Tara – Folge 21

Wellness aus Gewohnheit

Maria schnarchte leise im Bett neben Tara. Diese hatte selbst noch keine Sekunde Schlaf gefunden. So sehr sie die unbeschwerten Morgenmomente liebte, umso gefährlicher und erschreckender kamen ihr die dunklen Stunden in der Nacht vor. Dann drehten sich ihre Gedanken unablässig darum, ob sie eine Patientenverfügung brauchen würde, was darin stehen musste, wie sie den Kindern etwas Persönliches hinterlassen konnte oder ob sie ein Testament machen sollte. Am schwersten auszuhalten war es aber, wenn sie sich vorzustellen begann, was sie im Leben ihrer Söhne alles verpassen würde. In solchen Nächten rannen heiße Tränen über ihre Wangen bis das Kissen völlig durchnässt war.

Heute hatte sie ständig Jonas‘ Worte in ihren Ohren. Beim Packen für das Wellnesswochenende war er in ihrem Schlafzimmer gestanden und hatte gebettelt und geweint.

„Ich will nicht, dass du gehst“, wiederholte er ein um das andere Mal.

„Es ist nur bis morgen Abend“, beruhigte sie ihn notdürftig.

„Wir feiern unsere Männerzeit“, versuchte auch Henni sein Glück.

Doch Jonas war kaum zu beruhigen. Am Ende hatte er sich in sein Schicksal ergeben, Tara zum Abschied fest umarmt und sich dann haltsuchend an den Vater geklammert. Das war untypisch für ihren Großen und darum kam die Erinnerung auch schmerzhaft lebendig zurück, als Tara in ihrem Hotelbett lag.

Sie war froh, dass sie mit Maria ein Zimmer teilen konnte. Liliane und Vanessa waren wesentlich aufmerksamer und Vanessa zudem Krankenschwester. Neben ihnen wäre es komplizierter geworden, die Medikamente geheim zu halten. Maria hingegen war die Sanftmut in Person, die sich nicht für investigative Arbeit eignete und niemals auf die Idee käme, dass man ihr etwas verheimlichte.

Der erste Wellnesstag war vorüber und Tara war alles andere als entspannt. Früher hatte sie den Whirlpool geliebt, nun empfand sie den Druck der Düsen als zu stark. Die Temperatur der Sauna war zu hoch und das Dampfband schlicht und ergreifend anstrengend. Sie flüchtete schlussendlich mit gemurmelten Ausreden in den Swimmingpool, wo sie langsame Bahnen zog oder einfach nur dahintrieb und die Menschen um sich herum beobachtete. Weil aber Vanessa und Liliane bald anfingen sie kritisch zu beäugen, buchte sie eine Massage. Jegliche Art von Druck war undenkbar, aber die Ölvariante konnte als Highlight verbucht werden.

Weil der Schlaf meilenweit entfernt schien, erhob sich Tara schließlich, zog sich an und mit ihren Schuhen und der Handtasche in den Händen verließ sie das Zimmer. Maria sollte durch ihre Unruhe nicht geweckt werden.

Unschlüssig wanderte Tara durch die Hotelgänge und ließ sich dann im Kaminzimmer in ein Sofa mit dicken Kissen sinken.

„Was mache ich hier nur?“, fragte sie sich selbst.

In ihrer Tasche hörte sie das Summen ihres Handys. Es war zwei Uhr nachts und sie wusste nicht, mit wem sie um diese Zeit rechnen musste.

Eine SMS war eingegangen.

Das Bett ist viel zu leer ohne dich.

Henni hatte geschrieben, offenbar fand auch er keinen Schlaf.

Sie rief ihn an.

„Du bist noch wach?“, wollte er überrascht wissen.

„Ich kann nicht schlafen.“

Es entstand eine Pause.

„Ich auch nicht.“

„Wie geht es den Buben? Hat sich Jonas beruhigt?“

Henni erzählte ein wenig von ihrem Tag und versicherte, dass es Jonas gut ging.

„Was soll ich tun, Henni?“, wollte Tara dann ohne Überleitung wissen.

„Was ist los? Was meinst du?“

Sie konnte seine Besorgnis hören.

„Meine alte Routine funktioniert nicht mehr. Wellnessen war früher angenehm und lustig. Heute mag ich lieber daheim sein.“

„Mir geht es auch so.“

„Ja?“

„Unser Männerwochenende ist nicht mehr dasselbe.“

„Vielleicht…“, begann Tara.

„Ich höre.“

„Vielleicht wird es Zeit, so manche Routine zu vergessen. Es ist nicht mehr so, wie es war und es wird auch nicht mehr so werden.“

„Heißt das, du wirst anderen sagen, was los ist?“

Nein, an diesem Punkt war Tara ganz sicher nicht. Doch sie wollte noch bewusster und genauer ihr Leben betrachten, um herauszufinden, was ihr dienlich war und was nicht. Ein Wochenende mit Freundinnen, das gepflastert war mit Ausreden, unangenehmen Prozeduren und ständigen Gedanken an daheim, gehörte ganz sicher nicht mehr zu ihr.

„Man kann doch auch wenn man gesund ist, hin und wieder hinterfragen, ob die Gewohnheiten noch passen oder ob etwas verändert werden muss. Wie viel mehr dann in meiner Situation?“

Das Dumme war nur, dass sie keine Ahnung hatte, was sie wirklich wollte. Ihre Tage waren selbst jetzt noch so ausgefüllt und vollgestopft, ihr fehlte einfach die Idee, wie sie die gesuchten Antworten bekommen konnte.

„Vielleicht müsste ich meditieren beginnen, oder so?“, überlegte sie laut.

Henni gähnte, offenbar half ihm das Gespräch dabei zur Ruhe zu kommen.

„Das kann sein“, dachte er mit ihr weiter.

Keiner von beiden hatte es jemals mit Meditation versucht.

„Joels Mutter kann dir vielleicht helfen“, erinnerte sich Henni.

Tara hatte die Frau bei seltenen Anlässen kennengelernt, eine klare Vorstellung fehlte ihr allerdings.

Zurück im Bett richtete sie den Blick auf den Stein über ihr.

„Was machst du da nur?“, fragte sie ihn leise.

Wie zu erwarten, bekam sie keine Antwort von ihrem unsichtbaren Ballast. In diesem Moment schwor sich Tara, es ganz bestimmt mit Meditation versuchen zu wollen. Wenn schon, dann wollte sie mit ein paar Antworten für ihren inneren Frieden abtreten.

Folge 22

 

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