Tara – Folge 11

Der chaotische Professor

Tara beugte sich tief in ihren Kleiderschrank und hob einen Stapel Hosen heraus. Ganz spontan hatte sie beschlossen, alles auszusortieren, was sie nicht absolut gerne trug oder ihr einfach nicht mehr passte.

Dazu hörte sie laute Musik von alten CDs. Auch die mussten sich in absehbarer Zeit einer gnadenlosen Aufräumaktion stellen. Im Moment schmetterte die Kelly Family Santa Maria und sie summte mit. Diese CD durfte bleiben.

Ein „Hallo!“ übertönte das Lied und die Gedanken.

Abrupt drehte sich Tara um. Joel stand hinter ihr im Schlafzimmer und lachte sie zaghaft an. Er wusste wohl nicht, was er von dieser Szenerie halten sollte.

Im ersten Moment tendierte Tara dazu, ihn schnell aus diesem sehr privaten Raum hinausschieben.

Dann erinnerte sie sich: Das spielte keine sooo große Rolle.

Behutsam erhob sie sich, denn sie wollte vermeiden, dass durch irgendeine schnelle Bewegung ein Schmerz ausgelöst wurde, der sie zusammenzucken lassen würde. Diese kleinen, fiesen Attacken kamen immer unvorbereitet und von unterschiedlichen Richtungen. Ungebetene Gäste, die sie zwangen, nicht zu vergessen.

Nachdem die Musik abgestellt war, wandte sie sich schließlich dem gerngesehenen Besuch zu.

Joel war im Grunde Hennis Freund. Die beiden hatten sich zufällig in einer Bar kennengelernt, als Joel gerade erfahren hatte, dass er Vater wurde. Es gab Alkohol zu trinken, Henni konnte Geschichten vom erst wenige Monate alten Jonas erzählen und in den frühen Morgenstunden wackelten die beiden Männer gemeinsam nach Hause. An einer Tankstelle auf dem Weg wurde die Idee geboren, dass man das Kinderglück selbstverständlich mit einer Zigarre feiern musste.

Gedacht, gekauft. Allerdings waren sie keine Raucher und suchten später in den Jackentaschen verzweifelt nach einem Feuerzeug. Es war keines zu finden, da kamen sie an einer Kirche vorbei und wo eine Kirche stand, so die Logik, gab es Kerzen.

Das Gebäude selbst war verschlossen, doch auf dem Friedhof wollten sie ihre Mission zu Ende bringen. Beim ersten Grab schlug der Versuch, die Zigarren zum Brennen zu bringen, fehl und obendrein löschten sie die Kerze aus. Also auf zur nächsten Ruhestätte. Die Abdeckung wurde mühsam abmontiert, nur um zu erkennen, dass hier ein elektrisch flackerndes Licht installiert worden war. Beim dritten Grab war die Kerze schon längst ausgegangen.

Die Geschichte war schon oft erzählt worden. Am Ende schafften sie es dann doch noch, die Zigarren zu rauchen und Kindergeburtstage wurden heute noch mit der obligatorischen Virginia gefeiert.

Seither waren die beiden gute Freunde und Mathias besuchte gemeinsam mit Joels Susanna den Kindergarten.

„Ich hab die Kleinen abgeholt und wollte dich fragen, ob ich Susi ein paar Stunden bei euch lassen kann. Cornelia und ich hätten etwas zu erledigen“, erklärte Joel seine Anwesenheit.

„Natürlich“, war Tara sofort einverstanden. „Kein Problem.“

Sie folgte ihm aus dem Zimmer und in die Küche.

In den letzten Jahren hatte Joel kein Gramm zugelegt, während Henni einen kleinen Bauch entwickelt hatte. Ihr eigener Mann sah sportlich, aber nicht fanatisch aus. Gesund und stark, so wie sie es mochte. Im Vergleich dazu war Joel absurd dünn. Das war er immer schon gewesen. Eine Bohnenstange ohne auffällige Größe. Nach einem Arbeitstag wie heute standen ihm die Haare wirr vom Kopf und die Brille mit dem breiten schwarzen Rand saß ein wenig schief auf der Nase. Joel, der chaotische Professor, schoss es Tara oft durch den Kopf. Und das passte wunderbar, denn er unterrichtete Geschichte und Englisch an einem Gymnasium. Daneben hatte er früher einen geradezu fanatischen Hang zu schnellen Motorrädern gehabt. Das wusste Tara von seiner Frau.

Cornelia hatte ihr einmal anvertraut, dass sie sehr erleichtert gewesen war, als er dieses Hobby aufgegeben hatte. Gemeinsam mit dem Vater war er oft in der Nacht zu rasanten Fahrten aufgebrochen.

„Tara“, betonte sie damals, „das, was Joel besaß, das war kein Motorrad. Das war eine Rennmaschine. Ein Höllenteil und ich starb immer tausend Tode, bis er wieder daheim ankam.“

Joel hatte damit erst aufgehört, als der Vater gestorben war.

Der Tochter musste Joel nicht lange erklären, dass sie eine kleine Weile bei ihrem Freund bleiben musste, die beiden Kinder spielten bereits mit den Legobausteinen.

Beim Gehen wandte er sich noch einmal um.

„Wie sieht es mit Spanisch aus? Der nächste Kurs beginnt bald. Du bist auch wieder dabei, oder?“

Ohne nachzudenken sagte Tara zu. Vor genau einem Jahr hatte sie mit Joel den Sprachkurs ausgewählt und seither keine einzige Stunde verpasst. Womöglich war es ganz gut, wenn sie sich wieder mehr ihrem Leben widmete, anstatt mit der Diagnose im Kopf durch die Tage zu stolpern.

Joel war offensichtlich erfreut über ihre Antwort. Er lächelte und schob mit dem Mittelfinger die Brille zurecht.

„Wir sollten wieder einmal etwas miteinander unternehmen“, schlug Tara vor.

Sie würde ihn und seine Frau vermissen. Das klang absurd, weil es ein Vermissen dann vermutlich gar nicht mehr gab. Trotzdem. Jetzt ging es ihr noch gut und das wollte sie ausnützen.

Was er gleich darauf vorschlug, hätte sie vorhersagen können.

„Steakhouse?“

Cornelia gestattete ihrem Mann nur zu besonderen Anlässen, sich mit seinem Lieblingsgericht vollzustopfen und dabei handelte es sich um ein riesiges, medium gebratenes Stück Fleisch mit gemischtem Salat. Auf diese Weise konnte man Joel glücklich machen und wenn er die Wahl hatte, stimmte er zu hundert Prozent dafür, ins Steakhouse zu gehen.

Tara lachte: „Wie gut zu wissen, dass sich auch mit dem neuen Jahr bestimmte Dinge nicht ändern.“

„Das Gute bleibt immer“, antwortete er amüsiert.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, blieb Tara noch stehen und sah ihm nach.

 

Folge 12

 

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