Licht, das man sieht, und sei es noch so absurd und unerklärlich, einfach folgen muss.

Alle, die weitere Hinweise zu Christoph geben können, werden gebeten, das zu tun. Sei es ein Wort, das er auf eine Serviette gekritzelt hat oder eine Bananenschale, die er irgendwo in den Mülleimer geworfen hat.

Liebe Jutta, ich hoffe, es geht ihm gut und er taucht bald wieder auf.

 

 

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Glück ist ein Wort

„Sie spenden Blut?“, fragte die junge Frau.
Er fand das blöde, denn alle Menschen hier kamen nur, um an der Aktion teilzunehmen.
„Danach bitte viel trinken und vor Inbetriebnahme eines Fahrzeugs eine Stunde warten“, plauderte sie weiter, ohne aufzusehen.
„Ich bin mit dem Fahrrad hier“, gab er unmotiviert zurück.
Er bekam eine Nummer auf seinen Anmeldebogen gedruckt und wanderte in der Schlange weiter. Wie immer war die Männerquote deutlich höher, als der Frauenanteil. Sein Freund, der Arzt, sagte – und das war ein Zitat: „Frauen sind dafür nicht gemacht.“
Anja war ganz und gar nicht mit dieser Aussage einverstanden, doch heute war sie zu Hause bei der kleinen Tochter geblieben.
Während die Ärztin sichtlich unwohl ob seiner dicht behaarten Arme eine Stelle zum Einstechen suchte, konnte er ein Lächeln auf seinem Gesicht fühlen. Erst heute Morgen hatte die Kleine mit ihren feinen, warmen Fingern durch sein Rückenhaar gekämmt und erklärt, sie würde einen Garten jäten.
Diese beiden Frauen hatten sein Leben verändert. Einst hatte er wie im Wahn versucht, jedes behaarte Körperteil zu verstecken, weil er die angewiderten Reaktionen und das Lachen nicht aushalten konnte. Heute trug er selbstbewusst T-Shirts und seine Tochter oben ohne auf den Schultern über den Strand.
Die Liebe der beiden hatte ihn erlöst und während das Blut aus seinen Venen pumpte, übersah er die Blicke der anderen und hielt im Stillen für sich fest, dass er danach nicht vergessen durfte, das Katzenfutter zu kaufen.
Katzenfutter, ja, das war der Inbegriff für sein Glück geworden.

 

Zehnwortgeschichte mit einer unbewussten Abwandlung, die ich dann doch stehen ließ.

 

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Zum Schreiben eingeladen

Diese Woche lasse ich mich von westendstorie und zolaski zum Schreiben verführen.

10 Worte und 15 Minuten – hier meine spontane Antwort darauf:


 

Also, ich erkläre dir, wie das mit den zehn Worten funktioniert. Hier, das ist die Liste.

Mittag

Radio

mysteriös

ausnahmsweise

Federkleid

Loch

Fingernagel

Katzenhaar

abrupt

Tiefschlag

Wie soll denn das gehen?

Na, du bastelst und schreibst: „Am Mittagstisch sitzen Mutter, Vater und Kind, schweigsam wird das Osso Bucco gegessen, während das Radio verkündet, dass Laurie Anderson in ihrem Zweitwohnsitz in Wien ums Leben gekommen ist. Mysteriöse Umstände seien noch aufzuklären.“

So einfach alles zusammenmixen?

Ja.

Und für dich selbst Oralfreuden auftischen?

Ich habe Hunger und musste gerade daran denken. Weiß ja keiner.

Und weiter? Wie bringst du ausnahmsweise unter?

In etwa so: „Im Gedenken an die großartige Künstlerin wird ausnahmsweise zum Nachtisch ein Glas Schaumwein von Rittberger genossen.“

Du meinst Schlumberger.

Was?

Die Sektsorte, die du meinst, nennt sich Schlumberger.

Ah. Auch gut. Für Recherchen habe ich bei fünfzehn Minuten keine Zeit.

Und das alles, nur um dich danach für dieses Gefasel bebauchpinseln zu lassen?

Es geht doch um Spaß, ums Ausprobieren. Es ist ein Spiel.

Na dann, noch viel Freude damit. Mir bleibt der Sinn verschlossen.

So ein Reinfall.

Was? Das Wetter?

Nicht Rheinfall! Es war ein Reinfall, dir das näher bringen zu wollen.

Stimmt. Ich hau dann mal ab.

Nimm den Hinterausgang. Ich hab den Schlüssel für die Haustüre verlegt.

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Schreibspiel

Westendstorie sammelt wieder Geschichten, rocknroulette gibt zehn Begriffe vor.

Ich gestehe, auf die Uhr habe ich dieses Mal nicht ganz so genau geachtet. Der Funfaktor hat dadurch ein wenig abgenommen. Nächstes Mal wieder anders.

Aber sei es drum.

Dieses Mal: Wortdesaster (sogar ein Titel hat sich beim Copy-Paste noch ergeben)

Seit fünf Minuten schob sie tief in Gedanken versunken den Einkaufwagen durch den Supermarkt. Als er die Hoffnung aufgab, dass sie von selbst wieder zurückkommen würde, fragte er nach.

„Ich suche dieses eine Wort“, murmelte sie, noch immer fern. „Das von letzthin. Das Parkettabschneideranddings.“ Hoffnungsvoll blickte sie auf, er war ihre Rettung.

Er grinste siegesgewiss. Um den Begriff der Tapetenabschlusskante ging es ihr. Warum sie es sich selbst so schwer machte, wollte er nicht diskutieren.

„Darum herze ich dich!“, lachte sie erleichtert. „Weil du mein Gehirn verstehst.“

„Ich liebe dich auch“, gab er ebenso fröhlich zurück.

Von hinten wurde er im nächsten Moment angerempelt. Ein Jugendlicher stieß ihn gegen das CD-Regal, welches bedenklich wankte.

„Aufpassen, Junge!“

Der Jugendliche mit Kapuze auf dem Kopf und tief in den Säcken vergrabenen Händen zog daraufhin unwillig die Earpods aus seinen Ohren.

„Sorry. Ich höre Greenday.“ Das sollte wohl alles erklären.

„Hier!“, ohne hinzusehen drückte er ihm eine CD aus dem Ständer an die Brust. „Hör was Gescheites.“

Sie wunderte sich, dass er ihm Ramona, die Schlagersängerin, empfahl und der Vorfall war längst vergessen, als er noch lachend darauf bestand, dass es sich um die Ramones gehandelt habe.

Auf der Einkaufsliste war schließlich das Wichtigste abgehakt.

„Was noch?“

„Burschenkekse.“

Eine Prinzenrolle wurde eingesammelt.

„Und Bauernkaramellen.“

Er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurde sie ungeduldig und schlug sich mit den Handballen gegen die Schläfen. Derweil dachte er nach. Ihre Reaktion sagte ihm, dass es ein neues Worträtsel war, eines, das einen etwas größeren Radius erforderte. Das war zu schaffen, dessen war er sich sicher und als sie dann noch den Urlaub erwähnte, hatte er des Rätsels Lösung.

Älpler Schokolade!“ Das war eine gar nicht süße Besonderheit, doch es war nahe am Eigentlichen, der Alpenmilch Schokolade.

Zuhause überließ er ihr die Einkäufe, derweil der die Kaffeetassen vom Morgen in die Spüle räumte.

Dann schnappte er sich den Wäschekorb und verschwand im Garten. Sobald er sicher gehen konnte, dass sie ihn nicht mehr sah, stellte er den Korb am Boden unter der Wäscheleine ab und tauchte unter dem Geschirrtuch durch, das aufgrund der schwarzweißen Streifen Zebrafell von ihr genannt wurde.

Hinter dem Schuppen wartete sie wie vereinbart. Energisch schloss er sie in seine Arme und küsste sie. Das Geheimnis machte alles viel intensiver.

Plötzlich entfuhr ihr ein unkontrolliert lauter Schrei und sie warf die Hände an ihren Kopf.

„Was war das?“

Er sah sich um.

„Ein Nussnager“, sagte er schlicht und ließ sie nicht aus den Augen. „Ein Eichhörnchen. Es ist beinahe zahm und hat wohl einen Abstecher gemacht, um zu sehen, ob es heute etwas zu futtern gibt.“

„Nussnager“, wiederholte sie langsam.

„Ja“, hielt er feierlich fest.

„Und“, sie sah sich um und deutete auf die sonnengebleichten Gummistiefel, die neben dem Schuppen standen, „wie nennst du die?“

„Regenschuhe.“

Vom Haus her wurde sein Name gerufen. Nicht sein wirklicher Name, er hieß Werner, aber mit Walter war definitiv er gemeint.

Er sah hinüber, dann zu seiner Freundin.

„Ich möchte dir jemanden vorstellen. Bist du bereit ab heute Frederike, Magdalena, Patricia oder Marianna zu heißen?“

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