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Ich hätte gern von anderen, was ich brauche…

Da werden einmal Räder angehalten, die als unanhaltbar angesehen wurden; Zeit wäre als Geschenk für viele (beileibe nicht alle) derzeit greifbar.

Und was machen wir?

Wir suchen neue Schwungräder und schieben und ziehen, um nur ja nicht das Gefühl zu verlieren, dass vierundzwanzig Stunden für einen Tag zu wenig sind.

Noch nie habe ich so viele Nachrichten/Videos/Audiofiles innerhalb einer Woche geschickt bekommen. Nicht nur eine WhatsApp-Gruppe sieht von ihrem ursprünglichen Verbindungsgrund ab und ich bekomme von bekannten und unbekannten Menschen Dinge geteilt, die dafür reichen, fünfzig Personen mit je einer eigenen Ansicht auszustatten.

Mir ist das zu viel. Ich merke, dass ich mich tatsächlich auf diese Extraportion Ausnahmezustand à la Zeitfüretwas,wassonstimAlltaguntergeht, gefreut habe.

Und ich frage mich: Warum gefreut habe? Warum brauche ich überhaupt einen äußeren Grund dafür?

Offenbar hege ich das Bedürfnis, gewissen Dingen und Handlungen weniger (oder mehr – je nach Perspektive) Raum zu geben. Also mache ich das. Und die Verantwortung liegt prächtiger Weise (auch das ist Ansichtssache 😉 ) in meiner Hand.

Und so fordere ich nicht von anderen oder irgendwelchen universellen Kräften, was ich brauche, sondern ich handle so, wie es mir entspricht. Schließlich wird Selbstverantwortung schon immer groß geschrieben.

 

 

 

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Weiter, immer weiter

Die Autofahrt zu den Schwiegereltern war lang und zermürbend. Offenbar hatten die drei Buben beschlossen, dass sie sich heute in keiner Kleinigkeit einig sein wollten und das wurde lautstark kundgetan. Schimpfen und bitten seitens der Eltern half alles nichts und so stiegen am Ziel fünf mehr und weniger schlecht gelaunte Menschen aus dem Wagen.

Mit ein paar raschen Handgriffen ordnete Tara Haare und Hemdkrägen, dann wurde die Türe geöffnet und sie konnte nur noch hoffen, dass es nicht den ganzen Abend so weitergehen würde.

Anlass für den Besuch war die gewonnene Bürgermeisterwahl von Hennis Vater. Seit zwei Monaten war er bereits im Amt und nach dem Weihnachtstrubel und den ganzen Feiertagen war nun die Familie an der Reihe, diese Tatsache im engen Kreis zu feiern.

Die Kleinen zwei warfen ihre Schuhe und Jacken von sich und stürmten davon, Jonas hingegen hielt sich auffallend still neben Henni. Vermutlich hatte er beschlossen, dass der Abend für ihn schon gelaufen war. Tara streichelte ihm zärtlich über den Rücken, doch er schüttelte sie ab und begab sich ins Esszimmer, wo die anderen Gäste Platz genommen hatten.

Unauffällig schielte Tara über ihren Kopf. Mit der ganzen Streiterei und Wüterei hatte sie ihren Schwebe-Stein eine Weile lang vergessen, sobald sie aber nur eine Sekunde lang nach ihm spürte, wusste sie augenblicklich, dass er noch hier war. Das ganze Jubel- und Trubel-Zeugs lenkte davon ab, mehr aber nicht. Sie zog die Nase kraus. Nur weil man ihn mit Alltag übertünchte, bequemte sich dieser Begleiter also nicht, das Weite zu suchen.
Nicht nur, dass die sich von dem Stein verfolgt fühlte, noch mehr wünschte sie sich m_wie_wunder weg, die sie eigentlich und noch viel mehr vergessen hatte wollen. Mit ihr war dieses drückende Gebilde in ihrer Imagination überhaupt erst aufgetaucht. Die Schuldfrage war somit geklärt, das Problem aber noch existent.

Mit diesen Überlegungen und einem leisen Stöhnen ließ sich Tara auf dem Stuhl neben Henni nieder. Seinen fragenden Blick beantwortete sie sofort.

„Alles nervt“, flüsterte sie. Er sollte nicht befürchten, dass sie sich mit körperlichen Schmerzen herumplagte.

Tatsächlich lächelte er sie daraufhin kurz an und zwinkerte ihr zu. Unglaublicher Weise half das, ihre Stimmung ein kleines Bisschen zu heben.

Ein bleibender Zustand wurde das allerdings nicht und auch Henni verlor während des Hauptgangs die Geduld. Er stand auf und forderte Jonas nachhaltig dazu auf, mit ihm nach draußen zu kommen. Zuerst sträubte sich der Junge, doch weil der Papa gar so konsequent blieb, trottete er schließlich unter Tränen vor Henni in die Küche. Während dort also ein ernstes Vater-Sohn-Gespräch stattfand, beruhigten sich auch die anderen anwesenden Kinder langsam. Mathias saß bei seiner Oma auf dem Schoß und erzählte bunte Lügen seines Kindergartenalltages, Benjamin wurde damit abgelenkt, dass das Püree zu einem Soßenteich umfunktioniert wurde. Die anderen drei Kinder waren von vorneherein weniger von dem Drang durchzudrehen betroffen gewesen und setzten das Essen fort.

Als Henni und Jonas zurückkamen, verging genau so viel Zeit, dass Henni einen Bissen zu sich nehmen konnte, dann platzte Mathias heraus: „Mein Papa hat eine Affäre.“

Augenblicklich war es mucksmäuschenstill am Tisch. Hustend beugte sich Henni über seinen Teller und Tara klopfte ihm helfend auf den Rücken.

Timos Blick war mehr als fragend, er schien irritiert, dass er nach seiner Aussprache mit dem Bruder auf diesem Weg erfahren sollte, dass Henni ganz persönlich sein Dilemma kannte und nichts davon erwähnt hatte.

„Nein“, lachte Tara und auch ihr Mann schüttelte immer noch hustend den Kopf.

Kindern und Erwachsenen konnte das Missverständnis relativ rasch erklärt werden. Ein Scherz stand dahinter, ein Missverständnis und niemand schien ernsthaft zu glauben, dass Derartiges in der Familie vorkommen könnte. Nur Timo blieb skeptisch. Für ihn war wohl alles im Bereich des Möglichen, nach dem, was er selbst gerade durchmachte.

Auf dem Nachhauseweg herrschte im Auto großes Schweigen. Jonas war, müde von seiner unbestimmten Wut, eingeschlafen, genauso wie Benjamin, dem der Abend einfach nur zu lange gedauert hatte. Mathias blickte ins Nichts, schien mit offenen Augen zu träumen und die Erwachsenen hingen ihren Gedanken nach.

„Ich frage mich, warum bei uns gerade alles so durcheinander gerät“, sprach Henni unvermittelt.

Nun erfuhr Tara, dass neben Timos Beziehungsproblemen auch die Schwester Maren zu kämpfen hatte. Die Firma ihres Mannes war gerade aufgekauft worden und die Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners stand praktisch vor der Tür. Dass Henni als dritter in der Geschwisterreihe sich damit auseinandersetzen musste, bald alleinerziehender Vater und Wittwer zu sein, brauchte er nicht extra zu erwähnen.

„Kann nicht alles einfach so bleiben wie es war? Warum muss sich alles ändern?“, schloss Henni nachdenklich.

Diese Frage stellte sich Tara selbst gelegentlich, eine Antwort hatte sie allerdings nicht parat. Keine, die genügen konnte.

Zu ihrer Verwunderung meldete sich Mathias zu Wort, der offenbar zugehört hatte.

„Aber Papa, dann würde ich doch immer fünf bleiben und nie groß werden. Darum muss das Leben so sein.“

Tara lächelte ihren Sohn warm an und kämpfte gleichzeitig mit Tränen der Rührung.

„Da hast du so recht, mein Schatz.“

Groß werden, über sich selbst hinauswachsen, ja, das war das Geschenk des fortschreitenden Lebens.

 

 

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Tempowechsel

Folge 16

Liliane wartete vor der Spielgruppe bis Tara Benjamin übergeben hatte.

„Was ist los mit dir? Du bist in letzter Zeit so eigenartig“, ging sie gleich in medias res.

Dass die Unerreichbarkeit aufgrund des entsorgten Handys auf einen Neujahrsvorsatz zurückging, schien verständlich, wurde von der Freundin aber als hinterwäldlerischer Nonsens bewertet.

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wenn du Entschleunigung suchst oder auf Retro machen willst, dann kannst du statt Mails Postkarten schreiben, hingegen ein Telefon aufzugeben ist zu extrem. Hast du schon die Ladestationen mit Wählscheibe gesehen? Leg dir von mir aus so etwas zu, aber erklär mir einmal, wie wir uns verabreden sollen, wenn du ein Anti-Technik-Freak wirst, ohne uns Bescheid zu geben?“

Die Empörung der Freundin prallte an Tara ab.

„Das kommende Wochenende ist sowieso schon längst geplant. Ich weiß nicht, was es da noch Wichtiges telefonisch zu besprechen gegeben hätte, was hier vor dem Kindergarten nicht möglich ist.“

Lilianes Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

„Ich frage dich das nur ein einziges Mal. Habt ihr Probleme? Du und Henni? Was ist los?“

„Henni und mir geht es prima“, versicherte Tara, konnte aber ein Kichern nicht unterdrücken. Die Absurdität dieser Idee machte ihr Spaß, allerdings verstand das die Freundin falsch.

„Tara!“ Liliane hielt sie am Arm zurück. „Sag es mir!“

„Warum glaubst du, dass Eheprobleme dahinter stecken, wenn ich beschließe, mein Telefon aufzugeben?“

„Weil du anders bist.“

„Wie anders?“

Liliane suchte verzweifelt nach Worten.

Es fiel Tara nicht leicht, ihrer Freundin offen ins Gesicht zu lügen, wo sie doch ein derart feines Gespür an den Tag legte. Sie wusste, dass dies ein passender Moment gewesen wäre, um von den wahren Hintergründen zu berichten. Dennoch entschied sie sich dagegen. Nicht nur der Wunsch, Mitleid zu vermeiden, steckte dahinter, vielmehr hoffte sie auch, dass es schlicht und ergreifend zu früh war, um ihren Tod anzukündigen. So, als wäre Zeit zu gewinnen, solange sich die Nachricht noch nicht verbreitet hatte. Waren die Worte erst einmal ausgesprochen, dann wurde es zu einer großen Wahrheit, die von vielen Menschen getragen wurde und eine Änderung würde dadurch fast unmöglich. Im Moment wussten nur die Ärzte, Henni und sie davon, es bräuchte also nicht sehr viel Aufwand, um die Fakten zu verändern. Diese stille Hoffnung tauchte überraschend in Tara auf. Bislang war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie noch ein Wunder in Betracht zog. Vielmehr hatte sie die Diagnose und das dazugehörende unvermeidliche Ende absolut gesetzt.

Unruhe machte sich in ihr breit. Sie ahnte, dass die Erwartung einer spontanen Wende enttäuscht werden würde und dabei war die Situation als solches schon schwer genug zu ertragen.

Um sich wieder in den Griff zu bekommen, zwang sich Tara an Henni zu denken. In seiner Nähe fiel es ihr immer leichter, den Fokus zu bewahren.

„Henni ist übrigens auch dagegen, dass ich kein Handy mehr besitze“, teilte sie der Freundin mit.

„Gut, der Mann. Ich wusste schon immer, dass er etwas im Köpfchen hat.“

„Gerade eben meintest du noch, wir hätten Probleme.“

„Schnee von gestern“, wehrte Liliane leichten Herzens ab.

Sie setzten sich noch für einen Kaffee zusammen, bevor sich ihre Wege trennten und Tara versprechen musste, das Telefon-Dilemma zu beheben. Liliane drohte sogar damit, sie andernfalls von dem Wellnesswochenende auszuschließen.

Benommen von den unvorhergesehenen Emotionen, die das Treffen in Tara ausgelöst hatte, begab sie sich zum Supermarkt. Wenn möglich erledigte sie die Einkäufe stets ohne die Kinder, weil sie dadurch um ein Vielfaches schneller vorankam. Heute half das nichts, sie lehnte sich über den Einkaufswagen und ließ sich Zeit. Die Langsamkeit half ihr, nicht vollends den Boden unter den Füßen zu verlieren.

An der Kreuzung zweier Gänge stieß sie beinahe mit einer alten Frau zusammen.

„Bitte, nur zu“, wollte Tara ihr bereitwillig den Vortritt überlassen.

„Nein, nein. Sie sind bestimmt schneller als ich“, winkte die Dame ab.

„Heute nicht“, lächelte Tara.

„Die jungen Menschen sind sowieso immer in Eile. Es ist gut, wenn es Ihnen anders geht“, lobte die fremde Frau und tappte in winzigen Schritten an Tara vorbei.

Atmend, schiebend und im Hintergrund auch einkaufend bewegte sich Tara durch das Geschäft. Erst als sie an der Kassa stand, wachte sie aus ihrem Dämmerzustand auf. Gegenüber der Süßigkeiten gab es ein Regal mit Zündhölzern, Einwegrasierern, Batterien und Handys. Diese Geräte waren für alte Menschen gedacht. Es gab nur ein relativ kleines Display, dafür überdimensionale Tasten mit riesig aufgedruckten Ziffern. Sie nahm sich ein Blaues und legte es samt Wertkarte zu ihren Einkäufen. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Warum sollte sie nicht ein Alte-Menschen-Handy kaufen? Schließlich befand sie sich genau wie jene am Ende ihres Lebens.

Dieser kleine persönliche Scherz munterte sie auf und das Verstauen der Einkäufe im Auto gelang wieder in altgewohnter Geschwindigkeit. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr aber, dass Liliane und der Zeitlupengang durch den Supermarkt so lange gedauert hatten, dass sie nun direkt zurück zum Kindergarten fahren konnte, um Benjamin und danach auch Mathias abzuholen. Mit einem Schulterzucken tat sie das ab. Tagesabläufe änderten sich schließlich andauernd, das hielt lebendig.

 andere Tara-Tage + Henni

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Konzept Endlichkeit

Es gibt diese Situationen. Da singt man mit den Toten Hosen nicht nur: „An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit“. Nein. Man grölt aus voller Lunge. Und wenn die Sperrstunde naht, dann bestellt man fünfzehn Rum-Cola, weil man ist ja zu dritt und so jung, da ist man sich einig, so jung kommt man nie wieder zusammen. Drum jede Sekunde ausnützen, auskosten, ausreizen bis zum Letzten.

Es existieren allerdings auch jene Phasen, da ist die Aussicht, dass es enden wird, geradezu befreiend. Nur keine Ewigkeit. Bitte. Statt den Toten Hosen wird Milow gemurmelt: „One shot of happy, two shots of sad – That’s how our lives are aligned“. Gar zu lange ist das an einem Stück nicht zu ertragen.

Das eine,

das andere,

viel dazwischen.

 

„Auch das geht vorüber“ ist meine Perle, welche im Dunkeln wie im Hellen zu strahlen vermag.

 

 

 

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Vielfältig gedacht

Vielfältig gedacht

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November, 2014 · pm

Wirrsinn [8]

Zeit ist Geld.

Es ist eine Befreiung, das zu erkennen.

Wenn Geld nämlich unsere Währung ist, dann haben wir alle gleich viel davon.

Ja, ja, Tara und mir muss man da nicht mit erhobenem Zeigefinger und einem „Aber“ kommen.

Bis zum letzten Tag hin stehen jeder und jedem von uns sage und schreibe

86400 Sekunden pro Tag + Nacht zur Verfügung.

Reich sind wir. Alle.

 

 

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Zum Schreiben eingeladen

Diese Woche lasse ich mich von westendstorie und zolaski zum Schreiben verführen.

10 Worte und 15 Minuten – hier meine spontane Antwort darauf:


 

Also, ich erkläre dir, wie das mit den zehn Worten funktioniert. Hier, das ist die Liste.

Mittag

Radio

mysteriös

ausnahmsweise

Federkleid

Loch

Fingernagel

Katzenhaar

abrupt

Tiefschlag

Wie soll denn das gehen?

Na, du bastelst und schreibst: „Am Mittagstisch sitzen Mutter, Vater und Kind, schweigsam wird das Osso Bucco gegessen, während das Radio verkündet, dass Laurie Anderson in ihrem Zweitwohnsitz in Wien ums Leben gekommen ist. Mysteriöse Umstände seien noch aufzuklären.“

So einfach alles zusammenmixen?

Ja.

Und für dich selbst Oralfreuden auftischen?

Ich habe Hunger und musste gerade daran denken. Weiß ja keiner.

Und weiter? Wie bringst du ausnahmsweise unter?

In etwa so: „Im Gedenken an die großartige Künstlerin wird ausnahmsweise zum Nachtisch ein Glas Schaumwein von Rittberger genossen.“

Du meinst Schlumberger.

Was?

Die Sektsorte, die du meinst, nennt sich Schlumberger.

Ah. Auch gut. Für Recherchen habe ich bei fünfzehn Minuten keine Zeit.

Und das alles, nur um dich danach für dieses Gefasel bebauchpinseln zu lassen?

Es geht doch um Spaß, ums Ausprobieren. Es ist ein Spiel.

Na dann, noch viel Freude damit. Mir bleibt der Sinn verschlossen.

So ein Reinfall.

Was? Das Wetter?

Nicht Rheinfall! Es war ein Reinfall, dir das näher bringen zu wollen.

Stimmt. Ich hau dann mal ab.

Nimm den Hinterausgang. Ich hab den Schlüssel für die Haustüre verlegt.

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Hin und wieder ganz gesund

Als Schule und Kindergarten nach den Weihnachtsferien wieder begannen, ließ Tara ihre Morgenroutine auf neue Art entstehen.

Nun stand sie nicht mehr früh genug auf, um sich duschen zu können, den Tisch zu decken und die Kaffeemaschine einzuschalten, nur um dann die Buben der Reihe nach auf die Füße zu bringen.

Nein. In ihrem Pyjama schlurfte sie stattdessen über den Flur in das Kinderzimmer.

Seit sie akzeptiert hatten, dass vor allem Jonas und Mathias gerne gemeinsam in einem Bett lagen und zu diesem Zweck extra ein Doppelbett angeschafft hatten, war die Sache mit der Nachtruhe wesentlich einfacher geworden. Zum Einschlafen schmiegten sich oft alle drei aneinander, doch am Morgen war die Verteilung auf das große und das Einzelbett immer anders. Tara wollte sich gar nicht vorstellen, wie viel Bewegung in der Nacht herrschte, während sie friedlich schlummerte. Weniger Einmischung war aber gleichzusetzen mit mehr Schlafqualität bei den Eltern und deswegen konnte sie mit diesem Geheimnis gut umgehen.

Es war nicht nötig, dass sie nun das Licht anmachte, denn mit den nächtlichen Wanderungen ergab sich auch die Notwendigkeit, ein kleines Lämpchen ständig eingeschaltet zu lassen. Das genügte für ihren Weg zum Doppelbett.

Wie so oft lagen darin die älteren beiden Burschen, während Benjamin verkehrt herum im Einzelbett schlief.

Mit vorsichtigen Bewegungen quetschte sich Tara zwischen Jonas und Mathias. Murrend, aber nicht abgeneigt, nahmen die beiden das zur Kenntnis.

Jeder bekam einen Kuss auf die Stirn. Der Ältere kniff die Augen zusammen, wollte noch gar nicht wach werden, Mathias holte tief Luft, sah die Mutter an und fiel ihr dann um den Hals.

„Guten Morgen, mein Engel“, flüsterte sie in seinen Hals.

Für solche Umarmungen am Morgen war in ihrem alten Tagesablauf kein Platz gewesen und sie wusste, hätte sie geahnt, wie dadurch die folgenden Stunden geprägt wurden, sie hätte schon lange den halben Vormittag ungeduscht und mit wirren Haaren zugebracht. Zumindest stellte sie sich vor, dass sie diesen Schritt ohne zu zögern getan hätte.

Mit einem wohligen Seufzer schlang sie ihre Arme um den Sohn und wandte sich dann an Jonas.

„Erzähl mir, was du heute Schönes geträumt hast“, begann sie wie gewohnt.

Ebenso routiniert kam die Antwort: „Von eine LKW-Rennen.“ Von dem Gedanken beflügelt öffnete er plötzlich hellwach die Augen. „Mama, ich fuhr einen funkelnigelnagelneuen roten Iveco Renntruck.“

Sie lächelte. Jonas erzählte immer davon, dass seine Träume von Trucks beherrscht wurden. Seine Spielzeugsammlung dazu war beträchtlich und, ob sie wollte oder nicht, sie lernte dadurch ebenfalls Marken, Merkmale und Vorzüge kennen.

„Wunderbar. Hast du gewonnen?“ Mit Renntrucks fuhr man schließlich Rennen, oder?

„Ich glaub schon“, meinte er nachdenklich und strampelte die Decke von sich. Wenn er seine PS-starken Träume erzählen durfte, dann war das Wachwerden gar nicht so schwer.

Ungern gab Mathias seinen Platz in Taras Armen auf, aber Jonas wollte unbedingt auch eine neue Gewohnheit entwickeln.

„Ach, wie lieb ich dich hab“, verkündete Tara und schwang ihn von einer auf die andere Seite.

Danach war er bereit aufzustehen. Der Truck-Schlafanzug wackelte davon, Mathias drängte wieder an ihre Seite und ein Wolken-Schlafanzug gesellte sich wortlos dazu.

„Na, mein kleiner Fliegenpilz“, begrüßte sie Benjamin. „Wie war deine Nacht? War das Jucken schlimm?“

„Ja“, murmelte Benjamin und küsste sie auf den Mund, bevor er sich in das Kissen fallen ließ.

„Mama, ich glaube, ich habe auch die Windpocken“, sagte Mathias unvermittelt und kratzte sich umständlich am Bein.

„Nein, mein Schatz. Keine Sorge.“

Sie wollte ihn beruhigen, aber er wurde laut.

„Doch! Ich bin krank!“

„Du hattest die Windpocken schon. Die kannst du gar nicht mehr bekommen.“

In dem Moment, als Tara aber einen Blick in die verzweifelten Augen warf, wusste sie, dass sie etwas Wichtiges übersehen hatte. Um ihre Gedanken zu ordnen, strich sie ihm in feinen, streichelnden Bewegungen die Stirnfransen aus dem Gesicht.

„Kann es sein, dass du heute zu Hause bleiben musst, um wieder gesund zu werden?“

„Ja!“, verkündete er überrascht und freudig zugleich.

„Na, dann“, hielt Tara in übertriebenem Ernst fest, „können wir daran nichts ändern. Dann musst du heute daheim bleiben.“

Mit einem Mal fiel der Wunsch zu schwindeln von ihm ab.

„Echt, Mama?“

Tara stülpte die Unterlippe über die obere.

„Wenn es wichtig ist, dann muss es wohl so sein.“

Was bei Mathias hinter diesem ungewohnten Ansinnen stand, das wusste Tara nicht. Allerdings konnte sie ganz genau nachempfinden, was es bedeutete, wenn man aus unausgesprochenen Gründen Zeit gemeinsam verbringen wollte. Jeden Morgen, wenn sie ihre drei Kinder verabschiedete, war sie sich der verpassten Möglichkeiten für ein Zusammensein bewusst. Mathias liebte den Kindergarten und freute sich auf die Schule im Herbst. Ein Tag zu Hause konnte bei ihm niemals ein Problem werden, entschied sie ganz spontan. Vermutlich war er sowieso nur auf den kleinen Bruder eifersüchtig, der daheim gesunden durfte, doch das war ihr einerlei.

Es war an der Zeit, die alte Wahrheit neu zu beleben, dass schwänzen hin und wieder überaus gesundheitsförderlich war.

 

Folgen 1-11

 

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Es ist genug Zeit

Während die Bestellung aufgegeben wird,

zwei Kugeln Eis auf die Tüte gesetzt werden,

man bezahlt und das Wechselgeld entgegen nimmt,

 

ist genug Zeit,

 

um dem grantig dreinblickenden Kellner ein Lächeln zu entlocken und gleichzeitig zu erfahren, dass er einen guten Grund dafür hat, verstimmt zu sein.

 

Ein Kommentar

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Für dich

Wenn du meinst, das Leben schenkt allen,

nur dir nicht,

dann nimm dir Zeit

und schau noch einmal genau hin.

 

Erdbeerle

 

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