Tara – Folge 12

Hin und wieder ganz gesund

Als Schule und Kindergarten nach den Weihnachtsferien wieder begannen, ließ Tara ihre Morgenroutine auf neue Art entstehen.

Nun stand sie nicht mehr früh genug auf, um sich duschen zu können, den Tisch zu decken und die Kaffeemaschine einzuschalten, nur um dann die Buben der Reihe nach auf die Füße zu bringen.

Nein. In ihrem Pyjama schlurfte sie stattdessen über den Flur in das Kinderzimmer.

Seit sie akzeptiert hatten, dass vor allem Jonas und Mathias gerne gemeinsam in einem Bett lagen und zu diesem Zweck extra ein Doppelbett angeschafft hatten, war die Sache mit der Nachtruhe wesentlich einfacher geworden. Zum Einschlafen schmiegten sich oft alle drei aneinander, doch am Morgen war die Verteilung auf das große und das Einzelbett immer anders. Tara wollte sich gar nicht vorstellen, wie viel Bewegung in der Nacht herrschte, während sie friedlich schlummerte. Weniger Einmischung war aber gleichzusetzen mit mehr Schlafqualität bei den Eltern und deswegen konnte sie mit diesem Geheimnis gut umgehen.

Es war nicht nötig, dass sie nun das Licht anmachte, denn mit den nächtlichen Wanderungen ergab sich auch die Notwendigkeit, ein kleines Lämpchen ständig eingeschaltet zu lassen. Das genügte für ihren Weg zum Doppelbett.

Wie so oft lagen darin die älteren beiden Burschen, während Benjamin verkehrt herum im Einzelbett schlief.

Mit vorsichtigen Bewegungen quetschte sich Tara zwischen Jonas und Mathias. Murrend, aber nicht abgeneigt, nahmen die beiden das zur Kenntnis.

Jeder bekam einen Kuss auf die Stirn. Der Ältere kniff die Augen zusammen, wollte noch gar nicht wach werden, Mathias holte tief Luft, sah die Mutter an und fiel ihr dann um den Hals.

„Guten Morgen, mein Engel“, flüsterte sie in seinen Hals.

Für solche Umarmungen am Morgen war in ihrem alten Tagesablauf kein Platz gewesen und sie wusste, hätte sie geahnt, wie dadurch die folgenden Stunden geprägt wurden, sie hätte schon lange den halben Vormittag ungeduscht und mit wirren Haaren zugebracht. Zumindest stellte sie sich vor, dass sie diesen Schritt ohne zu zögern getan hätte.

Mit einem wohligen Seufzer schlang sie ihre Arme um den Sohn und wandte sich dann an Jonas.

„Erzähl mir, was du heute Schönes geträumt hast“, begann sie wie gewohnt.

Ebenso routiniert kam die Antwort: „Von eine LKW-Rennen.“ Von dem Gedanken beflügelt öffnete er plötzlich hellwach die Augen. „Mama, ich fuhr einen funkelnigelnagelneuen roten Iveco Renntruck.“

Sie lächelte. Jonas erzählte immer davon, dass seine Träume von Trucks beherrscht wurden. Seine Spielzeugsammlung dazu war beträchtlich und, ob sie wollte oder nicht, sie lernte dadurch ebenfalls Marken, Merkmale und Vorzüge kennen.

„Wunderbar. Hast du gewonnen?“ Mit Renntrucks fuhr man schließlich Rennen, oder?

„Ich glaub schon“, meinte er nachdenklich und strampelte die Decke von sich. Wenn er seine PS-starken Träume erzählen durfte, dann war das Wachwerden gar nicht so schwer.

Ungern gab Mathias seinen Platz in Taras Armen auf, aber Jonas wollte unbedingt auch eine neue Gewohnheit entwickeln.

„Ach, wie lieb ich dich hab“, verkündete Tara und schwang ihn von einer auf die andere Seite.

Danach war er bereit aufzustehen. Der Truck-Schlafanzug wackelte davon, Mathias drängte wieder an ihre Seite und ein Wolken-Schlafanzug gesellte sich wortlos dazu.

„Na, mein kleiner Fliegenpilz“, begrüßte sie Benjamin. „Wie war deine Nacht? War das Jucken schlimm?“

„Ja“, murmelte Benjamin und küsste sie auf den Mund, bevor er sich in das Kissen fallen ließ.

„Mama, ich glaube, ich habe auch die Windpocken“, sagte Mathias unvermittelt und kratzte sich umständlich am Bein.

„Nein, mein Schatz. Keine Sorge.“

Sie wollte ihn beruhigen, aber er wurde laut.

„Doch! Ich bin krank!“

„Du hattest die Windpocken schon. Die kannst du gar nicht mehr bekommen.“

In dem Moment, als Tara aber einen Blick in die verzweifelten Augen warf, wusste sie, dass sie etwas Wichtiges übersehen hatte. Um ihre Gedanken zu ordnen, strich sie ihm in feinen, streichelnden Bewegungen die Stirnfransen aus dem Gesicht.

„Kann es sein, dass du heute zu Hause bleiben musst, um wieder gesund zu werden?“

„Ja!“, verkündete er überrascht und freudig zugleich.

„Na, dann“, hielt Tara in übertriebenem Ernst fest, „können wir daran nichts ändern. Dann musst du heute daheim bleiben.“

Mit einem Mal fiel der Wunsch zu schwindeln von ihm ab.

„Echt, Mama?“

Tara stülpte die Unterlippe über die obere.

„Wenn es wichtig ist, dann muss es wohl so sein.“

Was bei Mathias hinter diesem ungewohnten Ansinnen stand, das wusste Tara nicht. Allerdings konnte sie ganz genau nachempfinden, was es bedeutete, wenn man aus unausgesprochenen Gründen Zeit gemeinsam verbringen wollte. Jeden Morgen, wenn sie ihre drei Kinder verabschiedete, war sie sich der verpassten Möglichkeiten für ein Zusammensein bewusst. Mathias liebte den Kindergarten und freute sich auf die Schule im Herbst. Ein Tag zu Hause konnte bei ihm niemals ein Problem werden, entschied sie ganz spontan. Vermutlich war er sowieso nur auf den kleinen Bruder eifersüchtig, der daheim gesunden durfte, doch das war ihr einerlei.

Es war an der Zeit, die alte Wahrheit neu zu beleben, dass schwänzen hin und wieder überaus gesundheitsförderlich war.

 

Folge 13

 

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2 Antworten zu “Tara – Folge 12

  1. melcoupar

    Muss ich doch kurz erwähnen … Während ich dies hier nickend las, rief mich meine Tochter an. Hab einen schönen Tag.

Dazu möchte ich gerne sagen:

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