Tara – Folge 20

Weiter, immer weiter

Die Autofahrt zu den Schwiegereltern war lang und zermürbend. Offenbar hatten die drei Buben beschlossen, dass sie sich heute in keiner Kleinigkeit einig sein wollten und das wurde lautstark kundgetan. Schimpfen und bitten seitens der Eltern half alles nichts und so stiegen am Ziel fünf mehr und weniger schlecht gelaunte Menschen aus dem Wagen.

Mit ein paar raschen Handgriffen ordnete Tara Haare und Hemdkrägen, dann wurde die Türe geöffnet und sie konnte nur noch hoffen, dass es nicht den ganzen Abend so weitergehen würde.

Anlass für den Besuch war die gewonnene Bürgermeisterwahl von Hennis Vater. Seit zwei Monaten war er bereits im Amt und nach dem Weihnachtstrubel und den ganzen Feiertagen war nun die Familie an der Reihe, diese Tatsache im engen Kreis zu feiern.

Die Kleinen zwei warfen ihre Schuhe und Jacken von sich und stürmten davon, Jonas hingegen hielt sich auffallend still neben Henni. Vermutlich hatte er beschlossen, dass der Abend für ihn schon gelaufen war. Tara streichelte ihm zärtlich über den Rücken, doch er schüttelte sie ab und begab sich ins Esszimmer, wo die anderen Gäste Platz genommen hatten.

Unauffällig schielte Tara über ihren Kopf. Mit der ganzen Streiterei und Wüterei hatte sie ihren Schwebe-Stein eine Weile lang vergessen, sobald sie aber nur eine Sekunde lang nach ihm spürte, wusste sie augenblicklich, dass er noch hier war. Das ganze Jubel- und Trubel-Zeugs lenkte davon ab, mehr aber nicht. Sie zog die Nase kraus. Nur weil man ihn mit Alltag übertünchte, bequemte sich dieser Begleiter also nicht, das Weite zu suchen.
Nicht nur, dass die sich von dem Stein verfolgt fühlte, noch mehr wünschte sie sich m_wie_wunder weg, die sie eigentlich und noch viel mehr vergessen hatte wollen. Mit ihr war dieses drückende Gebilde in ihrer Imagination überhaupt erst aufgetaucht. Die Schuldfrage war somit geklärt, das Problem aber noch existent.

Mit diesen Überlegungen und einem leisen Stöhnen ließ sich Tara auf dem Stuhl neben Henni nieder. Seinen fragenden Blick beantwortete sie sofort.

„Alles nervt“, flüsterte sie. Er sollte nicht befürchten, dass sie sich mit körperlichen Schmerzen herumplagte.

Tatsächlich lächelte er sie daraufhin kurz an und zwinkerte ihr zu. Unglaublicher Weise half das, ihre Stimmung ein kleines Bisschen zu heben.

Ein bleibender Zustand wurde das allerdings nicht und auch Henni verlor während des Hauptgangs die Geduld. Er stand auf und forderte Jonas nachhaltig dazu auf, mit ihm nach draußen zu kommen. Zuerst sträubte sich der Junge, doch weil der Papa gar so konsequent blieb, trottete er schließlich unter Tränen vor Henni in die Küche. Während dort also ein ernstes Vater-Sohn-Gespräch stattfand, beruhigten sich auch die anderen anwesenden Kinder langsam. Mathias saß bei seiner Oma auf dem Schoß und erzählte bunte Lügen seines Kindergartenalltages, Benjamin wurde damit abgelenkt, dass das Püree zu einem Soßenteich umfunktioniert wurde. Die anderen drei Kinder waren von vorneherein weniger von dem Drang durchzudrehen betroffen gewesen und setzten das Essen fort.

Als Henni und Jonas zurückkamen, verging genau so viel Zeit, dass Henni einen Bissen zu sich nehmen konnte, dann platzte Mathias heraus: „Mein Papa hat eine Affäre.“

Augenblicklich war es mucksmäuschenstill am Tisch. Hustend beugte sich Henni über seinen Teller und Tara klopfte ihm helfend auf den Rücken.

Timos Blick war mehr als fragend, er schien irritiert, dass er nach seiner Aussprache mit dem Bruder auf diesem Weg erfahren sollte, dass Henni ganz persönlich sein Dilemma kannte und nichts davon erwähnt hatte.

„Nein“, lachte Tara und auch ihr Mann schüttelte immer noch hustend den Kopf.

Kindern und Erwachsenen konnte das Missverständnis relativ rasch erklärt werden. Ein Scherz stand dahinter, ein Missverständnis und niemand schien ernsthaft zu glauben, dass Derartiges in der Familie vorkommen könnte. Nur Timo blieb skeptisch. Für ihn war wohl alles im Bereich des Möglichen, nach dem, was er selbst gerade durchmachte.

Auf dem Nachhauseweg herrschte im Auto großes Schweigen. Jonas war, müde von seiner unbestimmten Wut, eingeschlafen, genauso wie Benjamin, dem der Abend einfach nur zu lange gedauert hatte. Mathias blickte ins Nichts, schien mit offenen Augen zu träumen und die Erwachsenen hingen ihren Gedanken nach.

„Ich frage mich, warum bei uns gerade alles so durcheinander gerät“, sprach Henni unvermittelt.

Nun erfuhr Tara, dass neben Timos Beziehungsproblemen auch die Schwester Maren zu kämpfen hatte. Die Firma ihres Mannes war gerade aufgekauft worden und die Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners stand praktisch vor der Tür. Dass Henni als dritter in der Geschwisterreihe sich damit auseinandersetzen musste, bald alleinerziehender Vater und Wittwer zu sein, brauchte er nicht extra zu erwähnen.

„Kann nicht alles einfach so bleiben wie es war? Warum muss sich alles ändern?“, schloss Henni nachdenklich.

Diese Frage stellte sich Tara selbst gelegentlich, eine Antwort hatte sie allerdings nicht parat. Keine, die genügen konnte.

Zu ihrer Verwunderung meldete sich Mathias zu Wort, der offenbar zugehört hatte.

„Aber Papa, dann würde ich doch immer fünf bleiben und nie groß werden. Darum muss das Leben so sein.“

Tara lächelte ihren Sohn warm an und kämpfte gleichzeitig mit Tränen der Rührung.

„Da hast du so recht, mein Schatz.“

Groß werden, über sich selbst hinauswachsen, ja, das war das Geschenk des fortschreitenden Lebens.

Folge 21

 

 

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