Tara – Folge 24

Geatmet werden

War es normal, aufgeregt zu sein, wenn man zur Meditation fuhr?

Joels Mutter hatte auf Taras Mailanfrage umgehend geantwortet und ihr einen Termin zukommen lassen. Nun stand sie vor dem Yogazentrum und streckte sich nach der Autofahrt erst einmal durch. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie nun erwartete.

Am Empfang wurde Tara von einem per aufgestelltem Namensschild ausgewiesenen David / Trainee begrüßt und zum Warten in die Küche geführt. Tee, Kekse und Obst gab es zur freien Entnahme, doch sie verspürte keinen Hunger. Wenn sie zu viel aß, rächte sich das außerdem in anhaltenden Magenbeschwerden.

Simone kam mit langen Schritten auf sie zu. Tara kannte sie von Joels Hochzeit und einzelnen Geburtstagsbesuchen. Ihre Haare waren seit dem letzten Kontakt kürzer geworden, reichten nur noch knapp bis zu den Ohren. Um den Hals trug sie wie immer schon den Ehering ihres verstorbenen Mannes, der mit einem Lederband verknüpft war. Die Augen aufmerksam und von Lachfalten umgeben, was ihr ganz allgemein einen sympathischen Ausdruck verlieh.

Zusammen begaben sie sich in einen kleinen Raum, in dem es für aktiven Yoga zu warm gewesen wäre. Es duftete gut und Tara entspannte sich langsam.

In zwei Sesseln saßen sie sich gegenüber und Tara versuchte stotternd zu erklären, weshalb sie diesen Termin gewünscht hatte. Dass sie todkrank war, erwähnte sie nicht, stattdessen die innere Unruhe, die sie manchmal befiel und die über weite Strecken schlaflosen Nächte.

Simone lachte.

„Ja, ich habe eine gute Vorstellung. Du wirst schon beim Reden darüber ganz zappelig“, meinte sie freundlich.

Tara seufzte.

Auf Simones Vorschlag hin, ließ sie sich auf ein weiches Fell auf den Boden betten. Mit Kissen unter dem Kopf und den Knien wurde eine möglichst angenehme Liegeposition angestrebt.

„Möchtest du gerne Musik oder es lieber ganz in der Stille versuchen?“

Die Stille und deren drückende Schwere kannte Tara aus ihren Nächten zur Genüge, deshalb entschloss sie sich für die musikalische Begleitung.

Mit samtigen Worten führte Simone Tara zu sich, in ihren Körper. Jeder Teil wurde wahrgenommen und bewusst entspannt. Was über Sicherheit und Geschützt-Sein gesagt wurde, weitete sich in Tara aus, ohne als direkte Ansprache registriert zu werden. Die Wärme und die leise Musik lullten sie vollkommen ein.

Womöglich, schoss es ihr blitzartig in den Kopf, war sie nur müde und würde in wenigen Minuten einfach einschlafen.

Simone führte sie zu ihrem Atem und Tara konzentrierte sich angestrengt. Sie wollte sich nicht die Blöße geben.

„Versuch dich auszudehnen. Spüre den Boden unter dir“, sprach Simone und danach weitere einzelne Sätze. „Auch er pulsiert. – Die Erde atmet. – Ihr Einatmen erhebt auch dich, ihr Ausatmen ist Massage. – Du wirst geatmet. – Mutter Erde atmet dich.“

Die Worte verschwammen in der Großartigkeit des Erlebnisses. Bei wachem Verstand hätte Tara das nicht für möglich gehalten, doch sie konnte genau dieses große Pulsieren spüren. Es tat so wohl. Sie fühlte sich getragen und mit dem Gefühl, von dieser überdimensionalen Macht geliebt zu sein, flossen heiße Tränen. Der Kampf des täglichen Lebens glitt von ihr ab, sie lag einfach hier und wurde geatmet. Tara spürte, wie sie es aus Angst vor möglichen Schmerzen nicht mehr gewagt hatte, Luft tief in ihre Lungen einzusaugen. Nun, da sie selbst im Grunde gar nichts tun musste, kehrte der Atem wie von selbst zu ihr zurück. Wenn diese enorme Kraft, die sie um sich spürte, das tat, dann vertraute sie darauf, dass es nicht wehtun würde. Sie ließ noch ein kleines Bisschen mehr los.

Nachdem undefiniert viel Zeit vergangen war, regte sich in Tara die Befürchtung, dass dieses Erlebnis schon bald beendet sein würde. Dass Simone die Meditation auflösen würde und die Musik erstarb. Doch als sie ihre Ohren spitzte, konnte sie keine Bewegung von Simone hören, es gab nichts, das ein Ende eingeläutet hätte, das Musikstück schien in Endlosschleife zu laufen.

Noch einmal begab sich Tara in den Zustand, der ihr das Schönste war, das sie seit langem gespürt hatte.

Irgendwann zog sich das große Pulsieren, der Atem der Erde zurück. Der Eindruck, getragen zu werden, wurde langsam weniger und der Boden unter dem Körper nahm an Härte zu. Tara kam wieder in diesem Raum, in ihrem Körper an. Dabei wollte sie noch nicht aufwachen. Ihre Augen blieben zu und zum Schutz noch die Handflächen darüber. Sie würde sterben und das alles hier, auch die Gegenwart der Erde, würden ihr unendlich fehlen. Das Leben mit all seinen Eindrücken, dem Vogelgezwitscher, dem Schneeknirschen, den Sommerregen und Herbststürmen war so wunderbar, dass sie nicht gehen wollte. Nicht jetzt, nach so kurzer Zeit schon.

Obwohl es ein eigenartiges Bild sein musste, wie sie so mit Händen auf dem Gesicht weinend dalag, ließ Simone nichts von sich vernehmen. Irgendwo musste sie vollkommen regungslos sitzen und was? Sie beobachten? Hatte sie die Augen selbst geschlossen? War sie womöglich gar nicht mehr im Raum?

Nunmehr interessiert blickte sich Tara um und sah, dass Simone unweit von ihr völlig regungslos mit überkreuzten Beinen saß.

Erst als sich Tara wieder gefasst hatte, gereckt und gestreckt, erwachte auch Simone zum Leben.

Die Verabschiedung erfolgte mit einer herzlichen Umarmung.

„Keine Sorge“, sprach Simone in ihr Ohr, „ich werde es keinem verraten.“

Anfangs war Tara geschockt. Konnte diese Frau womöglich Aura sehen, Gedanken lesen oder ähnliches? Doch mit den Metern und Kilometern, die sie sich entfernte, wuchs die Vermutung, dass sie ihre Gedanken zum Leben, ohne es zu wollen, laut ausgesprochen hatte. Ihr Herz schlug schneller. Ja, hoffentlich verriet Simone ihrem Sohn nichts davon. Tara wollte nicht, dass Joel auf diesem Weg davon erfuhr. Wenn – eines Tages dann –, so musste sie es ihm persönlich mitteilen.

Folge 25