Tara – Folge 6

Überrumpelt

„Sollte eigentlich nicht ich diejenige sein, die eine Liste abarbeitet?“, murrte Tara missmutig und zupfte das Kleid über ihrem Bauch zurecht. „Eine To-Do-Liste, eine Vor-dem-Tod-möchte-ich-Liste?“

„Niemand hindert dich daran“, gab sich Henni ungerührt. „Dieses Mal war ich aber schneller.“

Er hatte sie geradezu genötigt, ein neues Kleid zu kaufen. Als ob das noch Sinn machen würde! In ein paar Monaten konnte man sie darin beerdigen, nicht mehr und nicht weniger. Rausgeschmissenes Geld. Aber er war absurd hartnäckig geblieben und den ganzen Tag über nervtötend gut gelaunt. Im Gegensatz dazu gab sich Tara keine Mühe, ihren Unmut zurückzuhalten.

Nie hätte sie gedacht, dass es ein Wunsch von ihm sein könnte, gemeinsam auf eine Firmenfeier zu gehen. Gab es wirklich nichts Sinnvolleres? Sogar zu Hause vor dem Fernseher einzuschlafen, schien bedeutsamer zu sein, als sich anzusehen, was die Tochter des Chefs in Afrika erlebt hatte.

Die meisten Menschen im Veranstaltungssaal kannte Tara noch aus den Zeiten vor den Kindern, als sie Henni das eine oder andere Mal bei offiziellen Anlässen begleitet hatte. In manchen Gesichtern schien die Zeit wie stillgestanden und das zu bemerken, lenkte sie beinahe von ihrer grundsätzlich distanzierten Haltung ab.

Die Fotos aus Afrika und die Berichte eines Projekts, die dazu anregen sollten, Geld zu spenden, schienen Henni nicht zu interessieren, dennoch strahlte er wie ein Kind. Irgendetwas ging in ihm vor, das er Tara noch nicht enthüllt hatte.

„Darf ich mich kurz zu dir setzen“, sprach Hennis Chef und zeitgleich nahm er den Platz auch schon ein. Henni war auf der Toilette, hatte ihr aber versprochen, dass sie nicht mehr lange bleiben würden. Der Höhepunkt war vorbei und die ersten Menschen waren schon aufgebrochen. Tara wollte nach Hause, sie war müde, weil sie stundenlang erfolglos im Trüben gefischt und ihren Mann doch nicht zu greifen bekommen hatte.

Zwei Sätze Smalltalk wurden ausgetauscht, während derer sie sich wunderte, dass Hennis Vorgesetzter sie so einfach Duzte. Sie erinnerte sich nicht daran, dass sie vor sechs Jahren schon an diesem Punkt gewesen wären.

„Geht es Henrik gut?“, fragte er nun und Tara spitzte die Ohren.

„Warum fragst du?“, wollte sie bemüht neutral wissen. Das Du hatte sie extra hervorgepresst. Wenn sie Hennis Geheimnis auf die Spur kommen wollte, dann musste sie sich womöglich mit diesem Mann hier verbünden.

„Weil er gekündigt hat.“

Darauf war sie nicht gefasst gewesen. Er hatte gekündigt? Ihre rechte Hand flog blitzschnell auf ihre Brust und versuchte das aufgeschreckte Herz zu beruhigen. Warum? Suchend blickte sie sich im Raum um, Henni war nirgends zu sehen. Geschah das gerade wirklich?

„Ich habe ihm gesagt, dass ich sein Schreiben noch nicht anerkennen werde. Er soll sich bis zum Monatsende Zeit nehmen. Wir brauchen ihn. Wir wollen, dass er bleibt. Sag ihm das!“

„Was?“, murmelte Tara geistesabwesend und suchte weiterhin nach Henni.

„Gemeinsam finden wir sicherlich einen gangbaren Weg für beide Seiten.“

„Was?“, wiederholte Tara wie betäubt. Dann fasste sie sich. „Ja. Ich werde mit ihm reden“, versprach sie und ging, ohne sich zu verabschieden.

Mit leuchtend roten Wangen fing Henni sie im Foyer ab.

„Komm!“, forderte er sie auf und zog sie bereits an den Händen mit sich.

„Henni, warte!“, bremste sie ihn mit vor Unglauben in Falten gelegter Stirn.

Was war mit ihrem Mann passiert? Welchen Plan hatte er in seinem Kopf? Seine Stimmung passte so gar nicht zu dem, was Tara gerade erfahren hatte und das verunsicherte sie. Er führte sich manisch auf, als würde er den Verstand verlieren.

Verschwörerisch beugte er sich zu ihr und flüsterte in ihr Ohr: „Ich will, dass du mit mir zur Toilette kommst.“

Empört legte sie beide Hände auf seine Brust.

„Sicher nicht!“, widersprach sie mit unterdrückter Stimme.

Rund um sie herum standen andere Menschen, die bei normaler Lautstärke kein Problem hätten, ihrem Gespräch zu folgen.

„Ich hatte noch nie Sex auf einer öffentlichen Toilette. Das steht auf meiner Liste und ich will das jetzt mit dir tun.“

„Bist du noch bei Trost?“

Tara schob ihn von sich.

„Komm schon!“, versuchte er sie zu animieren.

„Nein. Ich will nicht.“

Hätte er sie darauf vorbereitet, dann hätte er womöglich eine Chance gehabt, aber nun war sie ihm schon den halben Tag in ihrer Unwissenheit ausgeliefert gewesen und das hatte ihre Bereitschaft zu einem Abenteuer gekostet. Außerdem war da noch immer die Sache mit der Kündigung, über die sie miteinander sprechen mussten.

Später saßen sie schweigend im Auto. Nun war Henni kein aufgeregter Jugendlicher mehr, sondern ein enttäuschter Erwachsener.

„Das wolltest du nicht wirklich“, machte Tara einen Versuch, mit ihm in ein Gespräch zu kommen.

Er reagierte nicht, starrte stur in die Nacht hinaus.

„Deine Arbeitskollegen hätten das doch mitbekommen. Absolut peinlich.“

„Ein Mann, der mit seiner eigenen Frau einen Quicky auf der Toilette schiebt?“, gab er brummend zurück. „Machst du Witze? Die hätten mich gefeiert.“

Ja, vielleicht. Tara drehte sich ab und lehnte sich mit der Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Lichter zogen an ihr vorüber, sie nahm alles nur noch undeutlich wahr.

„Geht es dir gut?“, fragte Henni plötzlich mit Sorge in seiner Stimme.

Es war ihm wohl wieder eingefallen, dass seine Frau todkrank war.

War ihr das wirklich lieber als der Henni, der verrückte Ideen hatte und Abenteuer im Alltag suchte?

„Alles in Ordnung“, murmelte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.

Seine Hand legte sich auf ihren Schenkel.

„Muss ich mich entschuldigen?“

„Nein.“

Mit einem Seufzen setzte sie sich auf und sah ihn an. Geistesabwesend spielte sie mit seinem Ehering.

„Sag mir warum“, forderte Tara.

Henni wandte den Blick ab.

Sein Schweigen drückte mehr aus, als es Worte hätten wiedergeben können.

Gedanken daran, dass ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrann, hatte sie selbst oft genug. Noch immer drehte sie an dem Ring, den sie so gut kannte. Seine Hand wärmte sie durch den Stoff des neuen Kleides hindurch. Mit Willenskraft verdrängte sie, was so greifbar im Inneren des Autos zwischen ihnen schwebte. Trauer. Taubheit. Einsamkeit.

„Bieg hier ab!“, wies sie ihn unwillkürlich an, was beide gleichsam aufschrecken ließ.

Augenblicklich gehorchte er.

„Was willst du hier?“

Rund um den großen Parkplatz waren verschiedene Geschäfte angeordnet. Natürlich hatten alle geschlossen, bis auf ein Fastfoodlokal. Selbst zu dieser späten Stunde gingen immer wieder Gäste aus und ein.

In einigem Abstand dazu hielt Henni den Wagen an. Er wandte sich ihr zu und sah, wie sie sich fest auf die Unterlippe biss. Langsam hob er die Hand an ihre Wange.

„Tara, Schatz, was ist los?“

„Ich habe meine eigene Liste gerade angefangen.“

Er zog die Augenbrauen zusammen.

„Ja? Und?“

Punkt Nummer eins: Henni einen Punkt seiner Liste schenken.

„Hier gibt es eine Toilette“, sagte sie mutig und hoffte, dass dieses Gefühl nicht nachließ.

 

Folge 7

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