Tara – Folge 5

Knitterfalten

Wenn es mit dem Leben doch genau so leicht ginge, überlegte Tara und beobachtete mit neuen Augen, wie das dampfende Bügeleisen über das zerknitterte Hemd glitt und es glättete, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Das Leben einfach so mit einer kurzen Bewegung von ungewollten Falten befreien. Allerdings war dafür große Hitze und Wasserdampf notwendig, das störte die idyllische Fantasie nachhaltig und nach einer kurzen Pause im Schrank begann das Spiel mit getragen und gewaschen werden von vorne. Das Leben als ein Kreislauf von glätten und zerknittern.

Sie war alleine zu Hause, denn Benjamin war von der Nachbarin abgeholt worden. Es war normal, nicht außergewöhnlich, dass sie von Zeit zu Zeit einander die Kinder entführten und so hatte sie sich nicht getraut etwas dagegen zu sagen. Weil niemand von ihrem baldigen Ende wissen sollte, musste sie Worte wie: „Lass mir den Kleinen hier, ich will so viele Minuten und Sekunden wie möglich mit ihm verbringen“ oder „In ein paar Monaten ist Henni dann froh, wenn du ihn unterstützt“, für sich behalten. Es war ein Abschied mit Wehmut in ihrem Herzen gewesen, als sie den kleinen Burschen warm eingepackt an der Haustüre hatte ziehen lassen.

Aber so war es nun mal und sie tat gut daran, sich darin zu üben.

Sie hatte sich der Hausarbeit zugewendet und fand es eine Offenbarung, dass mit dem baldigen Tod vor Augen eine solche Tätigkeit in neues Licht gerückt werden konnte. Eher war sie davon ausgegangen, dass sie bald keinen Finger mehr rühren würde, weil es wie Zeitverschwendung schien. Stattdessen fühlte sie sich inspiriert und leicht, während sie der Philosophie des Bügeleisens folgte.

Das Knallen der Türe riss sie aus der Meditation des Augenblicks. Mit großen Schritten stürmte Henni ins Wohnzimmer und blieb abrupt stehen, als er sie wahrnahm. Hastig sah er sich um, strich sich mit fahrigen Bewegungen durch die Haare.

Es wirkte, als hätte er eine Katastrophe erwartet und wusste nun nicht, wohin mit seinem Adrenalin.

Einmal drehte er sich um die eigene Achse.

„Wo ist Benjamin?“, fragte er dann, doch es war nur eine Ausflucht, das war eindeutig.

Benjamin. Der Jüngste. Bis er zur Welt gekommen war, hatten sie keinen Namen für ihn gefunden. Jonas übernahm dann die Entscheidung. Henni hob ihn auf das Bett, damit er sich seinen neuen Bruder ansehen konnte.

„Welchen Namen sollen wir ihm geben?“, fragte der Vater wichtig.

„Benjamin Blümchen“, verkündete Jonas und küsste das Baby auf die Stirn.

Als der damals fast Dreijährige von der Schwangerschaft erfahren hatte, dass da also etwas in Mamas Bauch wuchs, hatte er gekichert: „Vielleicht ist es ja ein Elefant!“ – Er war ein großer Fan von der Zeichentrickfigur Benjamin Blümchen gewesen.

Bis zuletzt blieb das ein Scherz innerhalb der Familie, doch für Jonas war es mehr und somit hatte der Jüngste dann auch seinen Namen erhalten.

Tara erklärte, wo sich das Nesthäkchen aufhielt und beobachtete, wie sich Henni langsam von seinem Schreck erholte. Er zog die Schuhe auf dem Teppich aus und setzte sich auf die Lehne der Couch. Die Füße vergrub er unter den Kissen.

„Du warst heute nicht beim Arzt“, sagte er ohne Überleitung.

Das hatte sie komplett vergessen. Wollen.

Tara zuckte mit den Schultern. „Unwichtig, oder?“

Hier beim Bügeln, da konnte sie Einblicke ins Leben gewinnen, nicht in einem sterilen Wartezimmer. Sie konnte getrost auf einen regelmäßigen Countdown verzichten und Medikamente hatte sie genug.

„Wir haben versucht, dich zu erreichen, aber dein Handy ist tot“, murmelte Henni, wobei er sie mit eindringlichen Augen ansah.

Um sich ein wenig abzulenken, schnappte sich Tara ein T-Shirt und breitete es auf dem Bügelbrett aus.

„Ich habe mein Telefon weggeworfen“, gab sie dann zu.

Langsam ergab es einen Sinn, warum er wie von der Tarantel gestochen mitten an einem Arbeitstag hier auftauchte. Er hatte sich Sorgen um sie gemacht.

„Es lenkt mich vom Leben ab“, erklärte sie zusätzlich, ohne ihn anzusehen.

Sein lautstarkes Seufzen ließ sie aufsehen.

„Du machst es mir nicht gerade leicht, Tara.“

Das kleine Bisschen schlechtes Gewissen wurde zu einer Eruption aus Zorn.

„Na, entschuldige vielmals! Mir wird das alles auch nicht gerade leicht gemacht!“, schimpfte sie und das Bügeleisen zischte bestätigend.

„Es tut mir leid“, nahm sich Henni sofort zurück.

„Untersteh dich!“, schimpfte Tara unterdessen. „Du wirst mir nicht mit Wohlfühl-Geschwätz kommen, nur weil du weißt, dass ich nicht mehr lange hier sein kann. Ich will, dass du ehrlich mit mir bist!“

Er überlegte.

Das gefiel ihr, denn es bedeutete, ernst genommen zu werden. Der Zorn legte sich ein wenig, immer noch in Alarmbereitschaft.

„Ich mache mir Sorgen um dich, wenn ich weiß, dass es keine Möglichkeit für einen Anruf gibt. Was, wenn etwas mit den Jungs ist? Oder mit dir? Es war egoistisch, das Telefon einfach wegzuwerfen. Denkst du auch mal eine Sekunde an mich?“

Nein, das hatte sie in jenem Moment nicht getan. Sie zog eine Schnute, hin und hergerissen davon, ihren Egoismus mit der tödlichen Diagnose zu verteidigen und der Einsicht, dass er gerade in Bezug auf die Kinder Recht hatte.

„Schaff dir zumindest ein Wertkartenhandy an, damit wir zwei die Möglichkeit haben…“

„Du glaubst, ein Vertrag rentiert sich nicht mehr für mich?“, unterbrach sie ihn barsch.

„Herrgott“, stöhnte er, „dann ein neuer Vertrag. Mir egal. Aber ich will, dass du erreichbar bist.“

Henni hatte blaue Augen. Im Grunde hatte sich Tara immer vorgestellt, einen Mann mit dunkelbrauner Iris zu heiraten, aber es gab nichts, das es aufwiegen konnte, wenn man mit dem besten Freund eine Familie gründete. Wenn sie es wollte, dann stritt er sich sogar mit ihr.

Ein Lächeln huschte völlig autonom über ihr Gesicht und seine blauen Augen fingen es sofort auf. Auch er entspannte sich.

„Hast du morgen Abend schon etwas vor?“

Nein, das hatte sie nicht.

„Warum? Was hast du für Pläne?“

„Meine Liste abarbeiten“, erklärte er ernst.

„Was für eine Liste?“

„Ich habe mir notiert, was ich noch alles mit dir erleben möchte und morgen gehört dazu.“

 

Folge 6

 

5 Antworten zu “Tara – Folge 5

  1. Bis zum letzten Satz konnte ich die Tränen zurück halten. Es ist schrecklich so etwas sagen zu müssen.

    • Ja, ich finde auch, dass die Tränen schon ab der Hälfte hätten fließen sollen.

      (Danke. Ich versuche die wohlwollenden Worte einfach anzunehmen.)

      • Ist so eine persönliche Sache, das Weinen zu unterdrücken. Bei Krankheit und Tod geht es allerdings nicht. Das nimmt mich immer wieder mit.

      • Einmal mehr, einmal weniger. Bei mir sind es Phasen. Abschied nehmen ein großes Thema. Immer wieder. Es gibt grenzenlos versöhnte Momente damit und viele feuchte.

  2. Pingback: Stein des Anstoßes | marga auwald

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