Tara – Folge 3

Vergessen, um zu leben

„Was, wenn ich vergessen würde, dass ich sterben muss?“, überlegte Tara. Es klang verlockend. Federleicht und daunenweich.

Ein Bildungsprogramm war mit der Post gekommen und sie hatte gedankenlos darin zu blättern begonnen. Sie kannte eine der Vortragenden und las begeistert, was nun neu angeboten wurde. Ein gnadenloser Blitz die Sekunde, in der Tara realisierte, dass es dann, wenn dieses Seminar stattfand, sie nicht mehr geben würde. So weit konnte sie schon nicht mehr planen. Dabei wäre es schön gewesen, diese inspirierende Frau wiederzusehen. Hätte sie sich nur nicht erinnert.

Am liebsten würde sie vergessen, dass sie starb. Es war ein Segen, die eigene Dead-Line nicht zu kennen. Ganz klar ein Segen und das erkannte sie in aller Deutlichkeit.

Vor zwei Stunden hatte Tara mit Henni gestritten, weil er sich dafür aussprach, die Familie zu informieren und sie war dagegen. Mitleid konnte sie gerade nicht ertragen und anderes erwartete sie nicht, denn ein Tun gab es in ihrem Fall ganz grundsätzlich nicht mehr.

„Eine Familie ist dazu da, schwierige Zeiten mitzutragen“, argumentierte Henni.

„Es geht hier um mich und ich sage nein!“, hatte Tara daraufhin geschrien und innerlich mit dem Fuß aufgestampft.

Bis der jüngste Sohn mit einem blutenden Finger daher kam, war es in dieser Art weitergegangen. Keiner von beiden wollte seine Position aufgeben. Tara vermutete, dass Henni die Familie vor allem für sich als Unterstützung wollte und dafür hatte sie keinen Sinn. Nicht jetzt. Egoismus war das einzige Recht, das sie noch besaß.

„Vergessen“, murmelte sie und lächelte. Das fühlte sich an wie Heimkommen. Wie Erlösung. Ja, es stand fest. So lange wie möglich würde niemand davon erfahren.

Als es an der Türe klingelte, sprang Tara auf. Ihre Eltern waren zum Kaffee eingeladen und darauf freute sie sich sehr.

Henni hatte die Klinke schon in der Hand, als sie ihn erreichte und ihm einen Kuss auf die Lippen drückte. Er war ihr bester Freund, er respektierte ihre Entscheidung und darum durfte sie nun vergessen.

„Wann hast du das letzte Mal die Pflanzen gegossen?“, fragte die Mutter als erstes und blickte tadelnd zum Ficus in der Ecke.

„Au ja“, jubelte es in Tara. „Mama, lass uns streiten. So wie immer.“

 

Folge 4

 

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4 Antworten zu “Tara – Folge 3

  1. Die Frage ob man informieren soll oder nicht, kann nur jeder selbst beantworten. Beides hat Vor- und Nachteile. Es ist wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

    • Pest oder Cholera, kein Richtig und kein Falsch…

      • Ich wüsste nicht, wie ich mich entscheiden würde in dieser Situation. Wahrscheinlich würde ich direkte Verwandtschaft (Frau, Kinder, Eltern, Geschwister) einweihen. Beim Rest eher nicht, aber die Frage ist, wie lange man so etwas überhaupt geheim halten kann.

      • Irgendwann, da stimme ich zu, kommt der Punkt, da geht es nicht mehr anders.

        Vielleicht sind es am Anfang noch diese Tage (Wochen), bis man sich selbst daran gewöhnt hat, der allergrößte Schock abgebaut ist, bis man Worte dafür findet.

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