Tara – Folge 22

Kreislauf mit Nahtstelle

Das Heimkommen war mit Abstand der beste Teil des Wochenendes. Selbst wenn Tara noch hundert Jahre alt werden würde, sie wusste, niemals wieder würde sie zum Wellness fahren. Sie erkannte, dieses gekünstelte sich Gut-gehen-Lassen hatte vor allem damit zu tun, dass sie ihr Leben im Alltag nicht wirklich gelebt hatte. Nur daher kam das Bedürfnis nach Wegfahren, Massagen und Herumliegen. Aber mittlerweile hatte Tara gelernt, das auch zu Hause zu bekommen. Sie umarmte ihren Mann und die Kinder so oft wie möglich, wurde selbst in die Arme genommen, sie rastete, wenn sie eine Pause brauchte und sie plante kleine Genuss-Oasen ganz bewusst ein. Mehr brauchte sie nicht. Niemand brauchte mehr.

Nachdem Tara die Kinder zu Bett gebracht hatte, fand sie Henni mit seinem Notebook auf der Couch.

„Bedeutet Homeoffice, dass du von nun an auch am Sonntag arbeitest?“, fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.

Er ließ es sich gerne gefallen, seine Beine mit ihren zu verknoten.

„Nur ein bisschen noch“, murmelte er und weil er gar so vertieft schien, schnappte sich auch Tara ihren Laptop.

Es war nicht schwer die Mailadresse von Joels Mutter zu finden. Sie arbeitete in einem Yogastudio und wurde auf der Homepage persönlich aufgeführt. Tara schickte ihr eine kurze Mail, in der sie ihren Wunsch äußerte, in einer persönlichen Einheit das Meditieren erlernen zu wollen.

Henni saß ihr mit strengem Blick gegenüber. Er war gänzlich in seine Arbeit vertieft.

„Vielleicht solltest du einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen. Eine Auszeit für dich nehmen“, schlug sie spontan vor.

Nur, weil sie nun wusste, dass ihr Platz zu Hause war, bedeutete das noch lange nicht, Henni müsse es genauso gehen. Immerhin hatte er in der letzten Zeit mehrmals davon gesprochen, sich eine Pause zu wünschen.

Ihre Worte fielen nicht gerade auf fruchtbaren Boden.

„Fang du nicht auch noch an!“, gab er unwirsch zurück.

„Warum? Wer sagt das noch?“

Ruckartig sah er hoch und blickte in ihre Augen. Dann atmete er hörbar aus und deutete auf den Bildschirm.

„Ich lese manchmal in so Foren.“

Die Art wie er das sagte und die Tatsache, dass es ihm nicht leicht fiel, diese Worte auszusprechen, machte es für Tara klar, von welcher Art von Foren er sprach. Es ging um einen Austausch mit Menschen, die zu den Hinterbliebenen gehörten.

„Und was steht da?“, erkundigte sie sich mit belegter Stimme.

„Tara, hast du Angst vor dem Tod?“

Dieser Themenumschwung brachte sie kurzfristig aus dem Konzept.

„Nein, nicht direkt. Eher fürchte ich mich davor, wie mein Leben am Ende aussehen könnte. Schmerzen zum Beispiel.“

Er schien von der Antwort begeistert.

„Eben! Genau das meine ich auch. Die meisten hier reden sich nur gegenseitig zu, wie sie das Leben noch schaffen. Ständig soll man an sich selbst denken, Auszeit nehmen, in Urlaub gehen und das ganze Zeugs. Ich verstehe das schon. Auf die Dauer…“ Er schluckte den Rest des Satzes hinunter. Von einem Leidensweg über Jahre, wie es andere erlebten, war bei ihnen keine Spur. Er kam zurück zu seinem Anliegen: „Aber bei vielen scheint mir, als läse ich nur von der Angst, dass der Tod in ihr Leben eintritt.“

„Und bei dir ist das anders?“

Henni klappte das Notebook zu und sah sie zärtlich an.

„Ich will nicht, dass du stirbst. Das zerreißt mir das Herz. Aber ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich auch nur eine Sekunde verpasse. Von deinem Leben und auch von deinem Sterben. – Entschuldige. Das klingt komisch.“

Für Tara waren dies die wohltuendsten Worte seit langem. Ihr Mann, ihr Freund – schlicht: Henni musste nicht bei ihr bleiben, nein, er wollte es.

Sie krabbelte zu ihm und schmiegte sich an seine Brust.

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird. Dass du mich dann so wie jetzt ihm Arm hältst“, flüsterte sie.

Diesen Gedanken hatte sie noch nie zuvor ausgesprochen.

„Wie denn sonst?“, hörte sie seine Stimme ganz dicht an ihrem Ohr. Er schniefte und streichelte ihren Kopf. „Wie sonst sollte es sein? Ich bin da.“

Henni war ein mutiger Mann. Kein klassischer Held, der mit Tamtam und Gebrüll Aufmerksamkeit erregte. Er zeigte seine Stärke genau jetzt. Er half Tara jeden einzelnen Tag ihres Lebens als Leben zu begreifen und auch umzusetzen. Dabei scheute er sich nicht, diesen Weg mit ihr zu gehen und für die Kinder und sich selbst würde er es schaffen, auch ihrem Tod einen Platz zu geben. So, dass das Ende kein Abbruch, sondern stattdessen zu einer Nahtstelle in einem fortwährenden Kreis wurde.

Es tat so wohl, das zu erkennen, dass Tara fast augenblicklich und völlig entspannt einschlief.

 

Folge 23

 

 

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