Tara – Folge 23

Urlaub nur im Kopf

Zum Mittagessen kam Henni an diesem Montag nach Hause und brachte dabei praktischer Weise auch die drei Kinder mit. Das war in den letzten Jahren nur selten vorgekommen.

Was hingegen gar keinen Platz mehr gehabt hatte, das war das Meer. Tara blätterte versonnen in einer Hochglanzbroschüre. In der anderen Hand hielt sie ihre Kaffeetasse und schwelgte in den angepriesenen Urlaubsreisen voller Wärme, Sonne und bunter Cocktails.

Das letzte Mal als Tara am Meer gelegen hatte, war sie einundzwanzig Jahre alt gewesen. Es hatte sich um einen herrlichen Spätsommer gehandelt und gemeinsam mit Henni war sie braun geworden und im Glück geschwommen. Im folgenden Jahr, wenige Tage vor ihrem Geburtstag kam dann Jonas zur Welt und diese Art von Urlaub war vorbei. Seither waren sie höchstens ein paar Tage an einen See gefahren oder in ein Familienhotel. Ein Kind, bald das zweite und schließlich Benjamin hatten lange Reisen völlig undenkbar werden lassen.

Heute gab sich Tara allerdings den Träumen hin. All-inklusive, also auch mit Stunden nur für sich selbst zum Schlafen, Träumen und Lesen.

„Das wäre schön“, seufzte sie für sich.

Henni blickte von seinem Computer auf.

„Was?“

„Urlaub am Meer. Das sollten wir mal wieder machen.“

Er tippte schon wieder weiter.

„Klar. Such dir etwas aus und buche…“, entweder zögerte er oder war von seiner Arbeit kurzfristig abgelenkt, „buche etwas Schönes für uns.“

Seine Zustimmung, die ganz nebenher ausgesprochen wurde, machte sie nicht glücklich. Vielmehr warf es sie aus ihrem Traumschloss und ließ sie hart in der Gegenwart aufknallen. Der kommende Sommer würde schon zu spät für sie sein.

„Wo möchtest du hin?“, fragte sie nicht mehr euphorisch und beobachtete Henni.

„Egal was. Wir werden eine schöne Zeit haben“, antwortete er sofort.

Zu schnell. Automatisch. Er war nicht wirklich Teil dieser Unterhaltung. Schweigend beobachtete sie seinen versteinerten Gesichtsausdruck, der auf den Bildschirm fixiert war. Nach einer Weile bemerkte er das und sah auf.

„Was, Tara?“ Es klang nach einer Anschuldigung.

Sie richtete sich auf und schob die Prospekte von sich weg.

„Kannst du bitte aufhören immer nur ja und mach nur zu sagen? Du gibst mir das Gefühl, als sei dir alles recht, weil ich bald die Radieschen von unten ansehe. Im Grunde interessiert dich ein Urlaub nicht, du willst gar nicht verreisen.“

Anstatt abermals wie automatisiert zu antworten, strich sich Henni über die Stirn, zog einen Mundwinkel zurück und atmete durch.

„Das tut mir leid. Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, als sei mir das egal. Lass uns am Abend gemeinsam die Angebote ansehen und dann entscheiden wir, was das Richtige für uns ist.“

Während sie noch überlegte, was sie von dieser Entschuldigung halten sollte, widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Nach wenigen Sekunden hob er allerdings ruckartig den Kopf. Von dem Entgegenkommen und dem Leid-Tun war nichts mehr in seinem Ausdruck vorhanden.

Er stemmte die Hände zu beiden Seiten auf den Tisch.

„Und außerdem“, begann er in herrischem Ton, „musst du schon verzeihen, dass ich manchmal sehr wohl im Kopf habe, dass uns nicht mehr endlos Gelegenheiten geschenkt werden. Manchmal muss ich mir das sogar vorstellen und es wichtiger als alles andere werden lassen. Ansonsten würde ich dich nämlich in eine psychiatrische Anstalt einweisen lassen, wenn du mit den Kindern in einem selbstgebauten See planschst und dabei den Parkett versaust!“

Es war heraußen, das spürte Tara genau. Worte, die er schon lange in sich trug.

Mit aufgeregten Lidschlägen und einem leeren Schlucken fasste sie sich wieder.

„Ich brauche jetzt einen Schnaps!“, verkündete sie dann und stand auf.

„Du… was?“ Damit hatte sie nun Henni aus der Bahn geworfen.

„Wenn du mich eh einweisen lassen willst, kommt es auf einen Grund mehr oder weniger nicht an.“

Er erhob sich ebenfalls.

„Du wirst nicht anfangen, mitten am Tag Alkohol zu trinken!“, bestimmte er.

Das hatte sie auch nicht wirklich vorgehabt. Eine spontane Idee, ein Scherz war es gewesen, doch ihr war selbst nicht zu Lachen zumute.

„Glaubst du, dass mir die Krankheit den Verstand rauben wird?“, wollte sie an ihren Mann gerichtet wissen. „Glaubst du, dass ich verrückt werde?“

Tatsächlich stimmte fast gar nichts mehr in ihrem Leben. Alles stand Kopf und was früher undenkbar gewesen war, das tat sie nun. Stundenlang am Boden spielen und dafür die Hausarbeit liegen lassen, die Haare erst am Nachmittag waschen, in Jogginghosen zur Schule fahren, dem Wellness abschwören, mit den Fingern essen. Womöglich war sie wirklich dabei, sich selbst zu verlieren.

„Nein“, antwortete Henni. „Aber ich werde fast verrückt. Das alles macht mir eine solche Angst, dass ich gar nicht weiß, wohin damit.“

Er trat zu ihr und legte die Hände auf ihre Hüften. Tara streichelte sein Gesicht. Heute hatte er sich nicht rasiert, auch das war neu.

„Du wirst das schaffen, Henni. Du bist stark und mit beiden Beinen am Boden.“

„Wenn die Kinder nicht wären…“, flüsterte er und Tara wurde von einem eisigen Schauer erfasst.

„Henrik! Denk nicht einmal daran! Du wirst leben! Auf alle Fälle!“

Er wollte sich ihr entwinden, doch sie hielt ihn fest. Sie musste von ihm hören, dass er es schaffen wollte, auch ohne sie glücklich zu sein. Der Henni, den sie kannte, der durfte nicht mit ihr sterben. Nicht einmal zum Teil.

„Ich will, dass du lachst und das Leben genießt. Nicht nur für die Jungs. Du musst auch selbst Leben in dir spüren.“

„Tara“, sprach er verzweifelt.

„Nicht Tara! Nein! Wo… Stell dir vor. Wo soll denn ich dann sein? Du bist mein Alles. Jetzt und dann noch viel mehr.“

Einige Zeit sprach sie wahllos auf ihn ein. Beschwor ihn, schimpfte und bat, damit er auch wirklich verstand, wie wichtig es für sie war, dass er nicht aufgab. Dass er die Trauer überwinden würde und für sich und die Buben ein Leben in Fülle erfuhr.

Nachdem er einige Zugeständnisse gemacht hatte und mit leisem Widerwillen versprach, ihre Wünsche zur respektieren, begann Tara an diesem Tag damit, ihre eigene Trauerfeier zu planen.

 

Folge 24

 

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