Henni_2

Vergessene Freunde

Die Büchse der Pandora war geöffnet und Henni ertappte sich immer wieder dabei, wie seine Gedanken zu Peter und den Kindern abdrifteten. Er wollte gerne hören, wie es ihm ging und er wollte keinesfalls hören, was sich in dessen Leben getan hatte. Im Grunde, das wusste Henni, hätte er ihn anrufen sollen. Das war längst überfällig. Das wäre angemessen, denn auf der Beerdigung damals war er schließlich auch gewesen. In stiller Hoffnung hatte sich Henni aber gesagt, dass er Peters Nummer längst nicht mehr hatte. Doch dem war nicht so. Deutlich und geradezu anklagend hatte er sie auf dem Handydisplay gelesen. Somit blieben sein schlechtes Gewissen und die innere Unruhe.

Am Ende zwang er sich zu handeln, weil er diese penetrante Ablenkung nicht mehr ertrug.

Anstatt aber Peter anzurufen, wählte Henni einen Umweg, der eine gangbare Alternative darstellte. Nachdem er die Wochenendeinkäufe erledigt hatte, fuhr er bei Thomas vorbei und hoffte einfach, dass dieser zu Hause sein würde. Samstag und Schneeregen, er rechnete sich hohe Chancen aus.

Während er auf den Freund wartete, saß er mit Daniela in der Küche. Sie bereitete gerade einen Kuchen zu und wie Henni sie dabei beobachtete, wurde ihm deutlich bewusst, dass Tara langsamer geworden war. Früher hätte sie genau so energisch geknetet und den Zucker durch das Sieb gejagt. Nun bemerkte er hin und wieder, dass sie sich mehr Zeit ließ und ihre Gesten nicht mehr so groß waren.

Ganz nebenher, als würden seine Gedanken und Gefühle zu einer anderen Person gehören, plauderte Henni mit Daniela über verschiedene Kaffeemaschinen, deren Vor- und Nachteile und Indoor-Freizeitangebote für Kinder.

Mit einer Saugglocke in der Hand betrat Thomas die Küche und war überrascht, Henni zu sehen. Offenbar war ihm vom Sohn nicht ausgerichtet worden, dass Besuch auf ihn wartete.

„Magst Du einen Kaffee trinken?“, fragte Thomas und wurde von seiner Frau unterbrochen.

„Das habe ich ihn schon längst gefragt.“

„Hast Du vielleicht eine Minute für mich?“, ging Henni direkt zu seinem Anliegen über.

„Ja, klar“, sagte Thomas und stellte die Saugglocke einfach vor den Kühlschrank. „Sollen wir…?“

„Es wäre ein Vieraugengespräch“, half Henni an Daniela gerichtet.

„Macht ihr nur“, winkte sie ab und entließ damit die Männer.

„Thomas, hast Du noch Kontakt zu Peter?“, begann Henni ohne Einleitung, sobald die Türe zum Wohnzimmer geschlossen war.

„Klar, das weißt Du doch, habe Dir doch erst kürzlich von ihm erzählt.“

„Natürlich. Ich meine, weißt Du, wie es ihm geht? Wie er zurecht kommt?“

Nervös fuhr sich Henni mit der Zunge über die Lippen. Die Hände hatte er vorsorglich in die Hosentaschen gesteckt. Er betete um… Ja, worum eigentlich? Dass es Peter gut ging? Blendend? Das würde Henni für sich selbst sowieso nicht glauben können. Dass Peter zu kämpfen hatte? Dass er am Verlust zerbrochen war? Diese Variante durfte er nicht hören. Nicht für sich, nicht für seine Kinder, nicht für Tara. Es musste ein Danach geben.

„Er kapselt sich sehr stark ab“, begann Thomas ehrlich und geradeheraus. Augenblicklich wurde Henni ruhig und hörte genau hin. „Am Anfang haben wir noch einiges zusammen gemacht, aber der Kontakt wurde immer geringer. Peter meinte, dass er so viel zu tun hätte. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass er damit nicht klar kam, dass Daniela anwesend, seine Claudia aber tot war.“

Wie würde das für ihn sein, fragte sich Henni. Er alleine mit den Buben und rundherum intakte Familien. Würde er sich irgendwann auch von Freunden und Familien distanzieren wollen? Konnte es tatsächlich so weit kommen? Und dann? Blieb Peter nun bis in alle Ewigkeit alleine? Einer, der mit anderen Paaren nichts mehr anfangen konnte? Womöglich brauchte er auch nur einen neuen Kreis. Neue Freunde. Eine neue, ja, Henni überwand sich auch das zu denken, eine neue Partnerin.

„Hat er jemand neues?“, fragte er mutig.

„Nicht, dass ich wüsste.“ Thomas krazte sich am Nacken, darüber hinaus zeigte er nicht, ob er diese Fragen eigenartig oder übertrieben fand. Mit der Hand deutete er auf die Couch und beide setzten sich. Dann fuhr er fort: „Für ihn ging es erst einmal darum zu überleben. Es war ja nicht so, dass Peter nur zu Hause rum hing. Er und Claudia hatten eine sehr traditionelle Rollenaufteilung und seine Aufgabe war es, das Geld zu verdienen. Erinnerst Du Dich als wir uns früher immer lustig gemacht haben, dass er in seinem Leben noch nie eine Windel gewechselt hat? Und wie er dann ganz beleidigt erklärte, dass er sehr wohl schon einmal eine Windel gewechselt habe, ohne zu merken, was er damit zugab?“

Thomas schmunzelte, als er an diese unbeschwerte Zeit zurückdachte. Als sie zusammen saßen und über Autos, Ski und dergleichen diskutierten. Als sie über ihre Frauen gemeckert und sich an ihre Singlezeiten erinnert hatten. Sein Lächeln war längst aus seinem Gesicht verschwunden, als er sich bewusst machte, dass bald zwei von drei Frauen dieser alten Runde nicht mehr leben würden. War es ein Fluch? Schnell verwarf er den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Henni. Das war real, der Rest nur ein Hirngespinst.

„Peter musste erst einmal die ganze Trauerlogistik stemmen. Zum Glück konnten seine Eltern und die Schwiegereltern bei der Kinderbetreuung helfen. Seine Mutter ist auch für eine Zeit bei ihnen eingezogen, aber Du kannst Dir ja vorstellen, dass das nicht optimal ist. Mittlerweile haben sie eine Haushaltshilfe, die sehr viel abnimmt. So konnte er nach sechs Monaten wieder arbeiten gehen. Die Kinder tragen es nach außen hin relativ tapfer, aber wie es innen drin aussieht, weiß ich nicht. Claudia war eben auch für die Wärme der Familie zuständig.“

Henni hörte gebannt zu. Das waren viele Details, an die er nie gedacht hatte. Nicht für sich selbst, aber auch nie in Bezug auf Peter. Er konnte sich nicht erklären, wie er so weit von seinem ehemaligen Freund hatte abdriften können. Vielleicht hatte sich Peter distanziert. Gut möglich. Dazu kam, dass Tara damals schwanger gewesen war, sie wollten dem trauernden Freund nicht zu nahe treten. Deswegen hatte sich Thomas mehr gekümmert, was logisch erschienen war. Darüber war Henni Peters Rückzug aber gar nicht aufgefallen.

„Das ist jetzt fast drei Jahre her. Ich habe mich nie bei ihm gemeldet und jetzt komme ich erst in dem Augenblick, wo Tara sterben wird“, sagte er mehr zu sich selbst.

„Henni, ruf Peter an“, schlug Thomas spontan vor. „Du kennst ihn und es wird wahrscheinlich niemanden geben, der so mit Dir fühlen kann wie er.“ Dass es womöglich genau das war, was Peter brauchte um aus seiner Einsamkeit herauszufinden, behielt er für sich.

 

 

Eine Antwort zu “Henni_2

  1. Pingback: Manchmal bleiben Fragen schlicht Fragen | marga auwald

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