Tara – Folge 14

Nestwärme

Diesen Samstagmorgen hatte sich Tara erbeten und bekommen.

Mathias war recht früh zu ihnen ins Schlafzimmer geschlichen, hellwach und in Kuschellaune. Sie aber fühlte sich müde und erschöpft.

„Bitte, lasst mich einfach noch eine Weile in Ruhe!“, hatte sie schließlich unwillig gebrummt und Henni hatte kurz darauf Mathias und den frisch dazu gekommenen Benjamin geschnappt und war mit ihnen aufgestanden.

Zwei Stunden später fühlte sie sich immer noch nicht ausgeschlafen, aber weil es an der Uhrzeit nicht mehr liegen konnte, schien es eben einer dieser Tage zu werden. Sie ergab sich in diese Verheißung und stand auf.

Joel war mit seiner Tochter zu Besuch, wodurch der Lärmpegel insgesamt nicht gerade gedrückt wurde. Zu viel für einen solchen Tag, fand Tara, gab aber keinen Kommentar dazu ab. Je lauter es war, desto stiller wurde sie.

Zum Glück währte dieser Zustand nicht lange, denn der Freund machte sich bald mit seiner Tochter und Mathias auf den Weg zu einem Besuch bei seiner Mutter.

Tara atmete durch. Zwei anstelle von drei Buben zu Hause, das bedeutete eine Extraportion Entspannung.

Jonas und Henni saßen gemeinsam bei den Mathematikhausaufgaben und Tara hatte die Aufgabe, Benjamin von den beiden abzulenken. Es war sein Lieblingsspiel, dem großen Bruder genau in diesen Momenten nicht mehr von der Seite weichen zu wollen. Zum Glück gab es noch ein paar Bücher, die ein Weihnachtsgeschenk gewesen und deswegen interessant genug waren, um ihn ins Wohnzimmer zu locken.

Sie bauten sich ein Nest aus Kissen und Decken und Tara zog ihren Jüngsten nahe zu sich heran. Um seinen Bewegungsdrang zu bändigen, musste sie ihn möglichst schnell für eine Geschichte interessieren.

Eine ganze Weile lang ging das gut, doch irgendwann wollte Benjamin lieber mit den Krippefiguren spielen. Tara schlang eine Decke um sich und sah ihm zu. Mit unregelmäßigen Kommentaren nahm sie Anteil und hoffte, dass ihm das genug war, damit er sie nicht zum aktiven Spiel aufforderte.

Ohne es zu bemerken, drifteten ihre Gedanken ab. Auch ihre Augen schienen hin und wieder zuzufallen, zumindest schreckte sie aus einem schlafähnlichen Zustand auf, als Jonas und Henni den Raum betraten.

Letzterer atmete tief ein und setzte sich neben sie.

„Darf ich etwas vorschlagen?“, wollte er wissen und griff nach einem ihrer Füße, um ihn zu massieren.

„Lass mich raten? Hühnerschenkel und Pommes.“

„Sprich mit jemandem darüber“, sagte er ernst.

Augenblicklich wusste sie, worum es ihm ging.

„Das tu ich doch. Ich rede mit dir.“ Sein Insistieren empfand sie als Grenzüberschreitung, dementsprechend kühl wurde ihr Ton.

„Du weißt genau, was ich meine. Glaub mir, es tut gut.“

„Weil du ja plötzlich Experte auf diesem Gebiet bist.“

Er hob ihren Fuß an seine Lippen und küsste ihn.

„Ich meine es gut mit dir. Bitte, sprich mit jemandem.“

„Henni“, flehte sie, „dieses ganze Mitleiden würde ich nicht aushalten. Alleine die Vorstellung, dass meine Mama mit Tränen in den Augen vor mir steht, in mir nur noch die sterbende Tochter sieht, das würde mich wirklich, wirklich bedrücken. Das schaff ich nicht. Ich will so lange wie möglich so unbeschwert wie möglich leben.“

„Ich verstehe dich“, flüsterte Henni, damit die Buben nicht auf das Gespräch aufmerksam wurden. „Und was du dir wünschst, das mag ich dir gerne alles zugestehen, aber ich fürchte, dass dir und uns das nicht gut tut. Wir brauchen Unterstützung, ob wir wollen oder nicht.“

„Was du da verlangst…“, begann Tara und schüttelte in einem Anflug von Verzweiflung den Kopf.

„Ich verlange nicht“, widersprach Henni sofort. „Aber ich bitte dich darum. Wenn es niemand von deiner Familie sein kann, keine Freunde, dann vielleicht online in Foren oder so etwas. Es muss nicht sein, dass du in mitleidige Augen blickst.“

Seine Betroffenheit trieb ihm das Wasser in die Augen und Tara konnte deutlich erkennen, welch große Bedeutung das für ihn hatte. Müde rieb sie ihre Lider, dann entzog sie ihm den Fuß und legte stattdessen den Kopf in seinen Schoß.

„Ich überlege es mir“, sagte sie leise.

„Danke.“ Er streichelte über ihre Haare und zog die Decke zurecht. „Du bist müde, oder?“

„Ja“, seufzte sie.

Nach einer Pause setzte er vorsichtig nach: „Schmerzen?“

„Gar keine“, murmelte sie.

Sein darauf folgender tiefe Atemzug drückte aus, wie erleichtert er dadurch war.

An manchen Tagen vergaß sie darauf zu achten, wie groß seine Sorgen tatsächlich waren. Hätte sie gekonnt, es wäre ihr eine Freude gewesen, ihn davon zu erleichtern. Achtundzwanzig Jahre alt waren sie nun und seit jeher eine untrennbare Einheit. Als sie jetzt von ihm gehalten wurde und die Möglichkeit bekam, mitten an einem Samstagvormittag ein Schläfchen zu machen, stellte sie sich vor, dass auf diese Weise zu sterben irgendwann ganz angenehm sein könnte. Friedlich und vollkommen.

Folge 15

 

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4 Antworten zu “Tara – Folge 14

  1. Pingback: Nestwärme | marga auwald

  2. Ach Marga, so ist es, das Leben.
    Immer nah am Tod, immer nah der Liebe.

  3. Pingback: Stein des Anstoßes | marga auwald

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