Tara – Folge 15

Diese eine Sache

Aus einem Abend zu viert wurde nichts. Am Nachmittag erhielt Henni einen Anruf seines Vorgesetzten und nach einem aufgeregten Wortwechsel setzte er sich an den Computer und arbeitete. Nach einer Stunde konnte er den Aufwand so gut abschätzen, dass er die Verabredung absagen musste. Joel hingegen war nicht bereit dazu, sein Steak in den Wind zu schießen. Er überredete Tara, den Abend mit ihm und seiner Frau zu verbringen.

Am Ende blieben sie aber zu zweit, weil sich Cornelia nicht wohl fühlte.

„Hübsches Kleid“, lobte Joel, als er ganz Gentleman den Stuhl für sie heranrückte.

„Danke. Kannst du dir vorstellen, dass Henni mich dazu gedrängt hat, es zu kaufen?“

Der Freund lachte: „Auf so eine Idee bin ich noch nie gekommen. Allerdings muss ich zugeben, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann.“

Als Stammgast kannte Joel alle Angestellten in diesem Lokal und plauderte mit der Kellnerin, während diese die zwei unnötigen Bestecke abräumte.

Ein Aperitif wurde aufgetischt.

„Bist du in Feierlaune?“, erkundigte sich Tara belustigt. Joel war ganz offensichtlich auf einem Höhenflug.

„In der Tat, das bin ich“, bestätigte er breit grinsend. „Unter anderem liegt das daran, dass Cornelias Neujahrsvorsatz beinhaltet, uns gesünder zu ernähren und ich meinem Steak deswegen noch sehnsüchtiger als sonst entgegengefiebert habe.“

„Und was noch?“

„Brauche ich noch mehr? Ich sitze hier mit dir und genieße gleich ein schönes Stück Fleisch.“

Tara erinnerte sich daran, dass Cornelia früher davon gesprochen hatte, wie ausgeglichen und fröhlich Joel nach den Fahrten mit dem Motorrad immer gewesen war. Sie erkundigte sich mit amüsierter Faszination, ob es womöglich wieder ein Zweirad in seinem Leben gäbe.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Das war etwas zwischen mir und meinem Pap.“

„Aber du vermisst es“, spekulierte Tara aufgrund seiner Mimik.

„Schon möglich. Aber das spielt einfach keine Rolle mehr.“

Joels Tochter war ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters auf die Welt gekommen. Fünfeinhalb Jahre waren seither also vergangen.

„Ich bin einfach nie ohne ihn gefahren“, erläuterte Joel, „darum käme es mir komisch vor. Manche Gewohnheiten und Dinge sterben mit den Menschen.“

Einen Moment lang betrachteten sie beide ihre Gläser.

„Genauso, wie es auch Neues entwickelt.“

„Ach ja?“, fragte Tara und war unschlüssig, wie viel sie darüber hören wollte.

Joel zuckte mit den Schultern.

„Wir treffen uns zum Beispiel immer an seinem Geburtstag. Die Familie ist eng zusammengerückt und wir wissen, wie sehr wir einander brauchen.“

Seine Familie war von einer Sekunde auf die andere gewaltsam verkleinert worden, Tara hatte hingegen die Möglichkeit, vorher noch ganz bewusst mit ihren Jungs zusammenzurücken. Sie spürte Dankbarkeit dafür. Dennoch. Am Ende würde das Ergebnis dasselbe sein. Sie schluckte.

„Und du besuchst auch jedes Wochenende sein Grab“, hielt sie eine weitere neue Routine fest.

Völlig überrascht sah Joel sie an und schob die Brille an die Nasenwurzel.

„Woher weißt du das?“

Tara grinste.

„Also wirklich!“, empörte sich Joel übertrieben. „Worüber plaudern Cornelia und du eigentlich?“

Die Steaks wurden serviert. Mit großem Appetit aßen sie eine Weile schweigend.

Plötzlich richtete sich Joel auf und deutete mit dem Messer auf sie.

„Und kennst du auch mein neues Hobby?“

Sie wusste nicht, wovon er sprach.

„Also das Motorrad, das ist Geschichte. Aber letzten Sommer habe ich zum ersten Mal einen Fallschirmsprung gemacht und ein paar Mal habe ich es auch schon mit Bungeesprüngen versucht.“

Dieser dünne, verrückte Professor ihr gegenüber behauptete allen Ernstes, dass er gerne in die Tiefe sprang. Das war eine Vorstellung, die Tara nicht sofort gelingen wollte. Nach mehrmaliger Bestätigung, beschloss sie ihm dann doch zu glauben.

„Und warum hat mir das Cornelia nie erzählt?“

Er lachte. „Wenn ich euch verstehen würde! Hey!“ Seine Augen leuchteten aufgrund einer spontanen Idee auf. „Kommst du mal mit? Ein Fallschirmsprung?“

„Nein, nein“, verwehrte sich Tara augenblicklich.

So schnell ließ Joel aber nicht locker. Vermutlich gab es etliche Menschen auf dieser Welt, die sich gerne für eine solche Aktion entscheiden würden. Tara hatte aber noch nie zuvor diesen Wunsch gehegt. Joel bezirzte sie und bettelte auch ein wenig, was sie genoss, doch es gab einfach keinen Grund für sie, warum sie das tun sollte.

Durch eine Frage wollte sie herausfinden, ob das Fallschirmspringen tatsächlich so große Bedeutung für ihn hatte, wie er hier vorgab.

„Du willst mir also weismachen, Joel, wenn du nur noch eine Sache heute Abend tun könntest, würdest du dir einen Fallschirm umschnallen?“

Konnte es sein, dass dieses Hobby wirklich so wichtig für ihn war?

Er fragte nach: „Jetzt im Moment? Eine Sache?“

„Genau jetzt.“

„Das ist leicht“, lachte er. „Dann säße ich genau hier mit dir.“

Diese absolut ehrliche Antwort berührte Tara tief und sie wusste, bei ihr war es genau gleich.

Ohne zu überlegen, verkündete sie: „In Ordnung. Ich komme mit. In diesem Frühjahr noch.“

 

Folge 16

25 Antworten zu “Tara – Folge 15

  1. Pingback: Diese eine Sache | marga auwald

  2. Ich komme mit. Für dich überwinde ich meine Höhenangst.

  3. Das wird bestimmt ein tolles Erlebnis, trotz aller Befürchtungen im Vorfeld. 🙂

    Ich wünsche viel Spaß den beiden Damen.

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