Henni_1

Vertrauenssache

Es ging einfach nicht anders. Obwohl Henni versprochen hatte, niemandem von Taras Erkrankung zu erzählen und obwohl er es damals absolut ernst damit gemeint hatte, dass er ihre Entscheidung respektieren würde, musste er diesen Schritt setzen.

Leicht gefallen war es ihm nicht und es hatte zwei Wochen gedauert, bis er an diesem Punkt angelangt war. Erst als er heulend vor Tara gelegen hatte und sie ihn tags darauf schockierte, indem sie einfach ihr Telefon entsorgte, wusste er, dass es so nicht weitergehen konnte. Sein Kopf war überfüllt mit Sorgen, weil er sie nicht teilen konnte. Tara hatte ihm kein Ventil gelassen. In der Arbeit war er so unkonzentriert, dass er mittlerweile alle wichtigen Aufgaben von Natalie Korrektur lesen ließ. Ganz bestimmt dachte sie sich ihren Teil dazu, ansehen konnte man ihr das zum Glück nicht.

Henni sank auf eine gepolsterte Bank in der Fensternische und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. In seiner Vorstellung hatte ihn dieser Moment nervös gemacht. Nie hätte er erwartet, einfach so ermattet zu sein, dass er zufrieden sein würde, wenn er überhaupt noch ausreichend Worte fand. Er war schon jetzt froh, dass er in Zukunft verstanden werden würde, ohne lange erklären zu müssen. Sogar das Nicht-Sprechen konnte dann Sinn machen.

Für solche möglichen Sprech- oder Schweigetreffen hatte er sich seinen Freund Thomas ausgesucht. Der kannte Tara, traf sie aber nicht so oft, als dass das ein Problem werden sollte.

Irgendwo ganz tief in ihm rührte sich das schlechte Gewissen darüber, dass er seine Frau so überaus durchdacht und absichtlich hinterging. Das würde sie nicht einfach hinnehmen, das musste er leider befürchten.

Aber diese winzigen Gewissensbisse hatten nun keine Chance mehr. Als sich die Türe des Cafés erneut öffnete und Thomas eintrat, winkte ihm Henni zu. Sie hatten eine halbe Stunde, die vor der Arbeit für einen Kaffee und dieses Gespräch reichen musste.

„Also“, Thomas wandte sich nach der Bestellung an Henni, „was gibt es? Klang einigermaßen wichtig.“

„Kannst Du ein Geheimnis für Dich bewahren, Thomas? Und ich meine, so gut für Dich behalten, dass Dir niemand etwas anmerkt, auch wenn Du mitten drin steckst? Den Beteiligten praktisch direkt gegenüberstehst?“

Auf Thomas‘ Stirn bildete sich eine tiefe Falte. Es schien ihm nicht zu gefallen, in welche Richtung dieses Gespräch ging und Henni musste zugeben, dass ihm die Vieldeutigkeit auch nicht geheuer gewesen wäre.

Er schluckte.

„Es geht um Tara“, und bevor Thomas komplett falsche Schlüsse zog, ergänzte Henni: „Sie ist krank.“

„Wie krank?“, murmelte sein Freund. Deutlich erholte er sich von den Gedanken, die er gerade noch gehegt hatte.

Der Kaffee wurde serviert, was sie beide innehalten ließ.

„So krank“, fuhr Henni mit unterdrückter Stimme fort, „dass sie es nicht überleben wird.“

Eine heiße Welle erfasste Thomas unvorbereitet und er holte tief Luft. Das war genau die Situation, vor der er immer Angst gehabt hatte. Angst, dass seine Frau Daniela krank werden könnte, so krank, dass sie sterben würde, dass die Kinder ohne ihre Mama aufwachsen würden. Seine Frau und seine Kinder waren etwas älter als Tara und ihre Kinder, aber das machte die Situation nicht besser. Tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf. Es war bereits der zweite Fall im Freundeskreis. Es war nicht einmal drei Jahre her, dass sie Claudia beerdigt hatten. Wie Peter mit seinen kleinen Kindern am Grab stand, dieses Bild ging nicht mehr aus seinem Kopf und er wollte so etwas nicht noch einmal erleben. Nicht so früh, nicht bei seiner Familie und auch nicht bei Freunden.

Thomas schloss kurz die Augen, sammelte sich und fragte: „Was hat Tara?“

„Das kann ich Dir nicht sagen“, antwortete Henni mit leichter Verzögerung.

„Wie, das sagst Du nicht? Du erzählst mir hier, dass sie so krank ist, dass sie nicht überleben wird und dann vornehmes Schweigen darüber, was sie hat?  Willst Du mich auf den Arm nehmen? Damit macht man keine Witze. Kannst Du Dich an unsere Freunde Claudia und Peter erinnern? Sie ist vor drei Jahren an Leberkrebs elendig gestorben. Ich stand mit Peter und den drei Kindern am Grab. Damit scherzt man nicht!“

Natürlich erinnerte sich Henni an Claudia. Ungewollt war sie ihm in den letzten Wochen einige Male in den Sinn gekommen. Was er allerdings bis jetzt erfolgreich verdrängt hatte, das war die Tatsache, dass Peter nun auch mit drei Kindern alleine war. Ganz genau gleich, wie Henni sich in düsteren Momenten sehen konnte.

Von diesem Gedanken musste er sich rasch distanzieren. Das durfte er auf keinen Fall vollständig ins Bewusstsein sickern lassen.

Er konzentrierte sich stattdessen auf Thomas.

„Ich mache keine Scherze, sie ist krank, aber sie will nicht, dass irgendjemand davon weiß. Ich musste es ihr schwören, aber ich kann nicht mehr. Ich muss mit jemanden darüber sprechen, weil ich einfach nicht mehr weiter weiß. Ich kann nicht mehr, Thomas. Tara kann mit der Situation viel besser umgehen als ich. Ich brauche jetzt jemanden, mit dem ich sprechen kann.“

„Und das soll ich sein? Super! Du erleichterst Dich und ich muss dann damit leben!“, echauffierte sich Thomas.

Doch dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass jetzt kein Zeitpunkt für Ironie war.

„Bitte entschuldige, so war es nicht gemeint.“ Er straffte die Schultern. „Wie kann ich Dir helfen? Was können wir machen? Du musst sie dazu bringen, genau zu sagen, was sie hat. Es gibt bestimmt neue Verfahren an irgendwelchen Uni-Kliniken. Die müssen wir nur finden und dann gibt es bestimmt noch eine Chance“

„Thomas, bitte“ stoppte ihn Henni. „Bitte, ganz ruhig. Ich weiß Deinen Elan zu schätzen, aber akzeptiere einfach, dass Tara den Sommer wahrscheinlich nicht mehr erleben wird. Das ist ein Fakt.“

„Wir akzeptieren es? Ein Fakt?“

Thomas blickte ungläubig in die Augen des Freundes. Dass ihn plötzlich fröstelte, hatte nichts mit der Temperatur im Café zu tun und der Kaffee, der unangerührt vor ihm stand, hätte auch nichts daran ändern können.

„Es geht nicht anders.“ Henni flüsterte beinahe.

Dieses leise Statement, das war es, was sich Thomas einbrannte. Denn obwohl Henni aufrecht, sauber, bereit für den Arbeitstag vor ihm saß, sagte es aus, dass dieser im Innersten genauso verzweifelt war, wie auch er sich gerade fühlte.

„Was kann ich tun?“, wollte er wissen.

 

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3 Antworten zu “Henni_1

  1. Pingback: Es gibt da diesen Mann | marga auwald

  2. Heute kann ich nichts mehr lesen.
    Ich komme wieder.

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