Tara – Folge 13

Unbezahlbar

Henni betrat die Küche und zog zeitgleich seinen Krawattenknoten lose. Noch ehe er Tara hinter der Theke erreicht hatte, war auch schon das Hemd aus der Hose gezogen und der oberste Knopf am Hals geöffnet. Sein Tag war von Besprechungen mit und Präsentationen für Kundschaften gefüllt gewesen und man sah ihm an, wie sehr er einen entspannten Abend herbeisehnte.

Für den Begrüßungskuss nahm er heute ihr Gesicht zwischen seine Hände. Ein langer, weicher Kuss, der Tara den Salat vergessen ließ, den sie soeben zubereitete. Etwas war anders. Noch ein kleiner Kuss, dann lehnte er sich mit einem Seufzen an den Küchenschrank.

„Bist du müde?“, fragte sie, um überhaupt Worte für ihr Unbehagen zu finden.

Immerhin bestand die Möglichkeit, dass er tatsächlich einfach nur erschöpft war.

„Wo sind die Jungs?“, fragte Henni im Gegenzug.

„Oben. Sie spielen. Und“, gerade wurde sich Tara der eigentümlichen Ruhe bewusst, „vermutlich stellen sie etwas Verbotenes an.“

Henni vergrub sein Gesicht in den Händen und atmete hörbar aus.

„Tara“, er sah sie verzweifelt an, „bitte hass mich jetzt nicht.“

„Weswegen?“, wollte sie schnell wissen und spürte, wie der Schreck ihren Brustkorb einengte.

„Ich…“ Die Beichte fiel Henni schwer, mit dem Daumen massierte er einen Moment lang die Stelle zwischen seinen Augenbrauen. „Ich musste einfach mit jemandem darüber sprechen.“

Ihr Gesicht wurde lang und leer.

„Mir ist klar, dass ich etwas anderes versprochen habe, dass du mich gebeten hast, es für mich zu behalten, aber das schaffe ich nicht. Ich musste meine Gedanken und Gefühle dazu einfach mit jemandem teilen.“

„Wer?“

„Das sage ich dir nicht.“

„Kenne ich die Person?“

„Auch das wirst du nicht erfahren. Es spielt im Grunde keine Rolle, aber ich mag keine Geheimnisse vor dir haben. Ich brauche einen Menschen, der in dieser Sache mein Vertrauter sein kann.“

Die Erklärungen hörte Tara kaum. Nie hätte sie erwartet, dass Henni hinter ihrem Rücken das heilige Versprechen brach, das er ihr gegeben hatte. Vor wenigen Wochen hatte er ihr versichert, dass er ihre Entscheidung und ihren Weg, damit umzugehen, respektieren würde. Wo war dieser Respekt geblieben? Das sah ihm gar nicht ähnlich.

Und deshalb war die wichtigste Frage: „Warum?“

Noch ehe Henni antworten konnte, erinnerte sich Tara an ein Gespräch, das bereits eine Woche zurücklag und mit dem sie ihn bislang noch nicht konfrontiert hatte.

„Wegen der Kündigung“, sprach sie ihren Verdacht aus.

Nun wirkte Henni wiederbelebt.

„Woher weißt du davon?“

„Von Paul.“

„Paul?“

„So heißt dein Chef doch, oder?“

„Ja. Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Er hat mit dir gesprochen?“

„Bei der Feier.“

Wenn Henni seine Situation hatte erklären müssen, um die Kündigung zurückzunehmen, dann würde sie ihm verzeihen, dass er die Abmachung gebrochen hatte.

„Henni, du kannst nicht kündigen. Du hast dich um eine Familie zu kümmern.“

„Wir werden sehen“, sprach er ausweichend.

„Nein. Nicht: Wir werden sehen. Es gibt einen Kredit zu bezahlen, Essen zu kaufen, Rechnungen zu begleichen. Wie soll das bitteschön gehen? Selbst wenn ich einmal nicht mehr bin…“

Er trat nahe an sie heran und legte die Arme um sie. Dadurch wurde ihr Tonfall weicher.

„Selbst wenn ich nicht mehr bin, braucht ihr das Einkommen. Wovon wollt ihr denn sonst leben?“

„Von deiner Erbschaft“, murmelte er leise und mit einem halben Lächeln.

„Ach, ja. Die Millionen, die hatte ich ganz vergessen.“

Mit seiner Nase stupste er die ihre an.

„Ich habe nur um unbezahlten Urlaub für ein paar Wochen gebeten. Paul sagte, das geht auf keinen Fall, daraufhin habe ich gesagt, dass ich kündige. Das war nicht mein Plan, aber wenn es so laufen muss, dann habe ich kein Problem damit. Irgendwie gibt es immer einen Weg.“

Die Tatsache, dass gemeinsame Zeit mit keinem Geld der Welt aufgewogen werden konnte, war in diesen Tagen derart greifbar, dass Tara kein Gegenargument mehr einfiel.

Im oberen Stockwerk wurde Gelächter laut. Zuerst die Stille, dann dieses zufriedene und faszinierte Lachen würden jeden Elternteil alarmieren.

Beide wussten, dass die Zweisamkeit zu Ende war.

„Nächste Woche habe ich noch ein Gespräch mit den Geschäftsführern, dann suchen wir eine Lösung, die für beide Seiten annehmbar ist“, sagte Henni beiläufig, als sie den Weg zum Kinderzimmer schon angetreten hatten.

„Gut.“

Sie standen vor einem See. Wahrhaft und tatsächlich gab es Wasser mit Booten darauf. Es war nicht tief genug, dass die Boote richtig schwimmen konnten, doch einige schwere Krüge voll hatten die Kinder mit Sicherheit angeschleppt. Die Begrenzung des Sees bildeten Spielsachen und Kleidungsstücke und weil das Konstrukt nicht wasserdicht war, bestand der ganze Spaß nun daraus, dass sie rundherum rannten und die Löcher zu stopfen versuchten.

Henni und Tara waren sprachlos.

„Das ist wunderbar!“, rief Benjamin mit roten Wangen und hüpfte vor Aufregung auf und ab. „Ein ganzes Meer bei uns im Haus. Papa, schau!“

Henni schaute.

Jonas ließ sich auf die Knie fallen und arbeitete an einem Leck, das sich in die Richtung der Tür ausbreiten wollte, wo die verblüfften Eltern standen.

„Wir waren noch nie am Meer“, meinte Mathias ernsthaft und schüttete aus einem Plastikkrug Wasser nach, das stetig in den Kleidern versickerte. Ein rotes Playmobilboot kenterte. „Da haben wir uns einfach eines gebastelt. Mama, magst du es?“

Tara mochte es.

Dies war womöglich das letzte Mal, dass sie das Meer sah, sie wollte die Chance nützen.

Ihr kindliches Herz gewann über den Verstand, der nur den Arbeitsaufwand der Aufräumaktion kalkuliert hatte. Sie grinste.

„Aaaaaaarschbombe!“, rief sie und hüpfte mitten in das Meer hinein. Sie schnappte sich Benjamin und kraulte mit ihm um die Wette, lud Mathias zum Delfinschwimmen ein und als sie sich umdrehte, waren Jonas und Henni schon beim Muscheltauchen. Ein Familienurlaub wie im Bilderbuch. Unbezahlbar.

Folge 14

 

3 Antworten zu “Tara – Folge 13

  1. Pingback: Unbezahlbar | marga auwald

  2. majorneryz

    Ich habe die ganze Geschichte gelesen und dabei viel gelacht und noch mehr geweint … und ich bin sehr nachdenklich geworden.
    Danke für diese großartige Erzählung.

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